»Der heilige King Kong« Der Krimi, den Barack Obama empfiehlt

Ein Sound wie Cool Jazz: James McBride hat Songs für große Stars komponiert – mit seinem Retrokrimi »Der heilige King Kong« schaffte er es auf die Empfehlungsliste des Ex-Präsidenten.
Schriftsteller McBride: Unermüdlicher Fabulierer

Schriftsteller McBride: Unermüdlicher Fabulierer

Foto: Joel Saget / AFP

Cuffy Lambkin, den alle nur Sportcoat nennen, gehört zu der Sorte Menschen, die eines Tages eine Flasche mit Hochprozentigem öffnen, um danach nie wieder nüchtern zu werden. Auch mit seinen 71 Jahren schluckt er, was er bekommen kann, ob Pfefferminzschnaps oder den selbstgebrannten »King Kong«, der James McBrides neuem Roman seinen Titel gibt. Und so trinkt und taumelt er durch sein Leben im »Cause«, einem Sozialwohnungskomplex in Brooklyn. Ein Mann, der sein Potenzial versoffen hat und ein eher unscheinbares Leben führt.

Doch an diesem Septembernachmittag im Jahr 1969 tut er etwas Außergewöhnliches: Er schießt auf Deems Clemens, den hiesigen Dealer. Sportcoats Schuss verfehlt sein Ziel – trifft aber ins Schwarze dieses sozialen Brennpunkts in Brooklyn. Er wird Auswirkungen auf das soziale Gefüge des Viertels haben, in dem Schwarze, Latinos, Iren und Italiener nebeneinander leben, zumeist in einer Art desinteressierter Toleranz.

James McBride hat einige Jahre seiner Kindheit in einem solchen Housing-Project gelebt, den Red Hook Houses, die in den Achtzigern laut »Life«-Magazin zur »crack capital of America« wurden. Wie er mit elf Geschwistern als Sohn einer jüdischen Frau mit polnischen Wurzeln und eines afroamerikanischen Pastors aufwuchs, erzählte McBride vor 25 Jahren in seinem Memoir »Die Farbe des Wassers«. Inzwischen gilt er als einer der bedeutendsten Schriftsteller der USA, sein Roman »The Good Lord Bird« wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet und unlängst als Miniserie mit Ethan Hawke verfilmt. Einer von McBrides prominentesten Lesern ist Barack Obama. 2015 ehrte der damalige US-Präsident den Autor mit der National Humanities Medal, fünf Jahre später landete »Der heilige King Kong« auf Obamas viel beachteter Jahresbestenliste.

Trinker, Dealer, Tagediebe

Einen genauen Blick auf die Schattenseiten des Lebens mögen auch andere Schriftsteller werfen, doch kaum einer geht mit dem, was er dort sieht, so um wie der 63-jährige McBride. Er ist ein ungebrochener Optimist, jemand, der fest daran glaubt, dass der Mensch dazu fähig ist, Gutes zu tun und sich zu ändern. Die Sympathie, mit der er seine Figuren – darunter viele Trinker, Dealer, Tagediebe – beschreibt, ist ebenso unwiderstehlich wie sein Sinn für groteske Situationen. Doch bei aller Komik: McBride beschönigt das Leben im »Cause« nicht, er zeigt nur, dass Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus nicht alles sind, was diese Community ausmacht.

Auch wenn »Der heilige King Kong« mit einem Mordversuch beginnt und McBride zeigt, wie die organisierte (und oft weniger organisierte) Kriminalität sich immer weiter ausbreitet – einen klassischen Krimi hat er nicht geschrieben. Etliche Fragen gibt er uns dennoch auf, und nicht alle werden am Ende beantwortet sein. Warum Sportcoat auf Deems schießt, ist das zentrale Rätsel des Romans, mit dem viele andere zusammenhängen.

Wie etwa das Rätsel des verschwundenen Weihnachtsgelds der kleinen Kirchengemeinde Five Ends. Das bewahrte Sportcoats Frau Hettie an einem geheimen Ort auf, doch als sie vor zwei Jahren unter ungeklärten Umständen im Hafenbecken ertrank, nahm sie das Geheimnis mit in ihr nasses Grab. Hettie spricht auch nach ihrem Tod noch zu Sportcoat und hat zu fast allem etwas zu sagen, nur eben nicht dazu, wo das Geld abgeblieben ist. Sportcoat wiederum fühlt sich verpflichtet, die Schatulle wiederzufinden – und wie ein Ritter von der traurigsten Gestalt macht er sich auf die Suche nach seinem Heiligen Gral.

Einer der liebenswertesten Gangster der Literaturgeschichte

Ebenfalls verloren gegangen ist eine kostbare Statue, die Venus von Willendorf. Einst gehörte sie Guido Elefante, dem Ganoven der Gegend, der zwar Geschäfte machte mit den berüchtigten fünf Familien – tatsächlich existierenden Mafiaclans, die New York bis heute unter sich aufgeteilt haben –, aber größten Wert darauf gelegt hatte, nicht dazuzugehören. Das gilt auch für seinen Sohn Tommy, einen der liebenswertesten Gangster der Literaturgeschichte. Hinter seiner harten Schale verbirgt sich ein zutiefst einsamer Mensch, der auf der Suche nach Liebe und einem Weg aus der Kriminalität ist.

Und dann ist da noch das Rätsel des Käses. Einmal im Jahr taucht eine riesige Menge von erstklassigem Käse, von »wunderbar köstlichem, herrlichem Weißeleutekäse«, bei der Kirche auf. Warum, weiß niemand, aber ob Wunder oder nicht, für alle Bewohner ist dieser Tag ein Festtag. So wie auch für eine stetig größer werdende Feuerameisenpopulation, die scheinbar genau weiß, wann wieder Cheese-Day ist. Aber das zu erzählen würde hier und jetzt zu weit führen.

McBride ist ein unermüdlicher Fabulierer, ein begnadeter Geschichtenerzähler, dessen von Werner Löcher-Lawrence kongenial ins Deutsche übertragene Satzkaskaden von enormer Komik sind und immer wieder höchst elegant Raum und Zeit transzendieren. Dabei erinnert seine Sprache in ihrer oberflächlichen Leichtigkeit fast an Cool Jazz, klingt meist kontrolliert, doch mit gelegentlichen Ausbrüchen, Soli sozusagen, in denen McBride einem Thema oder einer Figur kurzfristig intensiver nachspürt. Ein Zufall ist das nicht, McBride gilt als hervorragender Saxofonist und hat Songs für Musiker wie Anita Baker und Grover Washington Jr. geschrieben.

Und manchmal bricht die Wut auf die Verhältnisse sich Bahn, denn auch wenn »Der heilige King Kong« vor rund 50 Jahren spielt, so ist McBrides Blick ein ganz heutiger, und Sätze wie dieser beschreiben auch die Welt im Jahr 2021: »Die weiße Wirklichkeit war wie ein riesiger deformierter Schneeball, der Große Amerikanische Mythos, der Big Apple, The Big Kahuna, die Stadt, die niemals schläft, während die Schwarzen und die Latinos die Wohnungen putzten, den Müll wegschafften, die Musik machten und die Gefängnisse mit Leid füllten, den Schlaf der Unsichtbaren schliefen und als Lokalkolorit dienten.« McBride gibt diesen Unsichtbaren eine Stimme, ein Gesicht – und ein Stück weit ihre Würde zurück.