Benoîte Groult über das Älterwerden Aber ohne den herrlichen Sex sein? Undenkbar

Ein feministisches Porträt übers Älterwerden: Das "irische Tagebuch" der französischen Schriftstellerin Benoîte Groult zeigt das echte Leben und Lieben hinter dem Bestseller "Salz auf unserer Haut".

Benoîte Groult: Prinzipien gegen Gefühle
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Benoîte Groult: Prinzipien gegen Gefühle

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Jeden Morgen zum Strand, die Reusen aus dem Meer wuchten, den Hummer, die Garnelen ernten. Später mit dem Boot raus in die Wellen, den Felsen entgegen, Makrelen und Lachs fischen. Dazwischen Netze säubern, Motor ölen. Das alles bei Nieseln, Nebel, Na-ja-Sommerhimmel. Er ist kräftezehrend, der Alltag an der irischen Atlantikküste.

Die da schuftet, das Salz von Meer und Schweiß auf ihrer Haut, ist die französische Schriftstellerin Benoîte Groult, mal 60, 70, 80 Jahre alt. Es ist, als wolle sie ihre Lebendigkeit an den Gezeiten messen. Und vorsichtig ihr Körperalter erfühlen wie man den großen Zeh ins Wasser tunkt: Was fiel im vergangenen Jahr noch leichter? Und wie unkompliziert ist dagegen der Sex, die Lust?

26 Sommer lang geht das so, mal vier, sechs, acht Wochen lang, von 1977 bis 2003, dokumentiert in ihrem nun postum erscheinenden Werk "Vom Fischen und von der Liebe", dem "irischen Tagebuch". Ihre Tochter Blandine de Caunes hat es zusammengestellt aus drei Journalen, die die 2016 Verstorbene parallel führte: einem offiziellen, einem unzensierten und einer Art Fischereilogbuch ("5 Samtkrabben", "3 Lachse").

Preisabfragezeitpunkt:
25.07.2019, 16:01 Uhr
Ohne Gewähr

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Benoîte Groult
Vom Fischen und von der Liebe: Mein irisches Tagebuch (1977-2003)

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
400
Preis:
EUR 22,00

Als Benoîte Groult sich aufmacht, mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Paul Guimard, ein Haus in Irland zu kaufen, ist sie 59. Dort wird sie auch an dem Bestseller "Salz auf unserer Haut" über die Liebe der Pariser Intellektuellen George und dem bretonischen Fischer Gauvain schreiben, an ihrer Autobiografie "Leben heißt frei sein", an den Tagebüchern. Der Band ist eine Hommage an jene Küste und die Luft, die "viertausend Kilometer Atlantik hinter sich [hat], und so schmeckt sie auch".

Er ist auch der Realitätscheck zur fiktionalen "pragmatischen Sozialutopie", die Groult in "Salz auf unserer Haut" entwirft, wie es die Autorin Antonia Baum nun im Nachwort des neu aufgelegten Klassikers von 1988 formuliert, damals als "literarisches Fast Food" oder kurz: "Porno" abgeheftet.

Prinzipien gegen Gefühle

Aber es ist vor allem ein eindrückliches Porträt übers Älterwerden. Mehr noch, das Porträt einer älter werdenden Feministin. Das zeigt, wie sie im Paarsein weiter ringt: Prinzipien gegen Gefühle. Charlotte Roches neuer Podcast wirkt da wie ein ferner Wiedergänger. Groults Texte ermuntern uns sanft wie nonchalant: Wir können das aushalten. Wie sie, die seit immer mit Paul und alle paar Monate mit Kurt lebt und liebt - Vorbild für Gauvain - und doch gern alles neu infrage stellt: "Zwei Greise sind mir einer zu viel."

Hier der Ehemann, der sie geistig anregt, sich gehen lässt, sie ignoriert, sogar auf Fisch und Krabben hat er zu Groults Frust bald keinen Appetit mehr. Und dort der noch ältere US-Pilot, den sie immer nur für zwei Wochen sieht, über dessen Unwissen sie sich mokiert - aber ohne seine Liebe, seine Blicke, den herrlichen Sex sein? Undenkbar.

Nun sind dies wahrlich nicht die dichtesten, intellektuell stimulierendsten Tagebücher (wer derartiges sucht, nehme Sylvia Plath). Doch die bisweilen arg langatmige Alltäglichkeit ist genau der Punkt: In der Monotonie leuchtet jede Veränderung umso heller auf. Erst recht, weil nur die Irlandsommer angestrahlt werden, der Rest bleibt im Dunkeln.

Preisabfragezeitpunkt:
25.07.2019, 16:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Benoîte Groult
Salz auf unserer Haut: Roman

Verlag:
Ullstein Taschenbuch
Seiten:
336
Preis:
EUR 18,00

Die Erkenntnisse kommen für Groult in Wellen. Wie Treibsand unter den Füßen driften die Bilder auseinander: Ihr gefühltes Ich hier - das Frauenstereotyp zwischen Ende 50 und Mitte 80 dort. Die irischen Selbstbeobachtungen der frühen "Second Wave"-Feministin taugen auch deshalb als Vorbild. Weil der Anspruch auf "Belangvolles" - was für ein tolles Wort - noch immer gilt. Weil Feminismus vielfältig gelebt wird. Und mitunter verdammt widersprüchlich.

Allein Groults privilegierte Position: weiße Bestsellerautorin, Gatte erfolgreicher Schriftsteller, vier Häuser, vermögend genug, ihr Leben frei zu gestalten, Dauerbesuch von Intellektuellen, Präsidenten, Schauspielern. Sie, die ihre Lieben nach ihrem Gusto liebt, eine Figur erfunden hat, die sich als Frau definiert, nicht als Mutter, wie es auch Baum nun im Nachwort von "Salz ..." erfreulich genau benennt. Die eine Kommission für weibliche Berufsbezeichnungen für Präsident Mitterrand leitete, darauf bestand, eine "écrivaine" zu sein, von sich sagte, einen Sartre möchte sie "nicht mehr lieben", denn: "Da genüge ich mir selbst, danke!"

Und die dennoch erst in jenen Irlandsommern die Machtdynamik ihrer Ehe austariert, mehrfach geliftet am Ende Lockenwickler Lockenwickler sein lässt, die Nägel gingen "ohnehin beim Hantieren mit den Reusen und Krustentieren kaputt", schreibt sie. "Was für eine Befreiung [...…], hässlich sein zu dürfen!"

Erst dann, spät, mit Mitte 70, macht sie sich an ihre feministische Autobiographie "Leben heißt frei sein". Fürs Älterwerden also: Sommer in Irland. Weil dort jeder Tag so anstrengend lebendig wirkt, als würde man "der Entstehung der Welt beiwohnen".

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
.patou 28.07.2019
1.
Die Begeisterung für "Salz auf unserer Haut" habe ich seinerzeit überhaupt nicht verstanden. Schlecht geschrieben, voller Klischees und eine entsetzlich unsympathische weibliche Hauptfigur. Warum es dem Feminismus zur Ehre gereichen sollte, dass eine privilegierte Frau einen ihr intellektuell nicht ansatzweise gewachsenen Mann benutzt, sich aber nicht wirklich auf ihn einlassen will, hat sich mir nie erschlossen.
marcanton80 28.07.2019
2.
In einer materialistischen Welt hält sich der begüterte für frei, dem ist aber nicht so .Deswegen muss der Mensch sich auch weiterentwickeln und diesen elenden Tanz ums goldene Kalb hinter sich lassen ,es wird langsam Zeit das Leben könnte für den Menschen so viel mehr sein....
kika2012 28.07.2019
3. .patou
Tja kann nicht jeder verstehen. Ich habe das Buch geliebt.
Goonie2 28.07.2019
4. Feministisch?
Was soll denn daran feministisch sein, einen Ehemann und einen Liebhaber zu haben? Es ist einfach eine private Entscheidung eines Menschen, der offenbar Verzicht aus Loyalität nicht mit sich vereinbaren kann. Feministisch? Ok, weil es eine Frau macht. Wenn es ein Mann macht, ist es falsch. Aha. Diese Vereinfachung, dass feministisch auch egoistisch und auch gut ist, ist extrem undifferenziert und kaum vermittelbar.
klmo 28.07.2019
5.
Zitat von Goonie2Was soll denn daran feministisch sein, einen Ehemann und einen Liebhaber zu haben? Es ist einfach eine private Entscheidung eines Menschen, der offenbar Verzicht aus Loyalität nicht mit sich vereinbaren kann. Feministisch? Ok, weil es eine Frau macht. Wenn es ein Mann macht, ist es falsch. Aha. Diese Vereinfachung, dass feministisch auch egoistisch und auch gut ist, ist extrem undifferenziert und kaum vermittelbar.
Damals schon. Es mutet aus heutiger Sicht eher banal an, was damals als feministisch galt. Beruflich konnte sie sich als Lehrerin und später als Journalistin in der Gesellschaft etablieren und auch agieren. Und der damalige Erfolg ihres Bestsellers basierte ebenso auf eine banale Feststellung, dass die Liebe nicht zwingend den Verstand mit einschließen muss. Und wenn sie damals als Frau den Anspruch geltend machte, ihre körperliche auch ausleben zu dürfen, was in der Männerwelt schon immer selbstverständlich war, dann war das aus der Sicht der Frauen noch immer eine ambivalente Ausnahmeerscheinung.
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