Finsterer Schottlandkrimi Das "Trainspotting" des Jahres 2021

Alle Familien sind abgefuckt – aber jede auf ihre Weise: In seinem Krimi »Der Bruch« erzählt Doug Johnstone von Sex, Drogen, dem Kampf zwischen Brüdern – und von einer Frau, die Hoffnung macht.
Krimiautor Johnstone: Empathie als Waffe

Krimiautor Johnstone: Empathie als Waffe

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Simone Padovani / Awakening / Getty Images

Koks und Kot statt Kilts und Dudelsäcke: In den Neunzigerjahren räumte Irvine Welsh in seinem Romandebüt »Trainspotting« mit gängigen Edinburgh-Klischees gründlich auf. Buch (und Verfilmung) erzählten rotzig von kaputten Typen, deren Leben aus Drogen, Partys und Beschaffungskriminalität bestand. Welsh hörte den Verlierern des Neoliberalismus nicht nur zu, er gab ihnen eine Stimme.

Und diese Stimme war laut und schrill und wurde gehört. Auch von Doug Johnstone. Für den Schotten, der heute in Edinburgh lebt, war »Trainspotting« eine Art Initialzündung. Es gehörte zu den Romanen, die ihn nachhaltig beeindruckt haben. So nachhaltig, dass der promovierte Atomphysiker irgendwann beschloss, lieber zu schreiben als zu forschen. Fast drei Jahrzehnte nach Welshs Klassiker erscheint mit »Der Bruch« so etwas wie sein eigenes »Trainspotting«.

Johnstone, einer der wichtigsten Autoren der schottischen Krimiszene, hat seit 2006 ein Dutzend Romane geschrieben, »Der Bruch« war Nummer zehn. Er spielt größtenteils in Greendyke, einem heruntergekommenen Vorort von Edinburgh, der seit einigen Jahren in eine Art Schlafstadt für Pendler umgebaut wird. »Ein Dreckloch«, so beschreibt Tyler es, »ausgebrannte Häuser und baufällige Läden, Drogenhöhlen und Gang-Treffs. (…) Jedes Klischee von sozialer Verwahrlosung passte hier.«

Der Drogenrausch ist schal geworden

Tyler durchstreift dieses Brachland wieder und wieder, auf seinem Handy laufen dazu die Songs des schottischen Elektronikduos Boards of Canada. Musik, die klingt wie der Soundtrack zur Postapokalypse. Underworlds »Born Slippy«, der Hit aus »Trainspotting«, würde mit seiner – wenn auch düsteren – Euphorie auch nicht mehr passen zu einem Edinburgh, wo sich sogar Sex und Drogenrausch anfühlen, als wären sie längst schal geworden.

Johnstones Hauptfigur, der 17-jährige Tyler, wohnt in einem der letzten beiden Hochhäuser von Greendyke, umzingelt von Baustellen. Wer hier lebt, ist jeglicher Perspektive beraubt und kämpft täglich ums Überleben, egal mit welchen Mitteln – oder hat sich längst aufgegeben, so wie Tylers drogensüchtige Mutter.

Die Guten, die halbwegs Anständigen, versuchen das Beste aus der Situation zu machen. So wie Tyler, der zwar auch nicht daran glaubt, dass ein anderes, besseres Leben auf ihn wartet, der aber immerhin noch nicht völlig resigniert hat. Liebevoll kümmert er sich um seine kleine Schwester Bean, kocht für sie, hilft ihr bei den Hausaufgaben. Für sie, so glaubt er, besteht vielleicht noch Hoffnung.

Doch Tyler ist auch Teil einer Bande Kleinkrimineller, die nachts in Häuser einbricht. Anführer ist sein durchgeknallter Halbbruder Barry, der ein massives Drogenproblem hat und Sex mit seiner eigenen Schwester hat. Ein Mann, der so sehr im Bann universeller Negativität steht, dass er es nicht ertragen könnte, wenn es jemandem in seinem Umfeld besser ginge als ihm. Und so verbaut er Tyler jeden Ausweg, zieht ihn immer tiefer rein ins eigene Elend, mit der Unwiderstehlichkeit eines schwarzen Lochs.

Nachdem Barry bei einem Raubzug die Hausbesitzerin mit dem Messer schwer verletzt – was ihren Ehemann, eine Unterweltgröße, mächtig sauer macht –, reift in Tyler der Entschluss, seinem Bruder den Rücken zu kehren. Doch Barry ist nicht nur brutal und skrupellos, sondern wird auch zunehmend unberechenbar. Und Tyler kann sich nicht zu einer Entscheidung durchringen, aus Angst ebenso wie aus falsch verstandener Solidarität zögert er das Unvermeidliche immer wieder hinaus, bis es fast zu spät ist.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es für Tyler: Felicity, genannt Flick, das Kind reicher Eltern, die aber auf ihre Weise ebenso beschädigt ist. »Alle Familien sind abgefuckt«, sagt sie zu Tyler und paraphrasiert den berühmten Anfang von Tolstois »Anna Karenina«, »jede ist auf ihre eigene Art abgefuckt«. Während Tylers Familie ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, ist Flick meist auf sich allein gestellt, ihre Eltern sind ständig auf Reisen.

Die – alles andere als unkomplizierte – Beziehung, die sich zwischen Tyler und Flick entspinnt, gehört zu den wenigen positiv besetzten Momenten in diesem tiefschwarzen Roman, der Zustände schildert, die unerträglich wären, würde Johnstone nicht mit so viel Zuneigung für seine Figuren schreiben. So wie Welshs Waffe sein zynischer Humor war, ist Johnstones Waffe die Empathie.

Er analysiert nicht, sucht nicht nach Erklärungen oder gar Schuldigen, er beschreibt vorurteilsfrei und präzise ein Milieu und die Menschen, die es ausmachen. Dennoch ist »Der Bruch« weder Sozialstudie noch Loser-Ballade, sondern ein tougher Kriminalroman, der unaufhaltsam seinem blutigen Höhepunkt entgegenstrebt.

Doug Johnstones Edinburgh ist so finster, dass es selbst John Rebus, der hart gesottene Polizist aus Ian Rankins Krimi-Bestsellern, mit der Angst zu tun bekommen würde.