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27. März 2019, 12:24 Uhr

Science Fiction über Frauenhass

Auf dem besten Weg zum Höhlenmenschen

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Es ist heiß, eine Theokratie erklärt Gebärfähige zur Gefahr: In dieser Horrorwelt ist die schwangere Cedar auf der Flucht. Louise Erdrichs "Der Gott am Ende der Straße" ist eine Dystopie, die ins Heute passt.

Sie braucht Dinge, die überdauern. Also kauft sie Salz, Reis, Bohnen, Vollkornmehl, Pfannkuchen-Mix, Dosengemüse und Erdnussbutter. Sie kauft Munition und so viel Alkohol und Zigaretten, wie sie kriegen kann. Für später, als Tauschware. So lange kommt es hinter die Wandverschalung.

Cedar braucht Dinge, die bleiben, wie sie sind, weil sich für den ganzen Rest auf einmal die Regeln geändert haben. In ihrem August im ungefähr Fernen hat es im heute wohltemperierten Minnesota mit knapp über 30 Grad einen "ungewöhnlich kühlen Tag". Ob es jemals wieder schneien wird?

Dazu die Forschermeldung, dass sich Tiere und Menschen rasant zurückentwickeln. Panik kriecht in alle Ritzen. Aus Angst vor dem, was die Welt da gebiert, ist "Gott" an die Macht gekommen - und lässt Schwangere in Gefängnisse verschleppen. Gebärfähige als Gefahr, wie absurd zeitgenössisch.

Und schon ist man mittendrin in der fortschreitenden Dystopie, die die US-Autorin Louise Erdrich in "Der Gott am Ende der Straße" geschaffen hat. Mittendrin mit Cedar Hawk Songmaker, 26, schwanger im fünften Monat. Die rüstet sich für das Ungewisse, schlimmstenfalls den Weltuntergang.

"Kein Mensch weiß, was zur Hölle los ist oder ob man in vier Monaten unsere Spezies noch wiedererkennt", heißt es. Aber: "Wir passen uns schon an", ein Becher Kirsch-Slushy hilft anfangs noch. Und so verbarrikadiert sie sich hinter heruntergelassenen Jalousien. "Wir beschließen zu bleiben, zu fliehen, unterzutauchen, weiterzumachen wie bisher." Bis auch sie entdeckt wird.

So hemdsärmlig ruhig der Tonfall auch ist, mit dem Erdrich erzählt: Dass sie diesen Frauenhass in Science Fiction verpackt, wirkt. Es macht unser Jetzt zum Schock - es ist schon da, es wird wohl bleiben.

Dieser Mix ist längst ein eigenes Genre, allen voran Margaret Atwoods immergültige "Der Report der Magd" und "Das Jahr der Flut", auch Megan Hunters "Vom Ende an" oder Karen Duves "Macht" gehören dazu. An die atemraubende Beklemmung von Atwoods Klassikern kommt dieser neue Roman nicht ran. Und doch: In seinem Katastrophenklima fallen Menschheitsende und das Werden eines Menschen in eins. Auch wegen solcher Erzählideen ist es überfällig, dass Erdrich hierzulande so bekannt wird, wie sie es seit Jahrzehnten verdient hätte.

Feier der Vielheit

Versteckt, verschleppt, Krankenhaus-Gefängnis, Ausbruch, Flucht. Geburt. Cedar schreibt das alles in ihre Tagebuchkladde, die wir hier lesen, erzählt ihrem künftigen Kind von dem ganzen Irrsinn. Derweil sie schreibt, von August bis Februar, immer vorwärts, Tag für Woche für Monat, entwickelt sich die Menschheit zurück; mit der Ahnung, dass das Baby sein Leben nicht erleben wird.

Die Ruhe, die dabei von Cedar ausgeht, ist immens. Als habe sie den Schrecken ihrer Welt im Griff. Auch weil Erdrich sie als Gegenentwurf in diese Welt stellt. Als Mikrokosmos mit einer Vielheit an Wahrheiten. Weil Cedar als Ojibwa, auch bekannt als Chippewa, bei den weißen, buddhistischen Adoptiveltern Sera und Glen aufwächst. Weil sie ihre leibliche Mutter "Mary Potts beinahe-senior" im Reservat aufsucht und kein Chaos entsteht, sondern Glück. Und weil Cedars eigenes Katholikentum jenseits des christlich begründeten Quatschs der Machthaber existieren darf.

Ein fragloses Nebeneinander von Glauben, verkörpert in der katholischen Heiligen Kateri Tekakwitha, einer Nachfahrin der Algonquin, der Mary Potts Rollrasen um den neuen Schrein auslegt. Sie alle zeigen, dass Glaube eben kein Dogma sein muss. Selbst dass die schwangere Cedar als Marien-Version und ihr Ungeborenes als "Licht der Welt" - Geburtstermin 25.12. - erscheint, bleibt angenehm unaufdringlich.

Zu dieser Feier der Vielheit gehört auch, dass Erdrich etwas fortführt, das in ihrem ersten Roman, dem Auftakt der achtbändigen "Liebeszauber"-Reihe, ebenso präsent ist wie im vor zwei Jahren erschienen "Ein Lied für die Geister": Familie baut für sie, selbst von den Ojibwa abstammend, selten nur auf Blut auf, ist amorph, offen. Sie entsteht aus Liebe, Verantwortung, Verbindlichsein. Dass ihre Figuren diese weite Familienidee leben, als lebensrettendes Untergrundnetzwerk gar (ähnlich der "Underground Railroad") macht das Biologistische der Theokratie drumherum umso greller.

Was brauchen wir eine fiktionale Dystopie, werden Sie sagen, es ist doch heute schon schlimm genug. Doch Erdrichs Weltentwurf bleibt genau deshalb hängen: Mit den Klimakatastrophenleugnern heute, den Kreationisten, dem Wertedreck an der Spitze der Spitzenmächte, dem widerwärtigen Hass gegen Frauen und Minderheiten scheint die Regression in vollem Gange. Als seien wir Höhlenmenschen. Bald.

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