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Teilen ist heilen: Wer glaubt denn noch an Privatheit?

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Diskussion um US-Bestseller "The Circle" Die Tyrannei des Internets

In seinem bitter-sarkastischen Bestseller-Roman "The Circle" rechnet Dave Eggers mit dem Internetzeitalter ab. Wir verschenken 50 Exemplare der deutschen Ausgabe an unsere Leser, damit sie die düstere Digital-Dystopie bei und mit uns diskutieren können.
Von Thomas Andre

"Teilen ist heilen", so lautet eine Regel des Circle. Eine andere: "Alles Private ist Diebstahl". Der Circle ist eine Internet-Supermacht, größer und radikaler als alle Unternehmen, die wir kennen. Der Circle, das titelgebende Powerhouse in Dave Eggers' jetzt auf Deutsch erscheinenden Roman "The Circle", ist wie ein Amalgam aus Facebook, Google und Apple.

Ein riesiger Datensammler, der an totaler Transparenz arbeitet und an vollständiger Vernetzung. Der mehr über uns weiß als wir selbst und der uns selbst wiederum alles über andere wissen lässt: Als "The Circle" im vergangenen Herbst in Amerika erschien, wurde er als wütende Abrechnung mit Social Media, den Big Playern der IT-Branche und den Vordenkern virtueller Lebenswelten gelesen.

Dass Eggers in der Wahl seiner erzählerischen Mittel nicht schüchtern ist und auf eine drastische Darstellung setzt, war für Kritiker eher zweitrangig: Es geht um die Message. Der US-Amerikaner, geboren 1970, gilt als Zeitgeist-Autor, dessen Literatur die Gegenwart seismografisch abbildet. Er schrieb zuletzt über den Terrorismuswahn der Amerikaner (in "Zeitoun", erschienen 2009) und die Globalisierung (in "Ein Hologramm für den König", 2012).

Kein Buch allerdings lädt so sehr zum Diskutieren ein wie "The Circle". Zum einen, weil der dystopische Roman düster und sardonisch eine Tyrannei der Algorithmen beschreibt. Zum anderen, weil wir in den Zuständen, die der Roman zeigt, unsere Realität wiederzuerkennen meinen. Überwachung, Big Data, Opentopia, Kommerzialisierung der Netzwerke, Heilsversprechen des Silicon Valley - Eggers musste sich für seinen Thriller, der den Endkampf um das Recht auf Privatheit in Szene setzt, nur bei dem bedienen, was er in Digitalien und den Think Tanks der Visionäre vorfand.


Wird Eggers der Realität mit seinem Roman gerecht? Wir laden Sie dazu ein, über "The Circle" zu diskutieren - der Verlag Kiepenheuer & Witsch stellt 50 Frei-Exemplare zur Verfügung, die exklusiv an SPIEGEL-ONLINE-Leser verschickt werden. Mehr dazu am Ende des Artikels.

Die Aktion ist beendet, die 50 Frei-Exemplare sind verschickt!


Eggers selbst ist unbedingt parteiisch: Seine Dystopie beschreibt eine Welt der Unfreien, die eingeschnürt sind in die Gebote der allumfassenden Virtualisierung. Der Mensch im Circle ist immer online, er lebt in einem "Internet der Dinge", in dem Kameras überall stehen und Chips in Kinder implantiert werden, damit diese vor Entführungen geschützt werden.

Eggers' Romanheldin Mae Holland, 24, ist fasziniert von der Arbeit bei ihrem neuen Arbeitgeber: Die Circle-Kommandozentrale, ein Gebilde aus Glas, Glas und noch mal Glas, steht selbstredend in Kalifornien. Dank des Circle hat jeder im Internet nur noch eine einzige Identität für alles, was er im Netz macht. Die Early Adopters der supersmarten und an der Umwertung der Werte arbeitenden Belegschaft filmen das eigene Leben: für all die "Viewer" genannten User, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen.

Als Mae beim Circle anfängt, ist sie zunächst überrascht davon, wie sehr Privatheit dort verpönt ist. Etwas ist erst dann echt und wahr, wenn es im Circle-Netzwerk gepostet und kommentiert, wenn es bewertet wird. Auskunftspflicht besteht über alles. Der Sozialdruck wird jedoch gar nicht als gefährlich wahrgenommen, der Circle gilt als hippes, innovatives, sozial engagiertes Unternehmen. Mae stürzt sich euphorisch in ihre Aufgaben in der Kundenabteilung und wird bald zum gläsernen Menschen, der immer und überall überwacht wird. Und sie wird zu einer Art Postergirl des Circle - eines, das man sich freilich nicht mehr an die Wand hängt, sondern per Livestream verfolgt.

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Wer keine Geheimnisse mehr hat, kann nichts Amoralisches oder Böses mehr tun, so das Credo des Circle und der naive Gedanke der Internet-Enthusiasten, die sich um die Konzernleitung sammeln: Die besteht aus den "Drei Weisen". Geschäftstüchtig sind sie auch, klar, weil sie die Circle-Daten allen Firmen zur Verfügung stellen. Aber wichtiger noch, als den Kapitalismus zu ölen, ist ihnen der Hippie-Gedanke, dass alle in einer sicheren Welt leben und Politiker ehrlich seien mögen.

Der Kreis schließt sich erst dann vollends, wenn alle über den Circle miteinander verbunden sind und per Mausklick über alles abstimmen, was das Zusammenleben betrifft: die vermeintlich absolute Demokratie. Von dem Gedanken, die Welt zu verbessern, ist die selbstverständlich sehr junge Circle-Belegschaft beseelt, in ihrem Glauben an die eigene Mission verhält sie sich sektenhaft und offenbart alle Merkmale einer vom ideologischen Furor geblendeten totalitären Gemeinschaft.

Als Gegenfigur zu all den naiv gezeichneten Circlern installiert Eggers jemanden, der das genaue Gegenteil des idealen Circlers ist: den Geheimniskrämer Kalden, der zwar beim Circle zu arbeiten scheint, aber in keinem Datensatz auftaucht. Ein Gespenst, ein Gestriger - er wird gleichzeitig zum Verbündeten Maes und zu ihrem Gegenspieler.

Der Vergleich mit George Orwells "1984" liegt nahe, und er wurde oft gezogen. Mit dem Klassiker, der 1949 erschien, hat "The Circle" nicht nur das Sujet gemein: Auch Orwell imaginierte eine Überwachungsgesellschaft. Bei dem Vorbild schaut sich Eggers zudem die Stilisierung der Charaktere ab. "The Circle" ist ein Genreroman, dem man seine holzschnittartige Verfertigung ruhig ansehen soll. Die Symbolik ist überdeutlich, weil Eggers nur so seine entscheidende Frage zu Gehör bringen kann: Wie wollen wir es in Zukunft mit unserem Recht auf die Deutungshoheit über das eigene Leben halten?


Und wie finden Sie "The Circle"?

Droht uns wirklich die Diktatur der Algorithmen? Der Verlag Kiepenheuer & Witsch  verschickt an die ersten 50 Einsender exklusiv und vor der Veröffentlichung ein Exemplar des Romans. Lediglich zum Zwecke der Buchverschickung bitten wir um die Nennung der Adresse an thecircle@spiegel.de . Die Aktion ist beendet, die 50 Frei-Exemplare sind verschickt!

Alle Interessierten sind dazu eingeladen, im SPIEGEL-ONLINE-Forum an der Diskussion über die düstere Vision des Romans teilzunehmen. Nötig dafür ist eine Anmeldung in unserem Forum.