Gulag-Roman "Ich wollte mein Blut vergießen."

Über die Gulags wird in Russland mehr geschwiegen als geschrieben. Umso bemerkenswerter ist das Romandebüt des 31-jährigen Sergej Lebedew. "Der Himmel auf ihren Schultern" erzählt vom Schweigen der Täter - aus der Sicht eines Spätgeborenen.
Von Carmen Eller
Sergej Lebedew: Präzise Bilder und enorme Beobachtungsgabe

Sergej Lebedew: Präzise Bilder und enorme Beobachtungsgabe

Foto: S. Fischer Verlag

Niemand wusste, wer der blinde Greis wirklich war. Er ging alleine angeln, spielte Lotto, und eines Tages erschlug er mit dem Gehstock einen Hund. Das Tier hatte sich in das Bein des Nachbarjungen verbissen. Mit seiner Blutspende rettet der Blinde dem verletzten Kind das Leben - und stirbt dabei selbst.

Der Erzähler in Sergej Lebedews Debütroman "Der Himmel auf ihren Schultern" versteht erst als erwachsener Mann, welche Bürde diese Rettung für ihn bedeutet. In Rückblenden lässt er seine Beziehung zu dem stillen Greis - den er als Kind "zweiter Großvater" nennt - Revue passieren.

Der Alte schweigt über die Vergangenheit. Doch nach seinem Tod findet der Erzähler zerfledderte Briefe in der Wohnung des Blinden. Er reist in den russischen Norden, sucht den Absender und erfährt ein schreckliches Geheimnis. Der kauzige Familienfreund, der in einer Kaviardose ausgefallene Zähne sammelte, war früher Kommandant eines stalinistischen Straflagers.

Mit seinem 2011 in Russland erschienenen Gulag-Roman erschließt Sergej Lebedew literarisches Neuland. Denn dieses Werk kreist nicht vorrangig um Täter und Opfer, Schuld und Sühne. Lebedews Erzähler, ein Kind der Perestroika, hat die Schrecken des Gulags gar nicht erlebt. Aber er leidet unter dem Schatten, den das Schweigen der Täter auf die Nachkommen wirft.

Lebedew kam 1981 als Kind von Geologen in Moskau zu Welt. Er arbeitete als Journalist, veröffentlichte Gedichte und unternahm geologische Expeditionen nach Nordrussland und Zentralasien. Auch seine Familie hütete ein dunkles Geheimnis: Der zweite Mann seiner Großmutter war selbst Kommandant eines Straflagers.

"Alle Erschießungen, alle Morde waren vergessen"

Lebedews Roman führt das Werk von Literaten wie Alexander Solschenizyn oder Warlam Schalamow weiter. Jetzt spricht ein Spätgeborener, nicht mehr ein Augenzeuge des Gulags. "Worüber ich nun schreibe, dazu gibt mir nicht die Erinnerung das Recht, sondern die Sprache", sagt Lebedews Protagonist.

Die Täter verbergen sich, die Zeitgenossen verdrängen den Terror: "Alle Erschießungen, alle Morde waren vergessen, eine gesamte Epoche war auf den Grund des Gedächtnisses hinabgesunken." Wie ein Bergmann der Sprache gräbt sich der junge Geologe in die Geschichte des "zweiten Großvaters". Benutzt Worte wie Werkzeuge, um das kollektive Schweigen zu brechen.

Es ist ein Kampf gegen die Zeit. In Sibirien wird er Zeuge, wie die Natur Spuren des Stalinismus verwischt. Die Gulag-Baracken verfaulen, die Ruinen der Geschichte zerbröseln. Nun müssen Worte als Mahnmale dienen: "Dieser Text ist wie ein Denkmal, wie eine Klagemauer, wenn die Toten und Trauernden sich nirgendwo treffen können als an der Mauer der Worte, die Tote und Lebende vereint."

Auf seiner Reise durch Tundra und Taiga betritt der Erzähler ein Museum, das eine "gute glaubwürdige Vergangenheit" präsentiert - die Gulag-Häftlinge heißen dort "Siedler". Er trifft ehemalige Bergleute, die wie menschliche Ruinen wirken, "halbe Krüppel, zu stark, um zu sterben". Einer schneidet Wurst und stößt sich das Messer ins Holzbein.

Obsessive Suche nach der Wahrheit

Lebedews Prosa lebt von präzisen Bildern und der enormen Beobachtungsgabe des Autors. Die Sprache ist die größte Stärke dieses Romans, der sich langsam entfaltet und fast ohne Dialoge auskommt. Nur manchmal werden einige Gedanken zu oft wiederholt, als unterschätze der Autor die Wirkung seiner Worte.

Reflexionen über die Erinnerung und das Vergessen begleiten die Zeitreise in die Geschichte des Gulags. Sie ist zugleich das philosophische Kopfkino eines Mannes, der sich durch die Blutspende des "zweiten Großvaters" selbst fremd geworden ist: "Ich wollte mir das Fleisch von den Knochen reißen, mein Blut vergießen, mein Knochenmark auskratzen."

Seine obsessive Suche nach der Wahrheit führt ihn schließlich zum Absender der gefundenen Briefe. Mit durchsichtiger Haut und taubengrauen Adern sitzt der einstige Leiter eines Erschießungskommandos in seinem Sessel. Ein ausgezehrter Alter, der so aussieht, als habe man ihn "auf eine Nadel gespießt wie ein Insekt".

Seinen jungen Besucher hasst er sofort. Weil dieser aus einer Welt kommt, in der es Mobiltelefone gibt, "ausländische Autos, das Internet, Wi-Fi, Auslandsreisen, Bowling und Roaming". Seine Verbrechen bereut der Greis nicht. Aber er leidet unter seinem Bedeutungsverlust - und darin liegt der eigentliche Schrecken dieser Begegnung: "Ihm grauste nicht vor dem, was er getan hatte. Er war bestürzt, als sich herausstellte, dass er, der Leiter des Erschießungskommandos, in der heutigen Welt ein Niemand war." In Lebedews Werk leben die Täter wie Phantome. Man spricht nicht über sie. Und wenn sie sterben, wirkt ihr Geist weiter.

Sergej Lebedew: Der Himmel auf ihren Schultern. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. S. Fischer, Frankfurt am Main; 336 Seiten, 19,99 Euro

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