Neues Buch von Arundhati Roy Willkommen in der Glücksrepublik

Zwanzig Jahre nach "Der Gott der kleinen Dinge" hat Arundhati Roy ihren zweiten Roman geschrieben. Sie entwickelt darin eine betörende Hauptfigur - und entwirft eine politische Utopie für Kaschmir.
Arundhati Roy

Arundhati Roy

Foto: Mayank Austen Soofi

Jede Nacht rollt sie ihre Matte neu aus auf jenem Friedhof in Delhi. Jede Nacht zwischen zwei anderen Gräbern. Wie ein Baum schlägt sie dort Wurzeln und breitet sich aus: diese Anjum oder, von hinten gelesen, Mujna. Ist egal. Sie sei alle, erklärt sie, sie entzieht sich Definitionen. "Ich bin ein mehfil, eine Versammlung, von allen und niemand, von allem und nichts", sagt sie über sich. Und die Glöckchen an ihrem Sari klimpern leise.

Diese betörende Figur in Arundhati Roys neuem Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks" ist, wenn man so will, eine Weiterentwicklung des zweeiigen, zweigeschlechtlichen Zwillingspaars Estha und Rahel aus dem Vorgängerbuch, dem Bestseller "Der Gott der kleinen Dinge": Anjum ist eine Intersexuelle, geboren Ende des 20. Jahrhunderts, aufgewachsen als Junge. Sie suchte Zuflucht in einem Bordell, ließ sich umoperieren und ist nun, nach einem traumatischen Gewalterlebnis, innerlich zersplittert. Als sie versteht, dass sie selbst in ihrer Wahlheimat unter den anderen Transfrauen in Stereotype gepfercht wird, fängt Anjum neu an. Auf dem Friedhof - als ob sie erst hier, auf den Schichten so vieler vergangener Leben, eine neue Zukunft entwerfen könnte.

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Roy, Arundhati

Das Ministerium des äußersten Glücks: Roman

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 560
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Vor 20 Jahren erschien "Der Gott der kleinen Dinge" - seitdem hörte Arundhati Roy nie auf zu schreiben. Doch es waren politische Essays, Reportagen über den Guerillakampf der Maoisten  in den indischen Wäldern. Sie warf sich als Aktivistin in vorderste Front, wenn es um Atomwaffen, Staudammprojekte , Umsiedlung, Umweltzerstörung und immer wieder Kaschmir ging, musste wegen ihrer Aussagen zuweilen Verhaftung fürchten. Kein Wort Fiktion kam von ihr. Bis jetzt.

"Das Ministerium ..." wirkt wie die Summe all jener Recherchen und ihrer öffentlichen politischen Haltung. Anders als "Der Gott ..." steht hier weniger das Kastenwesen im Mittelpunkt. Es geht um nichts weniger als die politische Identität Kaschmirs, und Indiens. Im Zentrum: Eine von Anjum erdachte Glücksrepublik, die sich auf jenem Friedhof immer weiter ausbreitet. So, dass alles ein einziger Schwellenraum wird ohne fixes Innen und Außen. Wo alle Platz haben, die kommen wollen. Und Shakespeare, Osip Mandelstam und Anna Achmatowa zitieren.

Gerade deswegen wird Anjums unendlich offenes "Jannat Gästehaus", auf dessen Dach man in lauen Sommernächten TV schaut und kühle Drinks schlürft, zu einem Ort, ähnlich dem, den der französische Philosoph Jacques Derrida, selbst ein ewig Ankommender, in seinem Essay "Von der Gastfreundschaft" umriss: als jenen Raum, in dem das "absolute, unbekannte, anonyme Andere" ankommen darf, einen Platz bekommt, ohne Gegenleistung. Einfach so.

Die Welt um Anjum

Anjums Geschichte hat einen flirrenden Sog. Ihr Hadern, ihre Stärke, ihr Magnetismus, mit dem sie lauter Versprengte, Außenseiter, Glückssucher an sich bindet, die alle nur eines wollen: die Hand ausstrecken nach jenen, die eine solche Geste brauchen. Es dauert dann eine Weile, bis sich die anderen Elemente und Figuren der Geschichte entfalten. Man mag diese geduldige Wartehaltung Vorschusslorbeeren nennen, doch wirklich, alles löst sich ein.

Wenn sich die vielen Perspektiven nach und nach ergänzen, die Ellipsen, die der einzige Ich-Erzähler in seinen Rückblicken lässt, nach und nach mit den Geschichten der anderen aufgefüllt werden, wenn sich die Mosaikstücke aus Listen, einem Alphabet aus Assoziationsketten, Zeugenaussagen und den fast impressionistischen Gedankenfetzen einer Sterbenden zu einem großen Ganzen füllen, beginnen die zwei großen narrativen Pole ineinander zu rutschen: die Welt um Anjum einerseits.

Und das sich ständig verschiebende Universum rund um vier Freunde aus Studientagen andererseits: Es besteht aus dem Journalisten und Agenten Naga, dem tief trauernden Kashmiri Musa, der Architektin Tilottama und dem Ich-Erzähler, einem Nachrichtendienstler; vernetzt sind sie alle in tiefer Liebe, und immer wissend, dass sie auf die Loyalität der anderen bauen können. Eine alle Grenzen sprengende Wahlverwandtschaft.

Es ist, als skizziere Roy mit ihrem Friedhofs-Gästehaus eine Utopie für Kaschmir. Eine Lösung im Kleinen für all die Minderheiten, die im Konflikt um Kaschmir, ideell, politisch, physisch, legal hin- und hergerissen sind zwischen den Ansprüchen Indiens und Pakistans (ein Konflikt, der 1947 begann, im Zuge der kolonialen Unabhängigkeit Indien). Ein Kaschmir, das auf "Azadi", eine vieldeutige Freiheit,  aus ist.

Was all die Figuren schließlich zusammenbringt

Roy entwirft so nun endlich als Fiktion, was sie in ihrem berühmt gewordenen  Essay gegen Atomwaffen schrieb: "Hiermit erkläre ich mich als unabhängige, mobile Republik. Ich bin eine Bürgerin der Erde. Ich besitze kein Land. Ich habe keine Flagge. Ich bin eine Frau, habe aber nichts gegen Eunuchen", schrieb sie, "Einwanderer sind willkommen." Sie habe Angst, das "Ende der Imagination" sei gekommen, formulierte sie damals. Ihr neuer Roman nun ist wie eine universelle Unabhängigkeitserklärung.

Was all die Figuren im "Gästehaus" schließlich zusammenbringt, ist das ausgesetzte Baby einer maoistischen Wald-Guerillera. Anjum und ihre Wahlverwandtschaftsbevölkerung bringen es zum Schrein von Hazrat Sarmad, einem spirituellen Ort, mit dem titelgebenden Wort "Ministerium" nur unzulänglich übersetzt. Sarmad war Mystiker, Poet, gebürtiger armenischer Jude aus Persien, übergetreten zum Islam. Ein nackter Fakir, in Liebe mit einem Hindu, 1660 geköpft.

Selbst enthauptet, heißt es, habe er noch weitergesprochen und Liebesgedichte rezitiert. Wenn so einer nicht als spirituelle, philosophische und weltliche Institution dieser Glücksrepublik taugt - wer dann?

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