Terror-Roman "Das fahle Pferd" Ich bombe, also bin ich

Boris Sawinkows nun wiederentdeckter Roman "Das fahle Pferd" handelt vom Attentat auf einen Politiker. Der russische Autor wusste, wovon er schrieb: Er war der erste Berufsterrorist.
Von Thomas Andre
Boris Sawinkow (1879-1925): "Ich wünsche mir kein friedliches Leben"

Boris Sawinkow (1879-1925): "Ich wünsche mir kein friedliches Leben"

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Der Terrorist ist eine stete Bedrohung nicht nur der westlichen Gesellschaft. Diese steckt ihn derzeit meist in das Gewand des Islamisten, der für Allah und die Jungfrauen im Jenseits tötet. Eine beunruhigende und doch komfortable Vorstellung: Der religiöse Eiferer bringt den Terror in die Städte, weil er seinem Glauben dient oder zu dienen vorgibt.

Auf andere Weise unheimlich ist der ideell unbehauste Mensch, der um des Terrors selbst willen Terrorist ist. So einer ist George, der Icherzähler in Boris Sawinkows sagenumwobenen Roman "Das fahle Pferd", der 1908 erstmals erschien und nun in einer neuen deutschen Übersetzung vorliegt. Erzählt wird von einer hochgerüsteten Mörderclique, die im Russland der vorletzten Jahrhundertwende den Moskauer Generalgouverneur eliminieren will. Der Kopf der Bande, die professionell die Tat vorbereitet und dennoch mehrere Male scheitert, ist der Erzähler, der wechselnde Identitäten annimmt, unter anderem die eines Engländers.

Die RAF nahm sich russische Sozialrevolutionäre zum Vorbild

Dieser Mann glaubt anders als seine Kompagnons an nichts als die Tat. "Ich wünsche mir kein friedliches Leben", schreibt er einmal in seinem Bericht. Der ist so knochentrocken wie die Logik, nach der sein Held lebt: Ich bombe, also bin ich. Der kühle, abgeklärte Ton des Textes, der in der Übersetzung Alexander Nitzburgs im ungebremsten Rhythmus der Tat über die Zweifel am kriminellen Tun hinwegmarschiert, spiegelt die Kompromisslosigkeit des Gangsters. Er war ein Role Model für die RAF - deren Mitglieder orientierten sich erklärtermaßen an den russischen Sozialrevolutionären.

"Das fahle Pferd" gehört zu der Art von Retroliteratur, die man gemeinhin als "Wiederentdeckung" bezeichnet - im Falle von Sawinkows Roman die des modernen russischen Erzählens. Was das Sujet angeht, kommt einem die typologisch aufgefächerte Motivation der einzelnen Täter vertraut vor. Wobei im postideologischen Zeitalter der Quasi-Nihilist George derjenige ist, dem man Aktualität bescheinigt; nicht die moralisch argumentierenden und sozialistischen Mitstreiter, die die Verhältnisse aus selbstlosen Gründen umstürzen wollten.

Der Roman öffnet den Blick des Lesers für den Wahn, der den Zusammenhalt der Gruppe nach Fehlschlägen gefährdet - Paranoia überall. Und er charakterisiert den Terroristen als Abenteurer und unternehmerischen Einzelnen, der auf Aufträge wartet und der das Bombenattentat als Handwerk begreift.

Was diesen Roman aber weit vor allem anderen zu einer bemerkenswerten Angelegenheit macht, ist der Autor selbst: Boris Sawinkow (1879-1925) war erst in zweiter Linie Schriftsteller. Zuallererst war er ein Polit-Killer, der zunächst das zaristische System und dann die entstehende Sowjetunion bekämpfte. Somit ist er als Dichter-Terrorist in die Literaturgeschichte eingegangen, der unter anderem in "Das fahle Pferd" eigene Erlebnisse aufschrieb. Die Mordkomplotte, die unter seiner Anleitung geplant und ausgeführt wurden, waren die Taten eines "Zynikers", wie Trotzki Sawinkow einordnete - Letzterer war aus Sicht des Oberrevoluzzers und späteren Stalin-Gegenspielers zudem ein "Revolutionär vom Sportlertyp".

In Paris wurde der Polit-Killer zum Dichter

Die Macht - über Leben und Tod! - ist es, die den Erzähler in "Das fahle Pferd" anzieht, sie macht ihn zum Berufsterroristen, der seine Männer umstandslos für die persönliche Sache opfert. Auf die Sympathie mancher Teile des Bürgertums konnte er - wie spätere Terroristengenerationen - zeitweise zählen, und wenig überraschend fiebert man auch als Leser mit den Verbrechern: "Das fahle Pferd" ist ein Thriller, bei dem man auf die Seite der Umstürzler gezogen wird.

Der historische Sawinkow verlor 1906 den Kampf gegen die zaristische Regierung, als er bei einem Anschlagsversuch gefangenen genommen wurde. Er floh aus dem Gefängnis und nach Paris, wo er, von russischen Literaten hofiert, zum Dichter wurde, ehe er nach Russland zurückkehrte.

Für einen, der ohne Gewissensbisse tötete, für den nur zählte, ein Handelnder zu sein, und für den die gedankliche Begründung der Handlungen insgesamt unwichtig waren, fand die Nomenklatura vor der Oktoberrevolution kurzzeitig Verwendung als stellvertretender Kriegsminister. Als Sawinkow zur Seite der Konterrevolutionäre tendierte, wurde er von der Geheimpolizei verhaftet und starb später unter nicht vollends geklärten Umständen in der Gefangenschaft. Man geht davon aus, dass er nur nach Folter und Zwang dazu bereit war, sich öffentlich mit einem Reuebrief vom Terror loszusagen.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Boris Sawinkow sei nach der Oktoberrevolution kurzzeitig stellvertretender Kriegsminister gewesen. Richtig ist, dass Sawinkow das Amt in der Regierung des Sozialrevolutionärs Kerenski im Sommer 1917 innehatte, aber schon zurückgetreten war, als diese durch die Oktoberrevolution gestürzt wurde. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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Foto: Galiani-Berlin