»Der Reisende« von Ulrich Alexander Boschwitz Roman wird 82 Jahre nach Erstveröffentlichung zum Bestseller

Selbst vor den Nazis geflohen, publizierte Ulrich Alexander Boschwitz 1939 einen Roman über die Judenverfolgung. In der Neuauflage ist »Der Reisende« nun zum Verkaufsschlager in Großbritannien geworden.
Ulrich Alexander Boschwitz (Fotografie aus den frühen Dreißigerjahren) schrieb unter dem Pseudonym John Grane

Ulrich Alexander Boschwitz (Fotografie aus den frühen Dreißigerjahren) schrieb unter dem Pseudonym John Grane

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Leo Baeck Institute

Ulrich Alexander Boschwitz' lang verschollener Roman »Der Reisende« hat sich 82 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung zum Bestseller in Großbritannien aufgeschwungen. Das meldet die BBC.  »The Passenger«, wie der Roman in der englischen Neuauflage nun heißt, stieg demnach auf Platz zehn der Beststellerliste der »Sunday Times« ein. Zuvor hatte der Roman sehr gute Kritiken in den britischen Medien bekommen. 2018 war er auch in Deutschland erschienen und als »literarischer Spätfund«, so der Deutschlandfunk, gefeiert worden.

In dem Roman schildert Boschwitz das Schicksal des jüdischen Geschäftsmanns Otto Silbermann, dessen jüdische Freunde und Nachbarn von den Nazis verhaftet werden, dem selbst aber die Flucht aus Berlin gelingt. Per Zug versucht er, Deutschland zu verlassen. Doch die Ausreise scheitert immer wieder, und die Widerstände, die er erfährt, treiben ihn letztlich zurück nach Berlin.

Boschwitz, Sohn eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter, war bereits 1935 im Alter von 20 Jahren aus Deutschland geflohen, mutmaßlich wegen der im selben Jahr erlassenen Nürnberger Gesetze. Boschwitz' Vater war kurz nach dessen Geburt gestorben, Schwester Clarissa 1933 bereits nach Palästina ausgewandert. Mutter und Sohn Boschwitz zogen zunächst nach Schweden, aber schon nach einem Jahr ging es weiter nach Norwegen.

Selbst ein Reisender

1937 veröffentlichte Boschwitz unter dem Pseudonym John Grane auf Schwedisch seinen ersten Roman »Menschen neben dem Leben«, ein Psychogramm der deutschen Nachkriegsgesellschaft in den Zwanzigerjahren. Boschwitz erhielt dafür zwar gute Kritiken, aber dauerhaft wollte oder konnte er nicht in Skandinavien bleiben. Er zog weiter nach Paris, lebte auch in Brüssel und Luxemburg. Unter dem Eindruck der Pogrome vom 9. November 1938 entstand schließlich die erste Fassung von »Der Reisende«.

1939 erschien der Roman in Großbritannien dann unter dem Titel »The Man Who Took Trains«. Die Kritiken dazu waren gemischt, als Zeitdokument wurde der Roman noch nicht erkannt. Boschwitz selbst war zu dieser Zeit bereits nach Großbritannien gereist, wo er in ein Internierungslager für deutsche Emigranten auf der Isle of Man gebracht wurde, in dem schon seine Mutter eingesperrt war. Von England aus reiste Boschwitz weiter nach Australien, ein weiterer Stopp erfolgte in Südafrika.

1942 sollte ihn dann ein Boot von Kapstadt nach Liverpool bringen, doch das Passagierschiff wurde von deutschen Streitkräften torpediert und sank. Boschwitz starb mit nur 27 Jahren. Zuvor hatte er jedoch etliche Manuskriptseiten, darunter mutmaßlich eine Neufassung von »Der Reisende«, an seine Mutter in England geschickt. »Ich glaube fest daran«, so schrieb Boschwitz in einem Brief an seine Mutter, »dass in diesem Buch etwas steckt, was es zu einem Erfolg machen wird.«

Die Zeit scheint ihm nun recht gegeben zu haben.

hpi
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