Sebastian Kurz und die Wahl in Österreich Das Glas ist leer

Bei der Wahl haben sich 38 Prozent der Österreicher für jenen Mann entschieden, der sie am wenigsten mit Inhalten belästigte: Sebastian Kurz, Schwiegersohn der Nation. Wird er nun grün, blau oder rot?
Von David Schalko
Sebastian Kurz: "Wie ein leeres Glas, das schön geputzt glänzt und das es jetzt zu füllen gilt"

Sebastian Kurz: "Wie ein leeres Glas, das schön geputzt glänzt und das es jetzt zu füllen gilt"

Foto: Matthias Schrader/ AP

In den vergangenen Wochen hatte man in Österreich das Gefühl, die gesamte Fernsehwelt bestünde nur noch aus sechs Politikern, die in einer Möbiusschleife immer das Gleiche wiederholen. Große Narrative gab es kaum. Dafür fehlte schlicht die Zeit. Das Ibiza-Video hatte alle überrascht. Keiner war auf einen mehrmonatigen Wahlkampf eingestellt. Am Ende dieses langweiligen Marathons stand ein Ergebnis, das ohne diesen exakt genauso ausgesehen hätte. ÖVP und Grüne gewinnen massiv, die FPÖ bekommt ihre Korruptionsrechnung serviert und die Sozialdemokraten setzen ihren stetigen Untergang ratlos fort.

Aber was haben die Österreicher eigentlich gewählt? Denn Parteien waren es nicht. Eher einzelne Themen und Personen.

Zur Person
Foto: Rudolf Gigler/ imago images

David Schalko, Jahrgang 1973, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er wurde bekannt mit Fernsehformaten wie der "Sendung ohne Namen". Seine Serien "Braunschlag" und "Altes Geld" wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2018 der Roman "Schwere Knochen" bei Kiepenheuer und Witsch.

38 Prozent haben sich für jenen Mann entschieden, der sie am wenigsten mit Inhalten belästigte. Solange der jüngste Altkanzler aller Zeiten oft genug beteuerte, dass er niemanden hereinlässt, im Zweifelsfall auch kein neues Klima, blieb für den ÖVP-Wähler die Welt in Ordnung. Noch dazu beherrscht es der Schwiegersohn der Nation, stets besonnen und souverän zu wirken. Er macht eben alles richtig. Das haben Mutti und Vati über sechzig gern. Besonders am Land. Dort holte sich Kurz sein triumphales Ergebnis.

Sebastian Kurz ist auf gewisse Weise der Peter Alexander der Politik. Er ist der Wächter, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Geschichte, die er den Österreichern erzählte, war simpel: Der Kanzler wurde gegen den Willen des Volkes abgewählt. Er zog durch die Lande, um sich Kraft bei den Menschen zu holen. Dann kehrte er triumphal zurück. In einem Strategiepapier der ÖVP tauchten Begriffe wie Rocky III oder Ben Hur auf. Die Leute von Kurz verstehen ihr Handwerk. So viel ist gewiss.

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Das grüne Comeback

Die zweite Erfolgsgeschichte ist ebenfalls eine Comeback-Story. Die Grünen wurden mit ihrem historisch besten Ergebnis zurück ins Parlament gewählt. Werner Kogler, der auch schon Spitzenkandidat bei den Europawahlen war und vermutlich auch noch für die Bundespräsidentenwahl, den Wiener Bürgermeister und diverse Regionalbezirke antreten wird, wurde stellvertretend für Greta Thunberg mit 12 Prozent bedacht.

Böse Zungen behaupten, das hätte auch ein Ziegelstein zuwege gebracht. Wobei mir auf Anhieb mehrere GrünpolitikerInnen einfallen, die selbst diesen Elfmeter verschossen hätten. Das Thema Umwelt brennt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und es ist eigentlich ein Wunder, dass sich die FPÖ selbiges nicht unter dem Schlagwort Klimaflüchtlinge aneignete. Stattdessen versuchte man mit der inzwischen lächerlichen Pose des Klimawandelleugners durchzukommen. Die heilige Greta wurde als hysterisch hingestellt - man sprach von Zöpfchendiktatur.

Die Verlierer der Wahl

Gut, Norbert Hofer, der unfreiwillige Spitzenkandidat der Blauen, hatte andere Sorgen. Der oft als brauner Bussibär belächelte Politiker musste nicht nur die üblichen Naziausreißer und Identitären weglächeln, sondern auch Ibiza-Video, Spesenskandal und das unbehagliche Gefühl, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Das war zu viel für einen. Wo er doch für zwei Lächeln musste. Weil sein Doppelspitzenkollege und drakonischster Innenminister aller Zeiten, Herbert Kickl, gar nicht weiß, wie so ein Lächeln geht. Heinz-Christian Strache, der die vergangenen Jahre offenbar versucht hatte, auf Steuerzahlerkosten das Leben eines Oligarchen nachzuahmen, konnte nicht weggelächelt werden. Die Blauen verloren ein Drittel ihrer Stimmen.

Bei den zweiten großen Verlierern des Abends verhält es sich ähnlich. Nur dass Joy Pamela Rendi-Wagner versuchte, eine sozialdemokratische Welt herbeizulächeln, für die es viel zu wenige Bewohner gibt. Die Medizinerin Rendi wirkte im Wahlkampf oft wie eine Hausärztin, die in einem Nobelbezirk ordiniert und ihr soziales Gewissen damit beruhigt, bedürftige Sozialfälle einmal die Woche gratis zu behandeln. Der Retrolook der SPÖ-Plakate mit der manisch lächelnden Rendi-Wagner gemahnte an die saturierten Siebziger-Wohlfühljahre und wollte vermutlich suggerieren, dass früher alles besser, weil früher alles sozialdemokratisch war. Dementsprechend nostalgisch kamen auch die Inhalte daher. Sozialismus mit weiblichem Antlitz war einfach zu wenig Narrativ, um die Rückkehr des vertriebenen Kanzlers zu verhindern.

Der Ordnung halber seien auch noch Peter Pilz und die Neos erwähnt. Peter Pilz, der vor zwei Jahren für die Spaltung und Rauswahl der Grünen sorgte, hatte es in ebendieser Zeit geschafft, dass seine Liste nur noch aus einer Person bestand. Nämlich Peter Pilz. Er geht als Aufdecker in Pension oder tut sich vermutlich mit den Machern des Ibiza-Videos zusammen. Die Neos, die in ihrem Namen das "liberal" vergessen haben, sind ebenfalls Gewinner. Sie wirken ein wenig so, als hätten die jungen Mitarbeiter von Sebastian Kurz eine eigene Partei gegründet. Aber eben ohne Sebastian Kurz. Dafür mit Inhalt. Den Beate Reisinger sehr beherzt präsentierte. Den aber trotzdem jeder gleich wieder vergessen hatte.

Videoanalyse zur Wahl: Ein Sieger, eine überraschende Option

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Egal. Um Inhalte wird es erst jetzt gehen. Vor allem weil Kurz kaum welche hat. Er ist wie ein leeres Glas, das schön geputzt glänzt und das es jetzt zu füllen gilt. Ihm stehen alle Möglichkeiten offen. Fast jede Koalition geht sich aus.

Man darf also gespannt sein, für welche Farbe er dieses Mal sein politisches Talent einsetzen wird. Wird es ein grüner Kurz, der geschickt Umweltthemen mit Wirtschaft verschränkt? Wird es ein blauer Kurz, der den angeschlagenen FPÖlern gerade mal das Frauen- und Umweltministerium überlässt, um es sich weiterhin in Ressentiments, Postenschacher und Orbánisierung bequem zu machen? Oder wird es ein roter Kurz, weil halt nichts anderes geht? Diese Koalition hätte politisch gesehen eher homöopathische Wirkung. Wäre zwar im Gegensatz zur FPÖ nicht peinlich, aber gleichzeitig auch die größte Überraschung. Und Überraschungen passen so gar nicht zu diesem Wahlabend.