Booker-Prize-Kandidat "Das Weinen der Vögel" Wenn der Schutzgeist immer wegschaut

Ist halt so, scheinen die Hühner zu sagen: Mit dem Roman "Das Weinen der Vögel" ist Chigozie Obioma für den Booker-Preis nominiert - die tragische Geschichte eines Geflügelbauern, der alles verliert.

Afrikanischer Geflügelbauer: Figuren und Schicksale, die in ihrer Wucht kaum zu ertragen sind
Kim Ludbrook/ DPA

Afrikanischer Geflügelbauer: Figuren und Schicksale, die in ihrer Wucht kaum zu ertragen sind

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Um es gleich zu sagen: Nach diesem Roman muss man erst einmal ein paar Videos anschauen, in denen Pinguine mit Schmackes übers Eis pesen oder Papageien dreist Katzen veralbern. Als Stimmungsaufheller. Weil es brutal ist, diesem Protagonisten durch Jahre zu folgen, für die ein Andy-Brehme-mäßiges "Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh" reinster Euphemismus wäre. Aber andererseits: endlich mal wieder ein tragischer Antiheld, den man wirklich nicht nur sympathisch findet.

Nonso, ein junger Geflügelbauer in Nigeria, bekommt in "Das Weinen der Vögel" wirklich die ganze Ladung ab. Er wird gedemütigt, betrogen, ausgenommen, schwer verletzt, sein Gesicht entstellt, verurteilt, landet im Gefängnis, die Liste ist endlos.

Was für ein Sturz. Als wir ihn am Anfang treffen, ist er guter Dinge. Nonso hat gerade auf dem Markt frische Hühner gekauft und einen strahlend weißen Hahn, der ihn so glücklich macht, dass er zu Tränen gerührt ist. Auf dem Heimweg rettet er eine Frau, die sich von einer Brücke stürzen will. Ein paar Tage später verliebt er sich mit Karacho. Es könnte immer so weiter gehen.

Stattdessen verliert er aus Versehen den tollen Hahn, die neue Liebe taucht nach der ersten Nacht nicht mehr auf. Und auch, wenn er kurz darauf die Brücken-Frau Ndali zufällig trifft, die beiden sich in eine große Liebe stürzen, heiraten wollen: Das Ungemach hängt schon in den Ritzen wie kleine Motteneier, die nur darauf warten zu schlüpfen und neue Eier zu legen, auf dass alles eingehüllt ist in ein alles zersetzendes Mottengeflatter.

Autor Chigozie Obioma
Jason Keith/ Piper

Autor Chigozie Obioma

Aber Nonso macht sich auf wie Ikarus, getragen von Liebe, hoch hinaus wollend. Weil Ndali aus einem anderen Universum kommt, Pharmazie studiert, aus einer der bedeutendsten Familien der Stadt kommt, sich weigert, mit ihm Igbo zu sprechen. Nonso will ihr zuliebe groß denken. Auch studieren, in Zypern, um einen guten Job zu finden. Er setzt alles aufs Spiel - und verliert alles. Materiell, ideell, emotional.

Überzeitliche Parabel über Verantwortung

Chigozie Obioma mutet uns nach seinem Debüt "Der dunkle Fluss" nun wieder Figuren und Schicksale zu, die in ihrer Wucht kaum zu ertragen sind. Nun könnte man "Das Weinen der Vögel" hernehmen und erklären, wie viel wir über die postkoloniale Verfassung Nigerias erfahren, über die Ausgrenzung der Igbo, über ein Land, in dem der Biafra-Krieg für Unabhängigkeit genauso präsent ist wie Vorurteile, Diskriminierungen, Vorgestriges. Das alles steckt in dieser Geschichte, ja.

Aber das zu betonen, hieße, dem Roman einen Nischengattungs-Stempel aufzudrücken, statt das Universelle zu feiern, das in jeder angelsächsischen Story hervorgehoben werden würde. Wieviel Obioma zu erzählen hat, ist schon jetzt offensichtlich: Anfang 30, zwei Romane geschrieben, beide für den Booker-Preis nominiert. Muss man auch erst einmal schaffen.

Sein großes narratives Geschick wird offenbar in der Perfidie, die er zusätzlich installiert: Erzählt bekommen wir all das von einem 700 Jahre alten Chi, seinem Schutzgeist. Ausgerechnet. Wie bitter, einen Aufpasser zu haben, wie es der Kosmologie der Igbo entspricht, ein Chi, der das Schicksal seiner Schützlinge lenkt - und dabei so kläglich versagt. Der nun, in unserem Heute, vor den Göttern Zeugnis ablegt - besser: sich rausredet - über die sieben vergangenen Jahre, in denen er seinen Job nicht gemacht hat. Sondern zögerte, gerade nicht hinschaute, zu blöd war, so dass unter seiner Obhut Nonso immer tiefer strudelte. Abwärts immer, aufwärts nimmer. Fast.

Auch dank des Igbo-Reinkarnations-Überbaus schwingt sich das Ganze zu einer überzeitlichen Parabel auf über Verantwortung - und Selbstverantwortung. Über die Frage, wie viel Schuld man den Umständen, der grundlegenden Ungerechtigkeit, den Taten der anderen zuweist. Und wie man die eigene Seele gegen die Schlechtigkeit der Welt isoliert. Statt wie Nonso anzufangen, das Übel weiterzutragen, in dem irren Glauben, es so loszuwerden.

Preisabfragezeitpunkt:
14.10.2019, 11:21 Uhr
Ohne Gewähr

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Chigozie Obioma
Das Weinen der Vögel: Roman

Verlag:
Piper
Seiten:
512
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Nicolai von Schweder-Schreiner

"Orchestra of Minorities", heißt das Buch im Original, ein Verweis auf eine Zeile, in der Nonso auf seine geliebten Hühner blickt, der Habicht hat gerade gewildert, über allem tönt das "Weinen der Unterdrückten". Sein Vater, so Nonso, "sagte immer, die Hühner wüssten, dass sie nichts anderes tun können als weinen und dieses Geräusch machen, Ukuuukuu! Ukuuukuu!". Wie ein schulterzuckendes "Ist halt so".

Es ist somit auch eine Geschichte über die Tragik, wenn einer die Fähigkeit verliert, all das Gute zu sehen, das ihm auch wiederfährt. Die Menschen, die ihm die Hand reichen. Die ihm eine Wohnung organisieren. An seiner Seite sind, wenn er ohne einen Cent dasteht. Die wiedergutmachen, was sie verbockt haben. Menschen, ja: Männer, die ihr Tun als Märtyrertum legitimieren, haben wir wahrlich genug. Wenn einer vom gut meinenden und gut wollenden Opfer zum Täter wird: Das ist nicht Tragik. Das ist eine Entscheidung.

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Papazaca 14.10.2019
1. Gut, das Afrika literarisch so interessant ist
Bei Literatur aus Nigeria fällt einem erstmal der große Chinua Achebe ein, mit seinem "Things Fall Apart." Diese Parabel spielt im Hier und jetzt. Aber die Tragik ist sehr viel realer: In Ghana machen die Groß- Konzerne mit billigem TK-Hähnchen den Markt der einheimischen Geflügelzüchter kaputt. Oh Afrika, die Realität überholt die Literatur.
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