Post-Punk-Geschichten aus der schottischen Provinz Ganz weit draußen

Die Biografie einer erfundenen Band erzählt der Musikjournalist David Keenan in seinem ersten Roman - zugleich ist das Buch auch eine Studie darin, wie Kreativität abseits von Metropolen funktioniert.

Schottische Band The Jesus And Mary Chain (live 1985)
Ross Marino/ Getty Images

Schottische Band The Jesus And Mary Chain (live 1985)

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Mit der Band nimmt es kein gutes Ende - es schadet nicht, das zu verraten: Der Sänger stirbt, nachdem er ein Tape mit einem "Dämmerungschor" hinterlassen hat. Der Gitarrist versucht in Paris den Traum vom Bohème-Leben zu verwirklichen. Der Schlagzeuger verschwindet in den israelisch-palästinensischen Wirren.

Und doch hatte die Band Memorial Device ihren Moment, irgendwann in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre. So kompromisslos ihre Musik klang, so stolz waren die Bewohner des Städtchens Airdrie auf sie, zumindest die jüngeren, zumindest diejenigen, die eine Sehnsucht nach einem anderen Leben in sich spürten. Für sie war Memorial Device "Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird".

So lautet der deutsche Titel des Romans von David Keenan, im Original ist es nur eine Kapitelüberschrift, da heißt das Buch "This Is Memorial Device", was deutlicher auf seinen formalen Clou verweist: Keenan hat einen Fanzine-Schreiber erfunden, der die Biografie der erfundenen Band Memorial Device zusammengestellt hat. Mit eigenen Erinnerungen und Interviews, aber auch mit Beiträgen von Zeitgenossen der Band, vervollständigt durch eine Diskografie, eine Auflistung aller verknüpften Musikacts, einem Personen- und einem Sachregister - alles sehr gründlich also.

Niemand hier trat bei "Top of the Pops" auf

Wenn man denn einen Sinn hat für das etwas nerdige Ende der Popkultur-Berichterstattungsskala, dann kann man viel Freude haben an diesem Buch. Der Autor, David Keenan, ist in diesem Bereich zu Hause, er hat häufig für das Avantgarde-Musikmagazin "The Wire" geschrieben (wo er auch ein Fotoessay zum Roman veröffentlicht hat), betrieb in Glasgow einen (inzwischen geschlossenen) Plattenladen für experimentelle Musik und ist auch als Musiker tätig - dass seine einstige Band 18 Wheeler der Hauptact des Konzerts war, bei dem Oasis als Vorgruppe vom Plattenlabel Creation entdeckt wurden, ist für einen wie Keenan da schon ein sehr untypischer Moment der Nähe zur wirklich populären Kultur.

Buchautor David Keenan
Roberto Ricciuti/ Getty Images

Buchautor David Keenan

Nein, David Keenans Leidenschaft gilt dem Abgelegenen. Und auch die erfundenen Bands aus "This Is Memorial Device" haben nur sehr entfernt mit der Glitzerwelt des großen Pop zu tun. Bei "Top Of The Pops", der legendären britischen Hitparaden-TV-Show, ist keine von ihnen aufgetreten - und als Memorial Device tatsächlich von einer Plattenfirma nach London eingeladen werden, reagieren die Schotten eher verstört auf die Sprache des Marketings und die Einladungen zu Drogen und Sex.

Im wirklichen Leben wurden einzelne Bands aus der schottischen Independent-Szene in der ersten Hälfte der Achtziger durchaus überregional, ja international wahrgenommen - wie etwa die aus einer Glasgower Vorstadt stammenden The Jesus and Mary Chain mit ihrer Mischung aus kreischendem Gitarren-Feedback und süßen Sixties-Melodien.

Der Underground von Airdrie, den Keenan imaginiert, ist hingegen nicht nur musikalisch, sondern auch geographisch abgelegener. Die Verbindungen zur regionalen Metropole Glasgow sind nur punktuell. Und dennoch lässt er eine Wegbegleiterin der Band im Roman sagen: "Wenn man über eine Lokalszene spricht, muss man wissen, dass eigentlich von einer internationalen Szene, nur eben als Mikrokosmos, die Rede ist. Auch wir hatten unseren Syd Barrett, unseren Brian Jones, unsere Nico und unseren Pete Perrett."

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:34 Uhr
Ohne Gewähr

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David Keenan
Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird: Roman

Verlag:
Liebeskind
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00

In diesem Mikrokosmos stehen Memorial Device im Zentrum, jene Band um den Sänger Lucas Black, der jede Nacht seine Erinnerung verliert und deshalb jeden Tag die Dinge neu kennenlernt, wenn er sich nicht zufällig am Vortag etwas in den Notizblock geschrieben hat. Um Memorial Device kreisen allerlei eindrucksvoll seltsame Figuren und Formationen: Da ist Vanity - Pornostar und Teil des Industrial-Noise-Duos Glass Sarcophagus. Da ist der Lehrer Mr. Scotia, der zusammen mit einer Mod-Kapelle eine Rockerbande bekämpft. Oder die Band Chinese Moon, die lange vor den heutigen Hologrammen schon Avatare von sich auftreten ließ.

Verstiegen in fixe Ideen

Doch so originell die literarische Ausgangssituation des Romans ist und so ungewöhnlich viele der Charaktere - letztlich kommt beim Lesen recht bald der Eindruck auf, all diese viele Figuren wären mehr oder weniger auf dieselbe Weise neben der Spur. Obwohl die Kapitel von unterschiedlichen Erzählerstimmen getragen werden, gibt es immer wieder einen ähnlichen Kippmoment - irgendwann wird's kosmisch, irgendwann dreht's ab.

Das nervt zwar bei der Lektüre, ist aber auch Teil des Zeitkolorits: Schienen Anfang der Achtziger noch überall kreative Möglichkeiten aufzuscheinen, teilte sich die britische Gesellschaft im Laufe des Jahrzehnts immer klarer auf - in die, die beim thatcheristischen Run aufs große Geld mittun können und in die, die vereinzelt und abgehängt zurückbleiben.

Und das Zurückbleiben lässt sich auch räumlich verstehen: Mobilere Geister verlassen die Provinz - so wie es auch Buchautor Keenan getan hat. Die künstlerischen Typen, die bleiben, schildert er als Leute, die sich in fixe Ideen versteigen, wenn der Austausch der Jugendzeit wegfällt. So ist der Roman "Eine Impfung..." die Geschichte von Gut und Böse der Isolation in der Provinz - die ja, auch deshalb ist der Roman gewissermaßen begrenzt, heute zumindest zum Teil durchs Internet abgedämpft ist.



insgesamt 4 Beiträge
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VadidWyle 09.05.2019
1. What?
JAMC haben mit Post-Punk so absolut gar nichts zu tun! Meist nennt man diese Musikrichtung "Shoegaze".
call_me_crank 10.05.2019
2. @VadidWyle
Das wollte ich als Shoegazer-Fan auch grad schreiben :p Post Punk wären eher Bands wie Joy Divison, Bauhaus, Wire und Siouxsie and the Banshees...Zudem hat sich die Post-Punk Szene schon seit Ende der 70er Jahre gebildet und nicht erst Mitte der 80er. Primal Scream waren außerdem auch aus Schottland und haben anfangs den 60er Stil imitiert, das nicht mal zu erwähnen ist relativ schwach, noch dazu wo die Bandmitglieder miteinander verwoben waren.
dolfi 10.05.2019
3. Lustig
Es ist wie im echten Bandleben: Man erführt was über den Sänger, den Gitarristen und den Schlagzeuger. Der Bassist kommt nicht einmal vor. *Ironie aus*
VadidWyle 10.05.2019
4. Tja...
Deswegen ist der Bassist einer Band, wie der Typ, der auf dem Bolzplatz als letzter in eine Manschaft gewählt wird. Ausnahmen wie der Basser vo Joy Divison (New Order) und Big Country sind natürlich ausgenommen.
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