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28. Mai 2014, 09:30 Uhr

Mensch und Tier

Wenn Meerschweinchen-Fans eine Community gründen 

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An der Rolle des Haustiers lässt sich der Zeitgeist ablesen. Und wie sieht diese Rolle heute aus? Ein spannendes Sachbuch sucht Antworten in Studien, bei Tierärzten, bei der Tiertafel und bei Deutschlands einziger Pferdeklappe.

Lilli, das darf man bei aller Höflichkeit sagen, ist nicht genau das, was man sich unter einem Model vorstellt. Auch nicht unter einem Hundemodel. Keine langen Beine, kein Stammbaum, kein Agility-Hundetanz-Akrobatik-Wundertier. Sondern ein Schoßhunde-Mischling in schwarz-weiß gefleckt, dessen Tricks an diesem kalten Januartag auf dem Laufsteg einer Hundemesse nur leidlich gelingen.

Noch in den Neunzigern hätte ein Hund wie Lilli auf einer Hundeshow nichts zu suchen gehabt. Aber dies sind nicht die Neunziger. Dies ist das Jahrzehnt, in dem mehr Menschen Vegetarier sind als jemals zuvor, in dem sich ein Bewusstsein für gequälte Nutztiere heraus gebildet hat und Menschen stolz darauf sind, dass ihr Hund von den Straßen Südeuropas stammt und nicht vom Züchter.

Und darum spielt sich auf der Hundemesse Folgendes ab. Lillis Besitzerin spricht in ein Mikrofon: "Ich hab sie in einer sehr traurigen Lebensphase gekriegt, und sie hat mir sehr geholfen." Und dann brandet frenetischer Applaus im Publikum auf.

Zeitgeist im Hundekörper

So beschreibt es Christina Hucklenbroich in ihrem gerade erschienenen Sachbuch "Das Tier und wir - Einblicke in eine komplexe Freundschaft". Dieses Buch gibt auch die Antwort auf die Frage, warum man sich nun als Leser für einen Hund wie Lilli interessieren sollte. Weil Mischling Lilli den Zeitgeist verkörpert. Weil ihr Auftritt auf der Hundeshow etwas über unsere Gesellschaft und unsere Gegenwart erzählt. Darüber, was Tiere für uns bedeuten. Warum wir sie halten. Und wie. Lillis Auftritt erzählt etwas über die Rolle des Haustiers. Denn es ist ja so, wie Hucklenbroich schreibt: "Es ist das Schicksal des Haustieres, dass seine Rolle von den Menschen definiert wird."

"Das Tier und wir" ist die bislang beste und interessanteste Analyse dieser Rolle, was zum einen daran liegt, dass Hucklenbroich an allen erdenklichen Orten nach Hinweisen gesucht hat. Hucklenbroich hat nicht nur Tiermessen besucht, sondern auch Trendforscher und Wissenschaftler und Deutschlands einzige Pferdeklappe, wo überforderte Pferdebesitzer ihre Tiere anonym abgeben können, und eine Gartenparty, auf der Tierärztinnen über die jungen Pärchen tratschen, deren Tier als Baby-Ersatz zu erkennen ist.

Sie schreibt darüber, warum sich die Einstellung zur Tier-Ernährung geändert hat und wie der Barf-Trend nach Deutschland kam, warum in kaum einem Kinderzimmer noch Kaninchen zu finden sind und dafür in umso mehr Schulen und Altenheimen, warum sich eine neue Meerschweinchen-Community gebildet hat, warum Menschen ihre Tiere immer noch aussetzen, warum Katzen immer öfter Mia statt Minka heißen und Hunde Ben statt Bello. Sie schreibt darüber, warum es ausgerechnet die besonders reichen und die besonders armen Menschen sind, die sich besonders oft Tiere halten. Was das Bindungshormon Oxytocin bewirkt. Und welche jungen Menschen für fast 1000 Euro im Monat "BWL plus" in Kombination mit "Pferdekommunikation" an der Hamburger International Business School studieren.

Ein Gegenmodell zum Leistungsgedanken

Hucklenbroich schreibt über all das nicht nur wahnsinnig spannend, sondern besonders kundig, was der andere Grund dafür ist, aus dem dieses Buch so empfehlenswert ist. Sie selbst hat Veterinärmedizin studiert und arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Als beispielsweise vor einiger Zeit neue Zahlen zur Menge der Haustiere in Deutschland veröffentlicht wurden, war die Aufregung in den Medien groß. Immer mehr Haustiere gebe es, hieß es.

Denn laut der neuen Studie lebten mehr als zwölf Millionen Katzen in deutschen Haushalten und mehr als sieben Millionen Hunde. Ältere Studien sprachen nur von knapp über acht Millionen Katzen und fünf Millionen Hunden. Hucklenbroich erklärt sachlich, dass die neue Studie lediglich akkurater war. Dass höchstwahrscheinlich die Menschen nicht mehr Tiere halten als früher. Aber sie halten sie eben anders. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wird intensiver. Das Haustier ist ein Gegenmodell zum Leistungsgedanken geworden. Es soll den Besitzern helfen mit Stress, Einsamkeit und den Ansprüchen der Gesellschaft besser umgehen zu können, wie Hucklenbroich schreibt. Es soll eine Lilli sein.

In einem Werbevideo ihres Verlags sagt Hucklenbroich, ihr Buch sei für Tierbesitzer, denen es helfen könne, bestimmte Phänomene einzuordnen, die ihnen auffallen. Das stimmt natürlich. Und es stimmt auch nicht.

Denn es ist nicht nur ein Buch für die 36 Prozent aller Haushalte, in denen ein Haustier lebt. Es ist auch ein Buch für die 64 Prozent aller anderen Haushalte, sofern sie sich auch nur ein bisschen für unsere Alltagskultur interessieren.


Christina Hucklenbroich: "Das Tier und wir. Einblicke in eine komplexe Freundschaft", Blessing Verlag; 368 Seiten; 19,99 Euro.

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