Erotik-Roman von Miranda July Auf der Suche nach dem Höhlenmann

Choreografien der Erotik und Gewalt: Die Filmemacherin Miranda July entwickelt so treffend wie kaum eine andere Künstlerin Bilder für menschliche Abgründe. Jetzt hat sie ihren ersten Roman geschrieben.

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Die 43-jährige Cheryl wird schon lange nicht mehr geliebt. Kollegen beim Fitnessvideo-Hersteller komplimentieren sie ins Homeoffice. Freunde gibt es auch keine. Selbst die eine Beziehung, die sie halbwegs unterhält, zeigt nur auf, was alles fehlt: Cheryl fantasiert über Phil, einen 20 Jahre älteren Mann. Sie stellt sich die Liebe mit ihm urtümlich und symbiotisch vor, wie bei Höhlenmann und Höhlenfrau.

Für ihn aber spielt sie nur eine undankbare Nebenrolle: Phil will mit einem Teenager schlafen, ernennt Cheryl zum moralischen Richter über die Entscheidung und bombardiert sie mit geifernden SMS: "Ich soll dir sagen, dass ich sie durch ihre Jeans gerubbelt habe." Jetzt hat sich in Cheryls Hals ein Stein eingelagert. Eine Verhärtung aus nicht gelebter Sexualität und Sehnsucht, als habe sie sich an der eigenen Genügsamkeit verschluckt.

In ihrem ersten Roman "Der erste fiese Typ" erzählt die Performance-Künstlerin, Regisseurin und Autorin Miranda July von der Innenwelt einer Frau, der jede Bindung fehlt. Das passt: July zeigte sich schon vorher häufig als Spezialistin für das Ringen zwischen individuellen Bedürfnissen und sozialen Beziehungen. In ihrem letzten Film "The Future" etwa porträtierte sie ein Mittdreißiger-Paar, das bereits die Adoption einer Katze überfordert. Weil das Tier als Gefahr für die eigene Selbstverwirklichung wahrgenommen wird, kommt es zur Lebenskrise.

Innere Zwiesprache mit Babys

Weniger generationsspezifisch untersuchte July die emotionalen Absonderlichkeiten in ihrer Kurzgeschichtensammlung "Zehn Wahrheiten" - spitzzüngig und stilistisch schlank sezierte July die extremen Gefühlswelten, die in jedem noch so augenscheinlich normalen Leben stecken.

Auch in "Der erste fiese Typ" tritt wieder Julys Wille hervor, da weiterzudenken, wo andere aufhören. Weil diese eine emotionale und sexuelle Bedürftigkeit über soziale Moral und Scham stellen. Ganz selbstverständlich führt Cheryl etwa immer wieder innere Zwiesprache mit Babys, die ihr begegnen: Als Neunjährige traf sie ein Baby, dem sie sich auf unerklärliche Weise vertraut fühlte. Seitdem, so Cheryl, trifft sie dieses Baby immer wieder im Körper anderer Kinder. Und als Phil ihr unter Tränen bei einem Telefonat von seiner Liebe zu einer Minderjährigen erzählt, erregt Cheryl schon dieser Gefühlsausbruch, obwohl er gar nicht sie meint. Während der Mann am anderen Ende der Leitung heult, befriedigt sie sich selbst.

Am stärksten verschwimmen Cheryls Innenleben und Außenwelt aber, als die Tochter von Cheryls Chef unfreiwillig bei ihr untergebracht wird und mit stinkenden Füßen und Mikrowellen-Fertiggerichten Cheryls Couch belegt. Nach einer Zeit des feindseligen Schweigens beginnt sie, sich in einer Art erotischer Gewaltchoreografie regelmäßig mit ihr zu prügeln. Die Gewalt stößt eine Entwicklung an, die später zu Cheryls erster richtiger Beziehung führen wird.

July begegnet ihrer Figur Cheryl mit Empathie, aber nicht mit übermäßiger Sympathie. Ihr geht es nicht um gut und schlecht und schon gar nicht um Schuld, sondern darum, die eigentümliche Dynamik menschlicher Beziehungen in Handlungen zu übersetzen. Der Leser muss so selbst ausloten, wie er Cheryl gegenübertritt: Ob er es sich also einfach macht und diese Frau für ziemlich hinüber erklärt. Oder ob er eben doch diese bequeme Position verlässt und überlegt, an welchen Stellen er ihre Bedürfnisse verstehen, sie womöglich sogar in sich selbst wiederfinden kann.

Das ist besonders deshalb reizvoll, da fordernd, weil July in dieser Grauzone das Gleichgewicht zwischen besorgniserregender Verrücktheit und knuffigen Fantasiespielen erzählerisch hält: Vor allem zu Beginn des Buchs hat Cheryl durchaus ihre unheimlichen Momente. Als etwa eine Schneckenplage über das Haus einbricht und sich die Tiere in der Wohnung ausbreiten - eine Passage, die sich liest wie der schleimgewordene Kontrollverlust einer verhungerten Seele.

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    Der erste fiese Typ

    Übersetzung: Stefanie Jacobs.

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