"Das lyrische Quartett" Wenn schon Giftmord, dann mit Salz und Pfeffer

"Das Literarische Quartett" lebt als Lyrik-Veranstaltung auf. Besprochen werden drei interessante Neuerscheinungen und der Klassiker Heiner Müller: So heftig wie bei ihm geht es in heutigen Gedichten nicht mal zu, wenn bei Tisch die Geliebte tot umkippt.
"Lyrisches Quartett" (Maidt-Zinke, Hartung, Detering): Gedichte ins Gespräch bringen

"Lyrisches Quartett" (Maidt-Zinke, Hartung, Detering): Gedichte ins Gespräch bringen

Foto: Cornelia Klöss

Welche Bar ist schon nach einem Dichter benannt? Jan Wagner, selbst Lyriker, ist jedenfalls sicher: Es könnte durchaus passieren, dass er in einer Großstadt auf einen Pub stößt, der "The John Burnside" heißt. In den würde er sofort einkehren. Auch John Burnside ist Dichter, er stammt aus Schottland - Wagners Lob ist ein Lob von Kollege zu Kollege. Und doch hat man Grund, seiner Empfehlung zu folgen: Jan Wagner schreibt so lässig, lebendig und unprätentiös über Lyrik, als ginge es um die Beschreibung einer Zugfahrt nach Montpellier - nur dass die Reise mit Wagner durch die halbe Kulturgeschichte geht.

Es kann in diesem Herbst, in dem mit dem Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer plötzlich ein Lyriker in der Top 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste auftauchte, ein Ereignis, in etwa so überraschend wie ein Hirsch in der Fußgängerzone, keine schönere Hinführung zur modernen Lyrik geben als Jan Wagners neu erschienenen Sammelband "Die Sandale des Propheten" - der so kryptisch wie bemüht wirkende Titel wird dem Buch nicht gerecht, erklärt sich bei der Lektüre aber von ganz allein.

John Burnside ist einer der Dichter, die am Mittwoch in München vorgestellt werden, wenn dort ein altbekanntes Format unter leicht veränderten Titel auflebt. "Das lyrische Quartett" heißt es - und wird es auch nicht im Fernsehen übertragen, so sind die Teilnehmer von ähnlichem Gewicht wie einst die Runde um Marcel Reich-Ranicki: Heinrich Detering, Wissenschaftler, Kritiker und als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verantwortlich für die höchste bundesdeutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis. Die "SZ"-Autorin Kristina Maidt-Zinke, der Schriftsteller und Kritiker Harald Hartung und, diesmal als Gast dabei, Joachim Sartorius, elder statesmen des West-Berliner Kulturlebens.

Fast verschwundene Vehemenz

"Wir brauchen etwas, das Lyrik ins Gespräch bringt, das Talkshow-Format ist dafür unterhaltsam genug", erklärt Heinrich Detering die Veranstaltung, schließlich habe sich der Literaturbegriff der Öffentlichkeit allzu sehr auf eine einzige Gattung verengt: den Roman. Das soll sich nun ändern. "Das lyrische Quartett" diskutiert über vier Lyrikbände, einen Klassiker und drei Neuerscheinungen. Aus jedem wird ein Gedicht ausführlich besprochen. So müsse die Runde ihre Urteile genau begründen, meint Detering, und dabei exemplarisch vorführen, wie man zeitgenössische Gedichte lesen könne. Schließlich stelle er selbst an der Universität fest: "Es gibt eine sehr große Neugier, aber auch sehr große Hemmungen der Lyrik gegenüber."

Wie unterschiedlich Gedichte sein können, zeigt die Auswahl des "Lyrischen Quartetts". Detering selbst stellt die Gedichte von Heiner Müller vor. Man mag Müller als Dramatiker erinnern, doch zeigt sich 16 Jahre nach seinem Tod, wie gut seine Lyrik, abgesehen von den ganz frühen, allzu sehr an Brecht angelehnten Arbeiten, gealtert ist. Die Wucht, mit der Müller - und das gern in Großbuchstaben - zu Werke geht, lässt den Leser regelrecht verkatert zurück. Eine Vehemenz, die aus der deutschen Sprache mittlerweile fast völlig verschwunden ist, in den Achtzigern und frühen Neunzigern aber, wie man jetzt merkt, sogar die deutschsprachige Popkultur beeinflusste.

Ganz anders der Ton in den drei beim "Lyrischen Quartett" besprochenen Neuerscheinungen. Judith Zander, 1980 geboren, legt mit "oder tau" einen Debütband vor, bei dem der Leser gut daran tut zu blinzeln. Schlägt man ein Gedicht wie das im "Lyrischen Quartett" besprochene "Sans Soucis" auf, bedarf es nur eines Wimpernschlags, damit aus der allzu taschenspielerhaft verschoben wirkenden Abfolge einzelner Zeilen eine durchgängig lesbare Miniatur wird. Ihren Charme entfaltet sie gerade dann, wenn man den Umbruch ignoriert. Da fragt man sich: Warum ist er überhaupt da?

Es klingt etwas Mädchenhaftes, Vergnügtes, Unernstes an in Zanders Gedichten, in denen es zumeist um die Natur, die Liebe, auch um Familienbeziehungen geht. Einmal variiert Zander ein Gedicht des schottischen Über-Poeten Robert Burns: "Oh my luv's wie ein Pilzgericht, das mundet jahrelang". Dann gerät eine unbekömmliche Lorchel ins Essen und stört den küchenpoetischen Überschwang - der Tod tritt fast unmerklich ein. Liebhaber müllerscher Drastik könnten versucht sein, sich bei Tisch suchend umzuschauen: Wenn schon Giftmord, dann mit Salz und Pfeffer.

Das Unsichtbare mit dem Kescher einfangen

Zander unterscheidet sich deutlich von Müller. Noch viel verschiedener sind, gerade weil sie zum Teil ähnliche Themen behandeln, Judith Zander und Christian Lehnert. Lehnert ist 1969 in Dresden geboren, wirkt aber, als wäre er gerade erst einem Bild Caspar David Friedrichs entstiegen, als man noch mit Knotenstock und Lodenkutte durch die Weiten des Osten und der menschlichen Seele zu wandern pflegte. Lehnert schlägt einen hohen Ton an. Einige seiner Gedichte, oft gereimt und in klassischer Form, entfalten dabei eine soghafte Wirkung, andere, besonders in "Jahrein", der ersten Abteilung seines Bandes, erinnern ein wenig zu sehr an jene gediegene Museumsshop-Poesie, die der Lyrik ein treues Publikum verschafft - und die, bei allem Respekt vor der Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer, sehr zu dem Ruf der Gattung beitragen, es handele sich dabei um eine Wochenendkunstform für all diejenigen, die mit der Limousine von sanierter Altstadt zu sanierter Altstadt fahren.

Wenn es einen Dichter gibt, der das Unsichtbare wie mit einem Kescher einfängt (um einmal mehr gegen das von Gottfried Benn einst verhängte "Wie"-Verbot im Bezug auf Lyrik zu verstoßen), dann ist das John Burnside, der schon im ersten, unbetitelten Gedicht seines Bandes "Versuch über das Licht" eine stille, bildmächtige Wucht entwickelt, die auch Tomas Tranströmers Jahrhundertgedicht "Schubertiana" zu eigen ist: "Wie ich wachst du manchmal/ früh im Dunkeln auf/ und glaubst du bist durch eine innere Landschaft/ meilenweit gefahren,/ spürst um dich herum die Bäume/ noch tropfnass, die aufgescheuchten Wasservögel/ die sattgefressenen Rinder/ im Kegel deiner Scheinwerfer taumeln."

Burnsides Gedichte sind eingebettet in die schottische Landschaft und das schottische Landleben. Wie entscheidend auch der Sound seiner Muttersprache für ihn ist, merkt man bei der Lektüre der Übersetzungen, die im Buch den englischsprachigen Originalen gegenübergestellt sind. Die selbstverständliche, unaufdringliche Musikalität der Verse gibt die Übersetzung nicht immer wieder - weil sie mitunter zu eng am Wortsinn klebt.

Sollte Jan Wagner mal wieder unterwegs Durst bekommen, sollte er sich demnach eine leise Skepsis bewahren: Mag auch außen am Pub "The John Burnside" dranstehen - es kommt mindestens ebenso sehr darauf an, dass der Pächter auch zapfen kann.


"Das lyrische Quartett", Lyrik Kabinett , München, 30. November 2011

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