Der neue Mankell Tod nach dem Tango

Alle warten auf den ersten Krimi mit Kurt Wallanders Tochter Linda, doch zunächst muss man sich mit einer Fingerübung des schwedischen Vielschreibers Henning Mankell und einem neuen Komissar zufrieden geben. "Die Rückkehr des Tanzlehrers" ist eine langatmige, aber spannende Parabel über die Macht der Vergangenheit.

Von Kerstin Schneider


Neuer Mankell-Roman: Parabel über die Macht der Vergangenheit

Neuer Mankell-Roman: Parabel über die Macht der Vergangenheit

Herbert Molin tanzt seinen letzten Tango. Mit einer Gummipuppe, die er zärtlich Esmeralda nennt. Stunden später wird der alte Mann auf bestialische Weise ermordet.

"Die Rückkehr des Tanzlehrers" führt tief in die Einsamkeit schwedischer Wälder. Dorthin, wo die Nachbarn Kilometer entfernt wohnen und ein Verbrechen lange unentdeckt bleibt. Die Dorfpolizisten aus Härjedalen, übrigens der Geburtsort des Autors, stehen vor einem Rätsel, als sie den grausam zugerichteten Rentner finden.

Eigentlich warten ja alle Fans auf Henning Mankells neue Heldin, die im vergangenen Jahr in vielen Interviews angekündigte Nachfolgerin von Kommissar Kurt Wallander. Dieser hat nach vielen Jahren und neun Bänden ausgedient und wird in den Ruhestand geschickt. An seine Stelle soll Linda, die Tochter des Krimihelden, treten. Der erste Linda-Roman ist in Schweden bereits erschienen und kommt im Sommer nächsten Jahres unter dem Titel "Vor dem Frost" auf Deutsch heraus. Doch zwischendurch hat Mankell sich gleichsam als Fingerübung an eine Parabel über die Macht der Vergangenheit gewagt, an der er "schon seit längerem herumgekaut hat", wie er sagt.

"Die Rückkehr des Tanzlehrers", vor zwei Jahren in Schweden veröffentlicht, beginnt mit einem Prolog, der ins Jahr 1945 zurückführt. Der Krieg ist zu Ende, englische Henker richten in Deutschland alle deutschen Kriegsverbrecher und Nazischergen hin, deren man habhaft werden konnte. 54 Jahre später wird in den schwedischen Wäldern Herbert Molin, pensionierter Polizist und passionierter Tangotänzer, umgebracht. Molin hatte sich aufs Land zurückgezogen, um seine Ruhe zu haben, aber auch, um vor seiner Vergangenheit zu fliehen. Der 37-jährige Kommissar Stefan Lindmann macht sich aus Südschweden auf ins weit entfernte Härjedalen, um die Mörder seines Ex-Kollegen und Mentors aufzuspüren.

Einblicke in die Psyche des Mörders

Henning Mankell hat mit seinem neuen Buch erneut ein heißes Eisen angepackt. In dem im vergangenen Jahr in Deutschland erschienenen Buch "Die Brandmauer" ging es um eine terroristische Vereinigung von Hackern, die in aller Welt die Computersysteme von Regierungen, Banken und Unternehmen lahm legen wollte. Jetzt ist der Autor einer neonazistischen Vereinigung auf der Spur, die in Schweden potente Finanzgeber und Unterstützer besitzt. Historische und aktuelle Spuren führen nach Berlin, Argentinien und Schottland. Denn der Ermordete war, wie sich herausstellt, kein unbescholtener Polizist. Er ließ sich als überzeugter Nationalsozialist während des zweiten Weltkrieges von der deutschen Wehrmacht anwerben.

Wie in den meisten seiner Bücher gibt Mankell seinen Lesern auch Einblick in die Psyche des Mörders, der nur noch von seinen Rachegedanken am Leben gehalten wird. Die Jagd nach dem Mörder fordert Kommissar Lindmanns ganze Kraft: Immer mehr verschwimmen die Grenzen. Wer war eigentlich der Täter, wer das Opfer? Und wer muss am Ende gerichtet werden?

Bestseller-Autor Mankell: Spannende Kompositionen
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Der Autor stößt seine Leser gleich zu Beginn in ein etwas langatmiges Nebeneinander von Erzählsträngen und Rückblenden. Wenn sich Stefan Lindmann, die jüngere, aber ebenso traurige Ausgabe des Krimihelden Wallander, auf die Suche von Molins Mörder begibt, sucht er also auch immer ein Stück von sich selbst. Denn Kommissar Lindmann leidet an einer Krebserkrankung und hätte eigentlich genug damit zu tun, sich mit seiner eigenen Lebensgeschichte auseinander zu setzen. Nur um sich abzulenken, fängt er an zu ermitteln und pfuscht dabei seinem Kollegen Guiseppe Larsson ins Handwerk.

So ganz glaubhaft ist es nicht, dass der junge Polizist mit einem Knoten in der Zunge und physisch wie psychisch am Ende, die anstrengende Jagd nach dem Mörder aushält. Denn Lindmann ist labil und macht viele Fehler, bringt aber am Ende die entscheidenden Impulse für die Ermittlungen und ist seinen Kollegen immer ein Stück voraus. Und auch sich selbst bringt er weiter. Der Kommissar erfährt, dass sein eigener Vater sich zu den Nationalsozialisten hingezogen fühlte. Der Autor lässt die genau datierte Geschichte im Herbst 1999 spielen - der Tag des Mordes korreliert mit Lindmanns erster Untersuchung im Krankenhaus und die Aufklärung des Falles mit seiner Genesung nach der Krebsoperation.

In Deutschland ist der Mankell-Boom derweil ungebrochen: Seine Werke erreichen längst eine Auflage von über sieben Millionen. Mit einer ausgeklügelten Werbestrategie wird auch der neue Roman auf den Markt gebracht: 150.000 Exemplare stapeln sich in den Buchhandlungen. Schon vor dem Erscheinen konnte man auf der Buchclub-Website Weltbild.de die ersten vierzig Seiten des Buches - jene mit dem grausigen Mord - gratis lesen.

Jahr für Jahr erscheint mindestens ein Buch aus Mankells Autorenschmiede - ob Krimi, Theaterstück oder Kinderbuch. Henning Mankell ist ein produktiver Autor, obwohl die Windeseile, in der er seine Geschichten knüpft, den Romanen nicht immer gut tut. Bei den Krimis ist häufig das gleiche, weil inzwischen erfolgreiche Schnittmuster deutlich zu erkennen sind. Das neue, 505 Seiten lange Werk hätte durch Kürzungen sicher gewonnen. Doch Mankells Stärke liegt eben in der spannenden Komposition seiner Bücher. Und die bringt seine Leser auch beim Lesen des neuen Romans um den Schlaf.

Henning Mankell: "Die Rückkehr des Tanzlehrers". Zsolnay Verlag 2002, 24,90 Euro



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