"Der rote Faden" Ein Roman wie ein TV-Epos

Kate ist jung, ohne Argwohn und Angst. Als ein Bekannter sie vergewaltigt, durchzieht das Trauma fortan ihr Leben. Die Autorin Rosie Price hat einen furiosen Roman über sexuelle Gewalt geschrieben - nur die Figurenzeichnung schwächelt.

Autorin Rosie Price entwirft eine Welt, die einige Anziehungskraft ausübt

Autorin Rosie Price entwirft eine Welt, die einige Anziehungskraft ausübt

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Gemma Day/ Rowohlt

Es beginnt damit, dass ein fast nackter Mann vor der Tür steht. Um die Hüfte trägt er nur ein Handtuch. Es ist sechs Uhr morgens, noch dunkel. Kate Quaile kennt diesen Mann nicht. Doch sie lässt ihn hinein, denn seine Geschichte klingt plausibel: Beim Duschen im Gemeinschaftsbad des Studentenwohnheims hat er sich aus seinem Zimmer ausgeschlossen.

Die junge Kate ist ohne Argwohn und ohne Angst. Für diese freundliche, aber auch unerfahrene Art wird sie belohnt werden: Der junge Mann heißt Max, er hat wie sie gerade erst mit seinem Studium begonnen - die beiden werden enge Freunde. Durch ihn findet Kate Zugang zu einer Welt, die ihre Idee davon, wie sie leben möchte, verändern und prägen wird. Doch Max ist auch ein Unglücksbote. Durch ihn trifft Kate jenen Mann, der sie vergewaltigen wird. 

Die zerstörerische Kraft einer Vergewaltigung

Dass Fernsehserien die Romane unsere Zeit seien, war in den vergangenen Jahren ein beliebter Partytalk - epische Erzählungen, in denen sich die großen Themen der Gegenwart spiegeln. Wie alltäglich diese neue Erzählform geworden ist, ist auch daran abzulesen, dass es plötzlich Romane gibt, die an Serien erinnern. "Der rote Faden" von Rosie Price ist so einer.

Die Autorin hat ein großes Thema, sie will von der zerstörerischen Kraft einer Vergewaltigung erzählen. Ihre junge Heldin Kate Quaile starrt während der Tat auf eine rote Ziernaht am Hemdkragen des Täters, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Aber natürlich ist der Buchtitel "Der rote Faden" auch als Metapher gemeint, die sexuelle Gewalt, die Kate erlebt, durchzieht fortan ihr ganzes Leben und verändert alles, sie verschiebt die Beziehungen zu ihrer Familie, zu ihren Freunden, zu Max. 

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Der rote Faden: Roman

Autorin: Rosie Price
Herausgeber: Rowohlt Buchverlag
Seitenzahl: 352
Übersetzung: Stefanie Jacobs
Für 22,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

29.11.2022 05.08 Uhr

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Doch bevor das geschieht, siedelt die Autorin ihre Geschichte erst einmal in einer Welt an, die einige Anziehungskraft ausübt, in vermögenden, künstlerischen Kreisen Englands. Kate kommt zwar aus kleinen Verhältnissen, aber sie hat es auf eine "elitäre Uni" geschafft. Max dagegen ist in einer Londoner Villa groß geworden, sein Vater ist Arzt, seine Mutter eine erfolgreiche Filmregisseurin, die Familie besitzt ein Anwesen in den Cotswolds. Als Kate diese Welt betritt, ist sie in den Bann gezogen, und der Autorin Rosie Price geht es nicht anders: Sie erzählt ausführlich von gutem Wein und altem Gemäuer, von großzügigen Kücheninseln und dem Familienhund, von Badezimmern, in denen das Wasser in kräftigem Strahl aus der Dusche kommt und duftenden Feuchtigkeitscremes. 

Diese Freude an der geschmackvollen Ausstattung einer gut situierten Welt verstärkt den Serieneindruck, den der Roman hinterlässt. Die Freundschaft zwischen Kate und Max hat ebenfalls etwas Bilderbuchhaftes: Warum die beiden enge Freunde werden und ständig Zeit miteinander verbringen, sich aber nicht ineinander verlieben und keinen Sex miteinander haben, bleibt zum Beispiel ein Rätsel.

Das Ausloten von Beziehungen und Charakteren ist nicht die Stärke der Autorin Rosie Price. Sie hat ein recht eindimensionales Beziehungsgefüge entworfen, in dem jede Figur einen klar zu identifizierenden Aspekt der Geschichte abdeckt. Doch weil sie ein großes Thema hat, ein ernstes Anliegen, weil sie die Erschütterung, die sexuelle Gewalt auslöst, in der Figur von Kate präzise nachvollziehbar macht, kann man den Blick auch auf diese starke Seite des Romans richten.

Zum ersten Mal trifft Kate auf Lewis,einen Cousin von Max, als er sie in seinem Auto mit nach London nimmt. Er ist Arzt, trinkt während der Fahrt und redet wenig. Ein seltsamer Typ, aber eben auch jemand, der zu Max' beeindruckender Familie gehört. Als er Kate auf einer Party im Garten von Max' Eltern wieder begegnet, fürchtet sie sich nicht vor ihm und folgt ihm nach kurzem Zögern in den ersten Stock des Hauses, in ein Schlafzimmer.

Eine Fassade mit Rissen

Später wird sie sich wiederholt dafür bestrafen, dass sie voller Vertrauen war, dass sie noch versucht hat, mit ihm zu reden, statt ihn als Täter zu erkennen und sich zu wehren. Diese Zerrissenheit und wie sich Kate über viele Monate selbst die Schuld gibt, wie sie immer wieder von der Erinnerung an die Vergewaltigung eingeholt wird, obwohl sie nach außen hin versucht, weiterzumachen wie bisher, bilden den wirklich eindrucksvollen Teil des Buchs. 

Wie sich Kates Wahrnehmung von allem, was bis dahin galt, verschiebt, macht das Buch ab Seite 100 interessanter als am Anfang. Die Frage "Wie geht’s weiter?" zieht den Leser durch die Seiten, und dass der Täter zu jenem Kreis von Menschen zählt, die in Villen und Anwesen zu Hause sind, fügte der perfekten Fassade Risse hinzu.  

Price erzählt in einem gut lesbaren, schlanken Stil. Am Ende gibt es sogar noch eine Wendung, die einen zusätzlichen Schatten auf die Bohemien-Welt wirft. Kate ist fortan keine Frau mehr, die einem fremden Mann morgens um sechs die Tür öffnen würde.  

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