SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. Juli 2019, 09:50 Uhr

Benoîte Groult über das Älterwerden

Aber ohne den herrlichen Sex sein? Undenkbar

Von

Ein feministisches Porträt übers Älterwerden: Das "irische Tagebuch" der französischen Schriftstellerin Benoîte Groult zeigt das echte Leben und Lieben hinter dem Bestseller "Salz auf unserer Haut".

Jeden Morgen zum Strand, die Reusen aus dem Meer wuchten, den Hummer, die Garnelen ernten. Später mit dem Boot raus in die Wellen, den Felsen entgegen, Makrelen und Lachs fischen. Dazwischen Netze säubern, Motor ölen. Das alles bei Nieseln, Nebel, Na-ja-Sommerhimmel. Er ist kräftezehrend, der Alltag an der irischen Atlantikküste.

Die da schuftet, das Salz von Meer und Schweiß auf ihrer Haut, ist die französische Schriftstellerin Benoîte Groult, mal 60, 70, 80 Jahre alt. Es ist, als wolle sie ihre Lebendigkeit an den Gezeiten messen. Und vorsichtig ihr Körperalter erfühlen wie man den großen Zeh ins Wasser tunkt: Was fiel im vergangenen Jahr noch leichter? Und wie unkompliziert ist dagegen der Sex, die Lust?

26 Sommer lang geht das so, mal vier, sechs, acht Wochen lang, von 1977 bis 2003, dokumentiert in ihrem nun postum erscheinenden Werk "Vom Fischen und von der Liebe", dem "irischen Tagebuch". Ihre Tochter Blandine de Caunes hat es zusammengestellt aus drei Journalen, die die 2016 Verstorbene parallel führte: einem offiziellen, einem unzensierten und einer Art Fischereilogbuch ("5 Samtkrabben", "3 Lachse").

Als Benoîte Groult sich aufmacht, mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Paul Guimard, ein Haus in Irland zu kaufen, ist sie 59. Dort wird sie auch an dem Bestseller "Salz auf unserer Haut" über die Liebe der Pariser Intellektuellen George und dem bretonischen Fischer Gauvain schreiben, an ihrer Autobiografie "Leben heißt frei sein", an den Tagebüchern. Der Band ist eine Hommage an jene Küste und die Luft, die "viertausend Kilometer Atlantik hinter sich [hat], und so schmeckt sie auch".

Er ist auch der Realitätscheck zur fiktionalen "pragmatischen Sozialutopie", die Groult in "Salz auf unserer Haut" entwirft, wie es die Autorin Antonia Baum nun im Nachwort des neu aufgelegten Klassikers von 1988 formuliert, damals als "literarisches Fast Food" oder kurz: "Porno" abgeheftet.

Prinzipien gegen Gefühle

Aber es ist vor allem ein eindrückliches Porträt übers Älterwerden. Mehr noch, das Porträt einer älter werdenden Feministin. Das zeigt, wie sie im Paarsein weiter ringt: Prinzipien gegen Gefühle. Charlotte Roches neuer Podcast wirkt da wie ein ferner Wiedergänger. Groults Texte ermuntern uns sanft wie nonchalant: Wir können das aushalten. Wie sie, die seit immer mit Paul und alle paar Monate mit Kurt lebt und liebt - Vorbild für Gauvain - und doch gern alles neu infrage stellt: "Zwei Greise sind mir einer zu viel."

Hier der Ehemann, der sie geistig anregt, sich gehen lässt, sie ignoriert, sogar auf Fisch und Krabben hat er zu Groults Frust bald keinen Appetit mehr. Und dort der noch ältere US-Pilot, den sie immer nur für zwei Wochen sieht, über dessen Unwissen sie sich mokiert - aber ohne seine Liebe, seine Blicke, den herrlichen Sex sein? Undenkbar.

Nun sind dies wahrlich nicht die dichtesten, intellektuell stimulierendsten Tagebücher (wer derartiges sucht, nehme Sylvia Plath). Doch die bisweilen arg langatmige Alltäglichkeit ist genau der Punkt: In der Monotonie leuchtet jede Veränderung umso heller auf. Erst recht, weil nur die Irlandsommer angestrahlt werden, der Rest bleibt im Dunkeln.

Die Erkenntnisse kommen für Groult in Wellen. Wie Treibsand unter den Füßen driften die Bilder auseinander: Ihr gefühltes Ich hier - das Frauenstereotyp zwischen Ende 50 und Mitte 80 dort. Die irischen Selbstbeobachtungen der frühen "Second Wave"-Feministin taugen auch deshalb als Vorbild. Weil der Anspruch auf "Belangvolles" - was für ein tolles Wort - noch immer gilt. Weil Feminismus vielfältig gelebt wird. Und mitunter verdammt widersprüchlich.

Allein Groults privilegierte Position: weiße Bestsellerautorin, Gatte erfolgreicher Schriftsteller, vier Häuser, vermögend genug, ihr Leben frei zu gestalten, Dauerbesuch von Intellektuellen, Präsidenten, Schauspielern. Sie, die ihre Lieben nach ihrem Gusto liebt, eine Figur erfunden hat, die sich als Frau definiert, nicht als Mutter, wie es auch Baum nun im Nachwort von "Salz ..." erfreulich genau benennt. Die eine Kommission für weibliche Berufsbezeichnungen für Präsident Mitterrand leitete, darauf bestand, eine "écrivaine" zu sein, von sich sagte, einen Sartre möchte sie "nicht mehr lieben", denn: "Da genüge ich mir selbst, danke!"

Und die dennoch erst in jenen Irlandsommern die Machtdynamik ihrer Ehe austariert, mehrfach geliftet am Ende Lockenwickler Lockenwickler sein lässt, die Nägel gingen "ohnehin beim Hantieren mit den Reusen und Krustentieren kaputt", schreibt sie. "Was für eine Befreiung [...…], hässlich sein zu dürfen!"

Erst dann, spät, mit Mitte 70, macht sie sich an ihre feministische Autobiographie "Leben heißt frei sein". Fürs Älterwerden also: Sommer in Irland. Weil dort jeder Tag so anstrengend lebendig wirkt, als würde man "der Entstehung der Welt beiwohnen".

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung