David Foster Wallace Ulysses mit 'nem Frosch im Hals

David Foster Wallace gilt als genial-schräger Vogel des amerikanischen Literaturbetriebs. In seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Debütroman "Der Besen im System" verstrickt er seine Leser in ein Verwirrspiel um verschollene Altenheimbewohner, Sex-Ersatz und redseliges Federvieh.

Von Silvia Tyburski


Wallace-Erstling "Der Besen im System": Postmoderne Odyssee

Wallace-Erstling "Der Besen im System": Postmoderne Odyssee

Im Hals der Frau lebt ein kleiner Laubfrosch. Die Frau stammt von einem alten osteuropäischen Clan ab, dessen Erkennungszeichen der einzelnen Mitglieder eben genau dies war: ein Tier, das in einer Einbuchtung am Hals wohnt. Eigentlich kommen sie ganz gut miteinander aus, die Frau und der Frosch. Nur im Frühjahr, wenn er Tag und Nacht sein lautes Liebesquaken in die Welt schreit, treibt der kleine, grüne Mitbewohner die Frau in den Wahnsinn. So sehr, dass sie sich eines Tages vor die U-Bahn wirft.

Odyssee für die MTV-Generation

Ein Frosch, der in einem Menschen wohnt? Jeder aufstrebende Jungschriftsteller, der so eine absurde Geschichte an einen Verlag schickte, bekäme das Manuskript wohl postwendend zurück. So geht es auch einem jungen Autoren, der irgendwo in der Mitte von David Foster Wallaces surrealem Debüt-Roman "Der Besen im System" auftaucht - seine Frosch-Story wird nie veröffentlicht.

Autor Wallace amüsiert sich darüber mit einer für ihn typischen Ironie, die er später in seinem Hauptwerk "Infinite Jest" auf die Spitze treiben wird. Ganz schön selbstsicher für einen damals 25-jährigen Schreiber, der gerade frisch von der Uni kam, als "Der Besen" 1987 veröffentlicht wurde. Jetzt, 17 Jahre nach seinem Erscheinen in den USA, ist das komplexe 600-Seiten-Werk auf Deutsch erhältlich.

Eigentlich geht es nicht um Frösche im "Besen" - der grüne Kerl taucht nur einmal kurz auf. Überhaupt ist schwer zu sagen, wovon Wallaces Roman wirklich handelt. Selbst der Figur, die den Plot vorantreibt, begegnen wir nur flüchtig: Lenore Beadsman senior nämlich, der Urgroßmutter der Protagonistin, die, um noch ein wenig mehr Verwirrung zu stiften, ebenfalls Lenore heißt. Ur-Oma Lenore verschwindet zu Beginn des Buches aus ihrem Altenheim, zusammen mit 19 weiteren Bewohnern und einem Teil des Personals. Wenn "Der Besen" eine Handlung hat, dann ist es die odysseehafte Suche nach ihr und den anderen Verschollenen, die Suche Lenores nach Lenore - und nach sich selbst.

Suchspiel für literarische Detektive

Darin erinnert Foster Wallaces Schilderung an das modernistische Meisterwerk "Ulysses": Ähnlich wie bei James Joyce rückt die Sprache, die die Geschichte erzählt, immer weiter in den Vordergrund und verdrängt langsam die eigentliche Handlung. Wallace, den man in den USA schon den "Joyce of America" nennt, beginnt mit der konventionellen Erzählperspektive in dritter Person, um im Fortgang verschiedenste Textsorten in seine Story einzuspeisen: Protokolle von Geschäfts- und Therapiesitzungen, ganze Kapitel andauernde Monologe einzelner Personen, tagebuchartige Erzählungen in Ich-Form und kuriose Short Storys - Geschichten in der Geschichte, die Autoren an den Verlag schicken, in dem Lenore junior als Telefonistin arbeitet.

Wallace spielt ein Versteckspiel mit seinen Lesern, fordert Aufmerksamkeit und detektivisches Kombinationsvermögen. So sind etwa die Hauptpersonen auf wundersame Weise miteinander verbunden. Lenore junior ist ihrem späteren Lover Andy schon einmal mit 15 begegnet, als sie ihre ältere Schwester im College besuchte, wo auch Andy und Lenores jetziger Freund Rick studierten. Rick wiederum ist Lenores Chef und war früher der Nachbar von Andys Ehefrau Mindy, die mit Lenores Schwester aufs College ging. Wallace macht eigentlich all das, was man nicht tun sollte, wenn man als Autor möglichst viele Leser bei der Stange halten möchte.

Stattdessen foppt und fasziniert er den Sinn suchenden Leser mit einem virtuosen Verwirrspiel, hetzt sie durch 20 Zeilen lange Sätze, schweift ab, macht ohne Vorwarnung chronologisch eine Rolle rückwärts, um gleich darauf in die Gegenwart zurückzuspringen und beendet den Roman mit einem Satz, der unvermittelt abbricht. Wer sich davon nicht frustrieren lässt, wird durch Wallaces Gespür für kleinste Details versöhnt - und durch seine Fähigkeit, trotz seitenlanger Abschweifungen spannend zu erzählen.

Die Sprache als Hauptakteur

Alles, was existiert, ist Sprache. Dieses Credo hat Lenore senior, eine ehemalige Studentin des Philosophen Wittgenstein, ihrer Ur-Enkelin eingetrichtert. Wallace erweckt es mit teils slapstickhafter Komik zum Leben. Lenores Vater, ein ominöser Tycoon mit größenwahnsinnigen Ideen, will den Markt mit einem revolutionären neuen Babybrei erobern, durch dessen Wirkstoff Kleinkinder früher sprechen lernen sollen. Lenores Nymphensittich, Vlad der Pfähler, fängt plötzlich an zu sprechen und wird dadurch Star eines Bibel-TV-Senders. Sogar Sex wird in diesem Roman buchstäblich durch Sprache ersetzt: Der impotente Rick erzählt Lenore als Ersatzbefriedigung im Bett bizarre Kurzgeschichten.

"Dies ist sein erster Roman. Gnade uns Gott, wenn der Mann erst mal etwas Übung hat", schrieb ein Rezensent 1987 im "Magazine of Fantasy and Science Fiction" über "Der Besen im System". Inzwischen sind sich die meisten Kritiker des heute 42-Jährigen weitgehend einig, er sei ein literarisches Genie, nennen ihn in einem Atemzug mit Thomas Pynchon und Jonathan Franzen. Manch einer adelte ihn nach seinem 1996 erschienenen Hauptwerk, dem 1088-Seiten-Wälzer "Infinite Jest", gar zum wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Amerikas.

Wallaces "Besen" ist ein Produkt der TV- und Kabel-Fernseh-Ära: diffus, bunt, intensiv, eine Orgie des Zappings. Für Kulturpessimismus hat der Jungstar der US-amerikanischen Literaturszene nichts übrig; die Klagen seiner Schriftstellerkollegen, das Fernsehen verdränge die Literatur, sind ihm fremd. "In einer Zeit, in der wir so viele Unterhaltungsmöglichkeiten haben, ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, wie Literatur sich ihr Territorium sichern kann." Es sei schwer und verwirrend, heute Schriftsteller zu sein, sagt er. "Es macht mir Angst - aber es ist auch eine tolle Herausforderung."

Wallace selbst besitzt übrigens keinen Fernseher. Nicht aus Bildungstümelei, sondern weil die Glotze bei ihm sonst Tag und Nacht liefe, wie er gestand. "Ich wäre zu nichts anderem mehr zu gebrauchen. Wie die meisten Menschen bin ich gierig nach allem, was das Auge reizt."


David Foster Wallace: "Der Besen im System", Kiepenheuer & Witsch, 624 Seiten, 24,90 Euro.





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