Das Potter-Finale Bond-Action, Harry-Klone und Highnoon in Hogwarts

Zauberstäbe gezückt! In "Harry Potter and the Deathly Hallows" inszeniert Joanne K. Rowling verteufelt spannende Showdown-Szenen. Auf der Flucht vor Voldemorts Häschern untergraben Harry, Ron und Hermine mit wahnwitzigen Hexereien seine Macht - bis zur finalen Schlacht mit der dunklen Seite.


Ein lauter Knall! Auf dem frisch gemähten Rasen im Ligusterweg Nummer 4 sausen die Besen gen Himmel, während der Halbriese Hagrid das röhrende Flug-Motorrad anschmeißt, das diesmal mit einer Sonderausstattung aufwartet, die eines Bond-Films würdig wäre. Kurz vor Harrys 17. Geburtstag setzen die alten Vertrauten aus dem Orden des Phönix alles daran, den Zauberschüler sicher aus dem Haus der Dursleys in ein geheimes Versteck zu bringen - denn an seinem Jahrestag wird sich der Schutz-Bann lösen, der bisher über dem Haus von Harrys Muggel-Tante Petunia lag. Vor dem dunklen Lord Voldemort wäre er hier dann jedenfalls nicht mehr sicher.

Swusch! Sieben Harrys zischen in die Luft. Moment mal - sieben Harrys? In "Harry Potter and the Deathly Hallows" haben sechs seiner Freunde, darunter auch seine besten Schulkameraden Ron und Hermine, zu Harrys Sicherheit per Vielsaft-Trank ("Polyjuice Potion") dessen Gestalt angenommen. Mit Begleitschutz verlassen alle gleichzeitig den Garten, um eventuelle Verfolger verwirren und besser abschütteln zu können. Kaum in der Luft, werden ihre Vorsichtsmaßnahmen umgehend aufs Grässlichste gerechtfertigt. Sofort ist die Gruppe von mehr als 30 Todessern umzingelt - woher wussten sie Bescheid? Ein wildes Luftgefecht bricht aus, in dem ein Ordensmitglied stirbt - einer von vielen Todesfällen, die die Schlacht gegen das Böse dieses Mal einfordert.

Und Harry? Also: Der tatsächliche Harry, der als Einjähriger auf wundersame Weise Voldemorts Todesfluch überlebt hatte, muss sich mit seinem Erzfeind im Flug sogleich einen erbitterten Kampf liefern, den er schon verloren glaubt, als plötzlich sein Zauberstab auf geheimnisvolle Weise ohne sein Zutun einen Spruch abfeuert ...

Gleich zu Beginn von "Harry Potter and the Deathly Hallows" legt Joanne K. Rowling ein atemberaubendes Erzähl-Tempo vor. Die Terror-Herrschaft des größten Schwarzmagiers aller Zeiten hält Muggel- und Zaubererwelt gleichermaßen in Schach, und Harry muss mehr denn je mit seiner schmerzenden blitzförmigen Narbe ringen. Wird es ihm trotzdem gelingen, seine seltsame psychische Verbindung zu Voldemort für ihren Kampf zu nutzen?

Der Anfang des neuen Potter-Bandes ist Showdown-Feuerwerk und Schauermärchen zugleich. Harrys Versiebenfachung illustriert den Riss, der sich - gleichzeitig Bestimmung des Zauberschülers und Topos schlechthin der modernen Literatur - durch sein gespaltenes Ich wie durch die Bestseller-Saga zieht. Auch Verstümmelungen nutzt Rowling als typisches Element der "Gothic Novel", um ihre absurd-groteske Komik effektvoll in Szene zu setzen, wie wenn einer der Weasley-Zwillinge (Rons Brüder) während der Luftschlacht ein Ohr verliert und sich wegen des märtyrerischen Verlusts mit manischem Grinsen sogleich selbst heiligspricht, nämlich ganz und gar "holey" (also "löchrig" und "heilig" zugleich). Das abgetrennte Körperteil und die menschliche Unzulänglichkeit im Angesicht des Todes lösen auch bei Harry zwiespältige Reaktionen aus - nämlich ein gleichzeitiges Unwohlsein und einen irren Impuls, laut loslachen zu müssen.

Auf die Plot-Bremse getreten

Nach dem fulminanten Roman-Auftakt beginnt jedoch, wie sich in Band sechs angekündigt hatte, Harrys schwierige Suche nach den verbliebenen Horkruxen - und die entpuppt sich als äußerst langwierig. Um die Wahrscheinlichkeit seiner Sterblichkeit zu minimieren, hatte Voldemort mit Magie der dunkelsten Sorte sechs Teile seiner Seele abgespalten und in Objekten versteckt, den sogenannten Horkruxen. All diese müssen vernichtet werden, soll der dunkle Lord ein für alle Mal geschlagen werden.

Zwar gelingt Harry, Ron und Hermine gleich am Anfang ihrer Horkrux-Jagd mit einem gewitzten Coup eine rasante Invasion im korrumpierten Zaubereiministerium, in dem ausgerechnet die Hexe Dolores Umbridge unwissentlich Voldemorts Horkrux-Medaillon unter Verschluss hält (als ehemalige Hogwarts-Lehrerin hatte Umbridge in Harrys fünftem Schuljahr nach und nach das ganze Schloss mit Repressalien in Angst und Schrecken versetzt - "Harry Potter und der Orden des Phönix" ist derzeit im Kino zu sehen). Doch als die drei Freunde nach ihrem Aufsehen erregenden Ministeriumseinbruch in den Untergrund abtauchen müssen, fällt der Spannungsbogen des Plots rapide ab.

Der Mittelteil des neuen Buches hält gleich aus mehreren Gründen nicht dem Vergleich mit den Vorgänger-Romanen stand. Die Wiederholungen werden arg überstrapaziert, wenn die Freunde Tag für Tag ihr Lager wechseln müssen und wieder und wieder alle Hinweise durchgehen, die für ihre Schnitzeljagd wichtig sein könnten, ohne so recht vom Fleck zu kommen. Und wenn es eine Entwicklung gibt, dann begegnet den Horkrux-Suchern - rein zufällig, natürlich! - oft allzu leicht die Lösung zu ihren Problemen, wie ein "Gott-aus-der-Maschine" auf der Theaterbühne.

Außerdem werden die Leser diesmal geradezu mit dem Holzhammer auf Referenzen zu anderen Werken gestoßen, wie beispielsweise auf die ungewöhnlich schlechte Laune, die den jeweiligen Bewahrer der Horkrux-Kette immer wieder beschleicht. Kennern der Tolkien-Saga "Der Herr der Ringe" dürfte die Verwandtschaft zum Ring-Träger Frodo hier allzu platt ausfallen - dies gilt im Übrigen auch für den Namen des Gefängnisturms "Nurmengard", dessen offensichtliche Ähnlichkeit mit Tolkiens "Isengard" als schnöde Kopie doch allzu geistlos wirkt, denn um eine Persiflage des Fantasy-Vorbilds zu sein, dafür wiederum nimmt sich die Geschichte an dieser Stelle selbst zu ernst.

Für einen Potter-Band schleppt sich die Lektüre in der ersten Buchhälfte jedenfalls ungewohnt träge dahin, auch wenn Rowling hier durchaus mit einigen phantasievollen neuen Details aufwarten kann, wie der Einführung des Piraten-Radiosenders "Potterwatch", auf dem Harrys Verbündete die Medienzensur umgehen (eindeutig ist auch in "The Deathly Hallows" wieder die Satire autoritärer Staatssysteme angelegt). Da mutet es schon ein bisschen wie ein ungewollt selbstironischer Kommentar an, wenn Rowling hier schreibt (Seite 360), Harry hätte sich so sehr an die Isolation gewöhnt, dass es ihm schien, als würde er nach einem langen Schlaf wieder aufwachen.

Doch nach der langen Durststrecke nimmt die Suche endlich wieder Fahrt auf. In der zweiten Hälfte richtet sich Harrys Aufmerksamkeit nun nicht mehr ausschließlich auf die Horkruxe, sondern auch auf drei vom Tod geweihte legendäre Gegenstände, die "Deathly Hallows" (Kapitel 22 titelt wie der Roman). Diese sollen ihren jeweiligen Besitzer angeblich auf unterschiedliche Weise über den Tod erhaben werden lassen - doch um welchen Preis?

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Seite 1
Thommy1979 21.07.2007
1. Harry Potter Forstsetzung
Ich glaube, es wird keinesfalls das Ende sein. Entweder lässt sich JKR erweichen und schreibt irgendwann eine Fortsetzung, oder es werden die Rechte verkauft und jemand anderes führt die Reihe fort. Es kann doch nicht das Ende sein!? ;-) Ich denke mit Harry Potter wird noch viel Geld zu machen sein und das garantiert eine wie auch immer geartete Fortsetzung. Vermutlich angestossen durch Fanprojekte wird sich sicher bald wieder ein Verlag finden lassen, der etwas großes daraus macht. Falls JKR damit einverstanden ist. Wenn sie es definitiv abschließt, das Kapitel Potter, und es nicht finanziell bis aufs Letzte ausreizen will, dann Hut ab. Für mich persönlich waren nur die ersten 3 Teile gut, diese immer mehr ins Düstere abgedriftete Story gefiel mir nicht so gut.
Pallas, 21.07.2007
2.
Zitat von sysopDer siebte und letzte Band der Harry-Potter-Reihe ist erschienen - die Saga ist zu Ende. Was bleibt von Ihr? Ziehen Sie Ihre zauberhafte Bilanz! (Und verraten Sie den anderen Potter-Fans im Forum möglichst keine Geheimnisse aus "Harry Potter and the Deathly Hallows" - wenn Sie ins Detail gehen, schreiben Sie bitte eine Warnung an den Beginn Ihres Beitrags.)
Das macht Ihr doch schon auf Eurer Homepage...
Stephan Jansen, 21.07.2007
3. Potters Ende - Ihre Zauber-Bilanz
Tolkien für Pubertierende oder Zurückgebliebene; vollkommen überbewertet. Endlich ist der 'Spuk' vorbei.
Jarg Gerdes, 21.07.2007
4. Harry Potter darf nicht sterben
Harry Potter darf weiterleben, und das sogar als Familienvater. Warum die Rowling ihre Romanfigur nicht sterben lässt, obwohl das jeder erwartet hätte und wohl auch zuerst angedacht war, dadrüber wird gerade in den englischen Newsforen spekuliert. Ein möglicher Grund ist der, das mit einem toten Potter keine Möglichkeit mehr besteht, die Geschichte weiterzu erzählen, und damit, so profan es klingt, Geld zu verdienen. Ein weiterer, wesentlich besser zum Schluß passender Grund mag der sein, das Harry weiterleben darf, damit die Rowling sich nicht den Angriffen der Fans erwehren muß, was, wie wir wissen, auch schon mal tragisch enden kann. Persönlich bin ich der Meinung, das ein Ende mit dem Tod des Helden ein "ehrlichere" Art gewesen wäre, mit der Geschichte abzuschliessen. Nun haben wir mehr ein Erlöserdrama bekommen, mit Tod des Helden und seiner Wiederauserstehung, und vielleicht einem Band 8 mit den Titel "Harry Potter und die Midlife Crisis". Wie auch immer, der Schluß ist unbefriedigend und passt auch nicht wirklich ins Potter Universum. Ein "All was well" passt wirklich besser ins Märchenbuch als in einem Roman. Oder wie schrieb ein Fan in alt.fan.harry-potter so treffend, sinngemäp uebersetzt: "Harry Potter hat alle Eigenschaften einer Märchengeschichte, mit einem guten Ende".
wbmx 21.07.2007
5.
Zitat von PallasDas macht Ihr doch schon auf Eurer Homepage...
Aber es wird vorher gewarnt. ;-)
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