Siebziger-Analyse David Bowies Flirt mit den Nazis

Zwischen Donna Summer und Charles Manson: Der Pop-Spezialist Jens Balzer seziert in einem neuen Buch die Siebzigerjahre - und killt nebenbei den Mythos, Punk sei eine linke Jugendkultur gewesen.

David Bowie in den Siebzigern über Großbritannien: "Dieses Land schreit nach einem Führer"
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David Bowie in den Siebzigern über Großbritannien: "Dieses Land schreit nach einem Führer"


"Die schwarzen Kanaken und Nigger und Araber und verdammten Jamaikaner gehören hier nicht her, wir wollen sie hier nicht", sagt er. "Das ist England, das ist ein weißes Land … Großbritannien bleibt weiß!" Das äußerte kein hauptberuflicher Neonazi, sondern Eric Clapton 1976 bei einem Gig in Birmingham. David Bowie, als "Thin White Duke" Fan von Nazi-Ästhetik, verkündete derweil via "Playboy" über Großbritannien: "Dieses Land schreit nach einem Führer."

Diese Verfehlungen von Weltstars, die auch von heute sein könnten (man denke nur an Morrissey), platziert der Pop-Autor Jens Balzer in seinem neuen Buch "Das entfesselte Jahrzehnt - Sound und Geist der 70er". Dabei gehört "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken: Die Geburt der Antifa und des Nazi-Rock" zu den spannendsten Kapiteln, weil es den Mythos killt, Punkrock sei insgesamt eine linke Jugendkultur gewesen, die nur mit Nazi-Ästhetik gespielt hätte.

Denn etwa die Sex Pistols führten nicht nur Hakenkreuze auf T-Shirts spazieren, sondern spielten eben auch das von Sid Vicious geschriebene Lied "Belsen was a Gas", in dem sie davon schwärmen, dass das KZ Bergen-Belsen ein großer Spaß gewesen sei.

Autor Jens Balzer: unterhaltsam, wild zusammengewürfelt
Votos - Roland Owsnitzkic/ imago images

Autor Jens Balzer: unterhaltsam, wild zusammengewürfelt

Laut Balzer "gibt es eine direkte historische Linie, die vom Thin White Duke über die Sex Pistols bis zu Beate Zschäpe führt": Der glühende Sex-Pistols-Fan Ian Stuart Donaldson gründete 1976 die Gruppe Skrewdriver, die als Punkband begann und später eine rechtsextreme Ausrichtung annahm. 1986 hob Donaldson mit einem Roadie die Organisation "Blood and Honour" aus der Taufe, die Musiker und Aktivisten europaweit vernetzte, acht Jahre später entstand ihre "Division Deutschland", zu deren Sympathisanten unter anderem die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe gehörten.

Diese Abhandlung über Rechtsextremismus und Popwelt bildet dabei nur ein Kapitel in Balzers 429 Seiten starkem Buch - er hat sich nicht weniger vorgenommen, als die Siebziger aufzublättern und dem Resonanzraum einer westlichen Kultur nachzuspüren. Balzer springt thematisch hin und her: zwischen eben Nazi-Ästhetik, Science-Fiction, Feminismus, "Schulmädchen-Report", Frauenbewegung, RAF, Perry Rhodan, Antibabypille, Muppets, "Asterix und das Atomkraftwerk" … und Haaren: In dem Kapitel "Eine kurze Geschichte der Frisurenkunst in den siebziger Jahren" huldigt Balzer David Bowies Vokuhila und Paul Breitners Afro.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Jens Balzer
Das entfesselte Jahrzehnt: Sound und Geist der 70er

Verlag:
Rowohlt Berlin
Seiten:
432
Preis:
EUR 26,00

Die Siebziger waren "eine Zeit, in der das Neue mehr gilt als das Alte und das Experiment mehr als die Tradition. Das hat natürlich nicht nur helle Seiten, auch der obsessive Flirt mit dem Bösen und Destruktiven ist ein Signum dieses Jahrzehnts." Sucht man die roten Fäden in diesem unterhaltsamen, aber eben auch wild zusammengewürfelten Buch, sind das am ehesten zwei Stars der Zeit, die beides in sich tragen: David Bowie und Charles Manson.

Bowie, das extreme Chamäleon, soll in seinem "The Laughing Gnome" von 1967 den gleichen Gesangseffekt benutzt haben wie Vader Abraham beim "Lied der Schlümpfe" von 1979. Charles Manson, Ex-Singer-Songwriter, erfand sich als Guru, befehligte Sexorgien und Morde. Sein Ziel: "Die gesamte Welt beherrschen und berühmter sein als die Beatles".

Vater Abraham in der ZDF-Hitparade: Gleicher Gesangseffekt wie Bowie?
Walter Becher/ DPA

Vater Abraham in der ZDF-Hitparade: Gleicher Gesangseffekt wie Bowie?

Ein Manko des Balzer-Wälzers ist, dass weibliche Ikonen wie Joni Mitchell, Siouxsie Sioux, Grace Jones oder Janis Joplin nur erwähnt werden; Debbie Harry fehlt gar komplett. Immerhin hat Discoqueen Donna Summer ein paar Seiten abbekommen, aber schneidet auch nicht wirklich gut ab: Im Kapitel "Auch Frauen haben manchmal einen Orgasmus: Donna Summer bringt die Disco-Musik nach Deutschland" ist vom 1975 von Giorgio Moroder fabrizierten Hit "Love to Love You Baby" die Rede, der die Disco-Bewegung lostrat.

Donna Summer 1979: leicht onkel-eklig
AP

Donna Summer 1979: leicht onkel-eklig

Allen, die den Song nicht kennen, mutet Balzer folgende Übersetzung zu: "Aaah! Uuuuh! Mmmmh! Uaaah! Huuuuh! Rrroaarr! Ich liebe es, dich zu lieben, Baby! Aaaaah! Huuuh! Hihihihi! Ooh" - und beschreibt die musikalische Begleitung leicht onkel-eklig als "mit atemlos knapp vor dem Höhepunkt herumzitternden Streichern und einer liebevollst mit wirklich ganz spitzen Fingern gekraulten Gitarre". Oops.

Dafür würzt Balzer sein Buch mit berührenden persönlichen Geschichten. Zum Beispiel offenbart er, dass er bis Ende der Siebziger nahe des geplanten und 1985 in Betrieb genommenen Atommülllagers viel Zeit in Gorleben verbrachte, wo seine Großeltern lebten - "eine stille, verwunschene, naturbelassene, archaisch-agrarische Gegend". Und weiter: "Wann immer ich in meiner Kindheit dorthin kam, hatte ich tatsächlich das Gefühl, an das Ende der Welt gelangt zu sein."

Jüngere Leser können über diesen persönlichen Zugang über die Protestbewegung in Gorleben lernen. Ältere in Erinnerungen schwelgen - an die erste Demo, den ersten Jeansjacken-Button mit "Atomkraft, nein danke" drauf. Und sie finden sogar kleine Schönheitsfehler: Balzer, selbst Jahrgang 1969, schreibt, bis zur Einschulung 1975 Zuhause gewesen zu sein, weil "es in der westdeutschen Provinz in den Siebzigerjahren noch keinerlei Kindergärten oder Kindertagesstätten gibt". Das stimmt so nicht. Die Autorin dieser Kritik war Anfang der Siebziger im Kindergarten und zwar in einer norddeutschen Kleinstadt. But never mind.



insgesamt 38 Beiträge
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napoleonwilson 01.06.2019
1. Zeitliche Unstimmigkeiten..
Die Morde der Manson Familie gehören zeitlich in die End Sechziger. Die Morde geschahen 1969. Das Urteil erging 1970. Und Perry Rhodan wurde auch in den sechziger Jahren erschaffen (1961).
newline 01.06.2019
2. Ich wurde 1965 geboren,
und bin ganz normal in einen Kindergarten gegangen. Den gibt es übrigens immer noch, ich gehe regelmäßig daran vorbei.
krusti74 01.06.2019
3. Selten...
So einen Blödsinn gelesen! Belsen was a gas als Verharmlosung des holocaust zu bewerten zeugt von wenig Hintergrundwissen. Wahrscheinlich sollte die Textzeile "God Save the Queen - the fascist Regime" auch zur Diktatur UK aufrufen ...
RobertFischer 01.06.2019
4. Falscher Mythos?
Wer bitte hat je die Punks als "links" verortet? Einer ihre Lieblingsfeinde waren doch "die Hippies" - und die waren oder verstanden sich nun wirklich als "links".
nwz86 01.06.2019
5. Provokation
Da hat jemand das Prinzip der Provokation der Gesellschaft nicht verstanden. Dass sich mit solchen Schrottanalysen Bücher verkaufen lassen...
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