Zwillings-Roman Die Schwester, die im Kopf lebt

Ist sie tot? Oder lebt sie ein glückliches Leben in einem fernen Land? Die Schriftstellerin Dina Nayeri hat für ihr Debüt zwei unzertrennliche Zwillingsschwestern getrennt.

Henri Blommers

Von


Jeder Mensch mag nur ein Leben haben, aber dazu hat er unzählige Was-wäre-wenn-Leben. Die Schriftstellerin Dina Nayeri zum Beispiel ist als Zehnjährige mit ihrer Familie von Iran in die USA gezogen. Vor ein paar Jahren ist sie durch griechische Dörfer gereist, die sie an die Dörfer in Iran erinnert haben, wie sie sagt. Und sie begann sich zu fragen, wie ihr Leben aussehen würde, wenn ihre Familie damals in Iran geblieben wäre.

Nayeri hat diese Frage mit Literatur beantwortet, und dafür die Figur von Zwillingen erschaffen: Saba und Mahtab. Zwei Mädchen aus einem fiktiven Dorf namens Chesmeh im Norden Irans. Die anders sind, als die übrigen Dorfbewohner, weil ihre Familie reich ist und christlich und ihre Mutter Wert darauf legt, dass sie westliche Romane lesen und sich die Füße mit Bimsstein abreiben, damit sie nicht die rauen Fußsohlen der Arbeiter bekommen.

Saba und Mahtab sind unzertrennlich, bis sie elf Jahre alt sind und die Familie eines Tages zum Teheraner Flughafen fährt. Sabas Vater sitzt am Steuer, die Mutter auf dem Beifahrersitz, Saba sitzt hinten. Aber wo ist Mahtab? Die Eltern geben Saba nur Ausflüchte statt Antworten. Sie werden Mahtab am Flughafen treffen. Und Jahre später kann sich Saba nur noch an Bruchstücke dieses Tages erinnern. Hat sie Mahtab wirklich am Flughafen gesehen? Sind Mahtab und ihre Mutter in das Flugzeug in die USA gestiegen? Haben die Eltern die Schwestern aufgeteilt, um wenigstens einem der Mädchen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen? Oder war alles ganz anders und Mahtab ist seit einem Badeunfall tot, wie ihr die Nachbarinnen einreden wollen? Und wurde ihre Mutter von den Sittenwächtern ins Gefängnis gebracht?

Ein Leben im 30-Minuten-Takt

Saba will glauben, dass ihre Mutter und Mahtab in den USA leben, und sie kann nicht glauben, dass es sie nicht mehr gibt. Und so erzählt sie Geschichten aus diesem Was-wäre-wenn-Leben aus den USA. Jede Geschichte 30 Minuten lang und mit der Lösung eines Problems endend, wie sie es aus den amerikanischen Serien kennt, die sie zu überteuerten Preisen auf dem Schwarzmarkt kauft. Mahtab findet ihren ersten Job in der Küche eines Diners. Mahtab lässt sich die Nase operieren und färbt sich das Haar kastanienbraun. Mahtab geht nach Harvard. Mahtab lernt einen Jungen kennen, der Lacrosse spielt und blonde Haare auf den Armen hat. Mahtab verlässt den Jungen, weil sich in den USA keine Frau einem Mann unterordnen muss. Mahtabs Leben ist ein verzerrtes Spiegelbild von Sabas eigenem Leben in dem iranischen Dorf, in dem die Frauen mit ihren dunklen Umhängen wie Krähen aussehen und Saba einen Mann heiraten muss, der fast so alt ist wie ihr Vater, statt auf eine Universität zu gehen.

Und so ist Dina Nayeris Debüt-Roman "Ein Teelöffel Land und Meer" nicht nur ein Roman über eine Kindheit und Jugend in Iran nach der Revolution, sondern vor allem ein Roman über das Geschichten-Erzählen. Und so kommen auch die alten Frauen des Dorfes zu Wort und eine Freundin ihrer Mutter. Und mit jeder Perspektive mischt Nayeri dem Roman weitere Geschichten bei, über die Kindheit der Zwillinge und Sabas besten Freund Reza, in den sie heimlich verliebt ist. Auf diese Weise ist Nayeri ein komplexes Debüt gelungen, das ganz auf die Kraft des Erzählens vertraut. Ein unaufdringliches, das seiner Geschichte Zeit und Seiten lässt. Nachdem eine der Frauen im Dorf Saba davon abbringen will, Geschichten über ihre Schwester zu erzählen, indem sie ihr sagt, Geschichten seien nur etwas für kleine Mädchen, widerspricht Sabas Ersatz-Großmutter Kahnom Mansuri: "Was für ein kleines Mädchen gut ist, ist auch für eine erwachsene Frau gut. Erwachsene Frauen brauchen bloß größere Portionen." Dieser Roman ist die All-you-can-read-Erzählung unter den Büchern dieses Herbstes.


Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Mare Verlag, Hamburg; 528 Seiten; 22 Euro.



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roger-waters 16.07.2013
1. sehr interessant,...
...echt jetzt. Hoffentlich taucht dieser Artikel nächsten Montag auch in der Printausgabe auf, lese gerne 2 x den selben Text, wenn ich dafür bezahlen kann. Make my day!
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