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Emmanuel Carrères Bekenntnisse: Von einem katholischen Intermezzo

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Katholizismus-Bestseller "Das Reich Gottes" Alles muss geglaubt werden

Der Autor Emmanuel Carrère hat ein Bekenntnisbuch geschrieben: über eine Frömmelphase in den Neunzigern. In Frankreich wurde der katholisch-historische Wälzer ein Überraschungserfolg.

In einer Pariser Dachgeschosswohnung sitzt der Autor und Drehbuchschreiber Emmanuel Carrère, er ist deprimiert und von Selbstzweifeln zerfressen. Er fürchtet, nie mehr schreiben zu können. Jeden Morgen isst er eine Schale trockenen Vollkornreis und vertieft sich in die "Bekenntnisse" des Heiligen Augustinus. Seine Patentante hat ihm geraten, es anstatt mit Psychotherapie doch mal mit christlicher Literatur zu versuchen.

Unglücklich, aber eifrig widmet sich der Autor daraufhin einem Stellenkommentar des Johannes-Evangeliums. Allmorgendlich kommentiert er einen Vers. In jedem noch so banalen Johannes-Satz sieht sein frommer werdendes Selbst eine "Wegzehrung für den Kampf, den die Seele mit sich selbst auszutragen hat." Täglich geht Carrère in dieser Zeit - es sind die frühen Neunzigerjahre - zur Messe, aber nicht zur Kommunion, er fühlt sich nicht bereit.

Er liest schwer zugängliches Zeug, die abgefahrensten Mystiker, wendet sich ab von der Schau schöner Kathedralen oder Rembrandtscher Bilder und von der Musik Bachs, weil die ja jeder dahergelaufene Ästhet verstehen könne.

Eine Art faustischer Pakt, aber unter umgekehrten Vorzeichen

Er, Carrère, will den ganz harten Katholizismus. Als er sich zum Glauben an die Auferstehung durchgerungen hat, genügt ihm das nicht. Als nächstes nimmt er sich die Dogmen vor, auch "die abstoßendsten". Alles muss geglaubt werden. Je höher der Widerstand des Verstandes, desto edler das Unterfangen. Er schließt eine Art faustischen Pakt, aber unter umgekehrten Vorzeichen: Weil der Teufel ihm seine Seele nicht abkaufen wollte, bot er sie Gott gratis an, schreibt Carrère. Vielleicht, so hofft er, erweist ihm der Herr am Ende die Gnade, wieder einen Roman schreiben zu können.

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Emmanuel Carrère:
Das Reich Gottes

Übersetzung: Claudia Hamm

Matthes & Seitz ; 524 Seiten; 24,90  Euro.

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Dass wir heute ein neues Buch Emmanuel Carrères lesen können, beweist zwar noch nichts, aber immerhin dreht es sich von vorn bis hinten um die Beziehung des Autors zum Christentum. Dass er selber mal ein Glaubender war, hilft der Glaubwürdigkeit seiner Auseinandersetzung mit der Religion in "Das Reich Gottes" dabei enorm. In Frankreich schoss das Bekenntniswerk im Jahr 2014 unerwartet - wer will schon einen katholisch-historischen Wälzer? - auf den Top-Platz der Bestsellerliste.

Nachdem er seine Bekehrung zum frömmelnden Katholiken beschrieben hat, spannt Carrère viele hundert Seiten lang ein Panorama auf: Er analysiert die Erzähltechnik der Evangelien, den Geisteszustand des Paulus, rekonstruiert die Entstehung der Urgemeinden, informiert über die politisch-moralischen Verhältnisse im römischen Reich der Kaiserzeit, bindet jüdische Geschichte mit ein, streift im Vorübergehen die klassischen Philosophenschulen, versetzt sich in die Hirne der (mehrheitlich unbekannten) Autoren des Neuen Testaments.

Die poetische oder dramaturgische Wahrheit schlägt die historische

Er ist sich sicher: Etwas ist an jenem Tag, den wir heute Ostersonntag nennen, passiert. Was es war und was daraus folgte, dieser Frage geht Carrère mit großem Eifer nach. Mit den Instrumenten des Historikers, des Theologen, des Psychologen, des Philologen. An allen Disziplinen versündigt er sich, denn wo ihm die Quellenlage nicht ausreicht, oder es ihm opportun erscheint, schlüpft er in seine Lieblingsrolle: in die des Dichters. Deshalb ist vieles Fiktion. Wenn es die historische Wahrheit nicht gibt, ist Carrère die poetische, die dramaturgische, genauso viel wert.

Das liest sich dann zum Beispiel so: "Doch während er in der Mittagshitze auf der steinigen Straße dahinritt, blendete ihn plötzlich ein gleißendes Licht und eine unsichtbare Kraft warf ihn vom Pferd. Eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr: 'Saul, Saul, ich bin der, den du verfolgst. Was verfolgst du mich?'" Soweit ist das sogenannte Damaskuserlebnis des Christenverfolgers Saul, der sich zum Apostel Paulus wandelt, in etwa auch aus der biblischen Apostelgeschichte bekannt.

Dann folgt Carrère: "Er hatte Angst. Was ihm Angst machte, war keine äußere Gefahr, sondern das, was wie ein Tier in seiner Seele tobte. (…) Er wäre gern er selbst geblieben, hätte gern weiter Saul geheißen, statt sich erobern zu lassen und sich zu ergeben. Er zitterte und weinte. Und dann, plötzlich, hörte alles auf. Er schickte sich in die feindliche Übernahme."

So wie an dieser Stelle verfährt Carrère oft mit den Figuren des Neuen Testaments: Er macht sie zu Protagonisten in seiner eigenen Version der Geschichte. So folgt er Lukas, dem Verfasser des gleichnamigen Evangeliums, auf Schritt und Tritt, denkt sich aus, wie es Lukas auf seinen Reisen mit dem Apostel Paulus ergangen sein mag und welche Auswirkungen das auf seinen Job als Chronist der Ereignisse nach Jesu Tod gehabt haben könnte.

Was Carrère dabei wörtlich aus der Bibel zitiert, zitiert er nicht wörtlich aus der Bibel. Er hat seine eigenen Übersetzungen angefertigt, wo ihm das angebracht erschien. Diesem Verfahren verdanken wir eine der schönsten Versionen des Hohelieds der Liebe aus dem ersten Korintherbrief: "Auch wenn ich die Sprache aller Menschen und sogar die der Engel spräche - hätte ich die Liebe nicht, wäre ich nichts."

Wo er Bibelzitate neu übersetzt outet Carrère sich als glühender Liebhaber und Kenner des Lateinischen; Griechisch aber beherrscht er nicht. Seine Versionen sind deshalb aus lateinischem und französischem Ausgangsmaterial zusammengesetzt, geschmacksverstärkt mit eigenen Satzteilen und völlig freien Wortübersetzungen.

Ein philologisches Horrorszenario, in welches ihm seine deutsche Übersetzerin Claudia Hamm folgen musste. In einem funkelnden Nachwort berichtet sie von ihrer Not und der Vermutung, Carrère habe es auch mit den anderen zitierten Autoren, die von Seneca, über Plinius den Jüngeren, bis zu Blaise Pascal reichen, nicht so genau genommen und ihre Gedanken stets um seine eigenen ergänzt, ohne das groß kenntlich zu machen.

Sätze neu zusammengesetzt und geschmacksverstärkt

Das steht ihm als Autor natürlich frei, wie es auch den Lesern frei steht, ihm in das Drehbuch des Neuen Testaments zu folgen, das er entwirft. Der Erzähler weist oft genug darauf hin, dass sich eine Begebenheit so nicht zugetragen haben muss, aber könnte, und verschwindet dann winkend in den Kulissen, um uns mit einer weiteren, kunstvoll ausgeschmückten Szene aus Jesu Leben allein zu lassen.

Weil der Erzähler in der ersten Person spricht, scheint er mit dem Autor in einer Instanz zusammenzufallen. Der Wirklichkeit muss das überhaupt nicht entsprechen, vielleicht ist die Autobiographie, die Carrère uns vorsetzt, auch eine komplette Fiktion und den Reis essenden Dachgeschossautor hat es nie gegeben?

Am Ende seiner christlichen Phase, so berichtet es Carrère, begann er wieder mit dem Romanschreiben. In dem Maße, in dem sein Selbstbewusstsein dabei wuchs, sank seine Bereitschaft, dem Christentum noch Glauben zu schenken.

Erst schmerzte ihn das, dann fühlte er sich befreit - vor allem von den moralischen Regeln, die er als unmenschlich betrachtet: Liebe deine Feinde, begehre niemanden, halte die andere Wange hin, wolle nichts, das zu wollen eigentlich normal ist. Würden wir nicht alle zu blutleeren, stoischen Wärmereglern, wenn wir diese Regeln beachteten, die dem Leben alles nehmen, was es interessant macht?, fragt er. Genau weiß er es jedoch nicht und gesteht zu, dass ihn die Frage verunsichert.

Erst 20 Jahre nach seinem katholischen Intermezzo traut er sich, darüber "Das Reich Gottes" zu schreiben, nicht mehr als Glaubender, sondern als Agnostiker, in seinen Worten: Als jemand, der nicht mal gläubig genug ist, um Atheist zu sein.

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