Familienroman "Das Holländerhaus" Zwei Geschwister und ein Miststück

Die amerikanische Schriftstellerin Ann Patchett erzählt in ihrem neuen Roman "Das Holländerhaus" von der Macht der Vergangenheit und der Notwendigkeit zu vergeben.
US-Illustration von 1956: Der Vater hat es geschafft, die soziale Leiter hinaufzuklettern

US-Illustration von 1956: Der Vater hat es geschafft, die soziale Leiter hinaufzuklettern

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GraphicaArtis/ Getty Images

Die Bühne für diese amerikanische Familiengeschichte über fünf Jahrzehnte ist prächtig: ein schlossartiges Haus außerhalb von Philadelphia, gebaut kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Darin leben zwei Kinder, Maeve und ihr Bruder Danny, mit ihrem Vater; die Mutter hat die Familie verlassen. Maeve und Danny sind für den größten Teil ihres Lebens so sehr in der Vergangenheit gefangen, dass sie beinahe die Gegenwart verpassen.

Der Roman "Das Holländerhaus" wurde von Ann Patchett als eine raffinierte Mischung aus Märchen und psychosozialer Studie komponiert, mit einem altbekannten Plot: Böse Stiefmutter zerstört die Familie endgültig. Als Danny acht Jahre alt ist, taucht eine Fremde wie aus dem Nichts auf: Andrea Smith. Andrea wird die neue Ehefrau des emotional gestörten, wortkargen Vaters. Man kann nur mutmaßen, warum Cyril die blonde Andrea ehelicht - sie ist sehr jung, sehr hübsch, und hat bereits zwei Töchter, mit der Mutterrolle kennt sie sich also aus. Andrea hat es wohl auf den viel älteren, gehbehinderten Cyril abgesehen, weil er reich ist und das schönste, größte, ungewöhnlichste Haus der Gegend besitzt.

"Das Hollländerhaus" der US-amerikanischen Schriftstellerin Ann Patchett, Jahrgang 1963, wurde für den Pulitzer Preis nominiert.

"Das Hollländerhaus" der US-amerikanischen Schriftstellerin Ann Patchett, Jahrgang 1963, wurde für den Pulitzer Preis nominiert.

Foto: NBC/ NBCU Photo Bank/ Getty Images

Es wird das Holländerhaus genannt, weil seine Erbauer Holländer waren. Ihr märchenhafter Reichtum währte nur kurz, aber das Haus erinnerte lange daran: riesige Fenster, im Esszimmer eine hohe Decke mit Vergoldungen, ein Ballsaal im zweiten Stock. In den Zwanzigerjahren wurden hier rauschende Partys à la Gatsby gefeiert.

Cyril kauft das Holländerhaus 1946 inklusive allem Inventar: Möbeln, Tischdecken, den Porträts der vormaligen Besitzer in Öl. Die waren pleitegegangen und inzwischen verstorben, das Anwesen gehörte der Bank und kostete nicht viel. Für Cyril ist das Haus das weithin sichtbare Zeichen: Er hat es geschafft, die soziale Leiter hinaufzuklettern und der bis dahin stets drohenden Armut zu entkommen.

Ein echtes Miststück

Doch seine Frau Elna, die Mutter seiner Kinder, ist entsetzt, sie kann den Prunk nicht ertragen, lieber wäre sie arm geblieben. Bald verschwindet sie spurlos, es heißt, die Katholikin widmete sich dem Dienst an den Armen; bis nach Indien zieht es sie. Tochter Maeve bricht es das Herz, trotzdem bemüht sie sich recht erfolgreich, ihrem kleinen Bruder ein Mutterersatz zu sein. Vater Cyril ist keine Hilfe.

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Patchett, Ann

Das Holländerhaus: Roman

Verlag: Berlin Verlag
Seitenzahl: 400
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Die Stiefmutter Andrea, Mrs Smith, wie Maeve sie am liebsten auch nach der Hochzeit noch nennen würde, ist von schön überzeichneter Biestigkeit. Die Kinder ihres Mannes empfindet sie als Feinde, die ihr den ihr zustehenden Platz in diesem Märchenschloss streitig machen. Mit dem Tod des Hausherrn erfolgt der endgültige Bruch.

Als echtes Miststück hat Andrea schon zu Lebzeiten ihres Gatten für juristische Klarheit gesorgt: Sie ist Alleinerbin. Die Geschwister, Danny, inzwischen 15 und Maeve, 22 Jahre alt, sind nun mittellos und rücken noch enger zusammen. Klug, sensibel, begabt und aufeinander fixiert, suchen sie ihren Weg im Leben, ohne sich lösen zu können von der Vergangenheit. Noch als Erwachsene sitzen sie immer wieder im Auto vor dem Holländerhaus und sprechen über die Vergangenheit.

Danny will irgendwann damit aufhören, die Grässlichkeit Andreas lebendig zu halten. Er fürchtet, "dass wir dazu verdammt wären, unsere Leben für alle Zeit in einem geparkten Wagen auf der VanHoebeek Street zuzubringen, wenn wir weiter diesen Hass aufrechterhielten." Seine Schwester will davon nichts hören, trotz Dannys Warnung: "Aber wir neigen dazu, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu überlagern. Wir betrachten sie durch die Linse unseres heutigen Wissens, sodass wir sie nicht als die Menschen sehen, die wir damals waren, sondern als die Menschen, die wir inzwischen sind, und das bringt eine radikale Veränderung der Vergangenheit mit sich."

Unaufdringlich lehrreich

Dass das Buch nicht in ein seichtes Familiendrama mit Happy End abgleitet, sondern zu Recht für den Pulitzerpreis nominiert war, liegt zum einen am Ich-Erzähler Danny. Dass die Autorin eine Frau ist, die Stimme der Geschichte jedoch eine männliche, wirkt weder störend noch anbiedernd. Die Figur ist lebendig, mit ehrlichen Brüchen. Glaubhaft ringt Danny um eine Antwort auf die Frage, warum alles so kam, warum er der Mensch geworden ist, der sich zum Zeitpunkt des Erzählens mit Anfang 60 erinnert.

Zum anderen gelingt es Patchett ganz nebenbei, ein Bild der amerikanischen Gesellschaft zu zeichnen, vor allem jener der Fünfziger- und Sechzigerjahre, der Zeit des Wirtschaftswachstums, in der gleichzeitig die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs. Das Verhältnis der Geschlechter, die selbstverständliche Dominanz des Mannes, die Kraftanstrengung für eine Frau, selbstbestimmt zu leben – davon erfährt man wie nebenbei, unaufdringlich lehrreich.

So unwahrscheinlich diese Familiengeschichte manchmal anmutet und so überflüssig die eine oder andere Volte im Verlauf erscheinen mag – das Lesevergnügen ist groß, auch wegen der klaren Sprache der Autorin. Dass die Lektüre mehr leistet, als zu unterhalten, liegt an den großen Themen, die hier verhandelt werden, ohne in Kitsch abzugleiten: Schuld, Sühne und Vergebung.

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