Kriminalroman "Der Fall Alice im Wunderland" Grauenhafte Leerstelle

War der Autor des Welterfolgs "Alice im Wunderland" pädophil? Um diese Frage hat der Argentinier Guillermo Martínez einen Krimi gestrickt. Das ist verstörend und spannend zugleich.
Harmlose Schwärmerei oder pädophile Neigungen? Szene aus der Disney-Verfilmung von "Alice im Wunderland" von 2010

Harmlose Schwärmerei oder pädophile Neigungen? Szene aus der Disney-Verfilmung von "Alice im Wunderland" von 2010

Foto:

Disney/ ddp images

Unstrittig ist, dass "Alice im Wunderland" nicht nur eines der bekanntesten Kinderbücher ist, sondern auch eines der einflussreichsten Werke der Literaturgeschichte. Um seinen Autor Lewis Carroll hingegen, einen Mathematiklehrer und lebenslangen Junggesellen, der sich am liebsten mit Kindern umgab, sehr jungen Mädchen vor allem, entspinnt sich seit langem ein Disput: War seine Zuneigung nur harmlose Schwärmerei oder hatte er pädophile Neigungen? In Carrolls Tagebüchern fehlt unter anderem die Seite, die erklären könnte, warum die Mutter von Alice Liddell Carroll den Umgang mit ihrer damals elfjährigen Tochter, für die Carroll "Alice in Wunderland" 1862 erdacht hatte, verbot.

An dieser Leerstelle in Carrolls Biografie setzt der argentinische Mathematiker und Schriftsteller Guillermo Martínez mit seinem Kriminalroman "Der Fall Alice im Wunderland" an: Die in Oxford ansässige Lewis-Carroll-Bruderschaft (Vorbild ist die tatsächliche Lewis Carroll Society) ist überzeugt, ein Dokument aufgespürt zu haben, das zeigt, "wie schuldig oder unschuldig Carrolls Liebe zu kleinen Mädchen war". Kristen Hill, eine junge Doktorandin und Carroll-Enthusiastin, kündigt an, in Besitz eines Zettels gekommen zu sein, auf dem ein einziger Satz stünde, der "so gut wie alle Theorien entkräfte, die bisher über Carroll kursierten". Bevor Hill diesen Zettel der Bruderschaft präsentieren kann, wird sie von einem Auto angefahren und kommt schwer verletzt ins Krankenhaus.

Buchinfo

Guillermo Martínez:
Der Fall Alice im Wunderland
Eichborn Verlag
320 Seiten; 16 Euro
Aus dem argentinischen Spanisch von Angelica Ammar

Bei Amazon bestellen

Unfall oder Mordversuch? Und falls Letzteres: Sind die teilweise hoch betagten Mitglieder der Bruderschaft nicht die Hauptverdächtigen? Denn sie alle müssen um ihren akademischen Ruf fürchten, sollten sich entscheidende Annahmen in der Carroll-Forschung als falsch herausstellen.

Rückkehr nach Oxford

In der Folge kommt es zu zwei Morden, und es ergibt sich ein neues Bild: Alle drei Taten scheinen sich auf Motive aus "Alice in Wunderland" zu beziehen, außerdem wird jede Tat mit einer Fotografie Carrolls garniert, es handelt sich um eine Reihe von Akten mit jungen Mädchen, die der enthusiastische Hobbyfotograf Carroll tatsächlich aufgenommen hatte. Jetzt kursiert die Vermutung, ein verrückter Serienmörder könnte im falsch verstandenen Geiste Carrolls morden. Oder ein Opfer von Kindesmissbrauch wolle auf diese verstiegene Weise auf Carrolls vermeintliche pädophile Neigungen aufmerksam machen.

Mit "Der Fall Alice im Wunderland" kehrt der Argentinier Martínez 17 Jahre nach seinem - mit Elijah Wood verfilmten – Welterfolg "Die Pythagoras-Morde" (zeitgleich als "Die Oxford-Morde" wiederveröffentlicht) zurück nach Oxford, der neue Roman spielt 1994, nur ein Jahr nach den Ereignissen des ersten.

"Die Oxford-Morde", damals mit dem Premio Planeta, dem höchst dotierten Preis für spanischsprachige Literatur, ausgezeichnet, war gleichzeitig Rätsel- und Meta-Krimi, der mathematische Theorien mit Ermittlungsarbeit kurzschloss und mit einer Pointe endete, die zu den kühnsten in der Literaturgeschichte gehört. Sie basierte zugleich auf der Heisenbergschen Unschärferelation wie auf Wittgensteins Untersuchungen des Problems des Regelfolgens. Wenn man so will, verwandelte Martínez Wittgensteins berühmten Satz "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" in "Wer nicht sprechen soll, der muss zum Schweigen gebracht werden".

Ein Trio wie bei "Sherlock Holmes"

Im Mittelpunkt beider Romane steht ein Trio, das in seiner Konstellation stark an Arthur Conan Doyles "Sherlock Holmes"-Geschichten erinnert: Holmes findet seine Entsprechung in Arthur Seldom, einem so genialischen wie eigenbrötlerischen Logik-Professor; Inspektor Lestrade hing ebenso hinter Holmes’ Erkenntnissen zurück wie bei Martínez Inspektor Peterson; und als Ich-Erzähler und Pendant zu Doyles Watson fungiert ein namenloser argentinischer Mathematik-Doktorand, der Seldoms Genialität um einiges nachsteht und der sich, wenn Frauen ins Spiel kommen, mehr von Gefühlen als von der Logik leiten lässt.

Man kann "Der Fall Alice im Wunderland" lesen, ohne "Die Oxford-Morde" zu kennen, der Roman funktioniert als spannender Krimi ebenso wie als hoch intelligenter Rätselspaß voller Anspielungen auf Klassiker der Literatur, logische und erkenntnistheoretische Problemstellungen. Doch ein entscheidender Reiz der Lektüre erschließt sich nur denjenigen, die den Vorgänger gelesen haben. Denn Martínez hat eigentlich keine Fortsetzung geschrieben, sondern einen literarischen Zwilling, wobei sich Figurenkonstellationen, Motive und Pointen wie in einem Kaleidoskop mehrfach brechen. Ein wahrhaft schillerndes, geistreiches Vergnügen nicht nur für Carroll-Kenner.

Den Zettel, der im Roman die fatalen Ereignisse auslöst, gibt es übrigens tatsächlich. Die Dramatikern Karoline Leach fand ihn in den Neunzigerjahren in einem Archiv. Aber tun Sie sich einen Gefallen: Googeln sie erst nach der Lektüre des Romans danach.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.