1969 im Roman Sexuelle Initiation zwischen Apollo und Adorno

Die neuen Nachbarn verändern das Leben in einem Kölner Vorort fundamental: Ulrich Woelk erforscht in seinem neuen Buch "Der Sommer meiner Mutter" das emanzipatorisch-erotische Potenzial der späten Sechziger.

Zuschauer verfolgen TV-Übertragung der Mondlandung 1969
DPA

Zuschauer verfolgen TV-Übertragung der Mondlandung 1969

Von Stephan Lohr


Aufgebrochen aus dem Vorort, um in der Kölner City im gerade eröffneten "Jeansstore" dem elfjährigen Tobias die heiß ersehnte Hose zu beschaffen, macht Eva, seine 38-jährige Mutter, eine eigentümlich angenehme Erfahrung. Sie lässt sich überreden, selbst eine Jeans anzuprobieren. Sie zaudert und verweigert schließlich den Kauf. Doch das emanzipatorisch-erotische Potenzial dieser Szene wirkt nach.

Der Roman "Der Sommer meiner Mutter" lässt bereits auf den ersten Seiten ein geschicktes Handlungs- und Beziehungsarrangement erwarten. Kein Wunder bei dem literarischen Routinier Ulrich Woelk, 58, der bereits 1990 für sein Debüt "Freigang" mit dem "Aspekte"-Literaturpreis ausgezeichnet wurde und zuletzt mit dem Krimi "Pfingstopfer" (2015) und dem Roman "Nacht ohne Engel" (2017) auf dem Buchmarkt reüssierte.

Wenige Seiten später erfahren wir, wie sich Eva ihrem Mann Walter im Bett verweigert:

"Darf ich nicht sagen, was ich will?"
"Das setzt mich unter Druck."
"Es ist das, was ich möchte."
"Und ich möchte es nicht so oft", sagte meine Mutter.
"Aber du möchtest es
gar nicht", sagte mein Vater.

In diesem Schlafzimmergespräch erwähnt Eva auch - eifersüchtig? - die gerade nebenan eingezogene Nachbarin, Frau Leinhard, der der Vater beim Transport von Getränkekisten zur Hand gegangen war.

Entwickelt sich die Geschichte zu einem Techtelmechtel der Nachbarspaare? Sie repräsentieren ganz unterschiedliche Milieus: Walter, als Ingenieur leitender Angestellter, und Eva, Hausfrau und Mutter von Tobias, sind die eher biederen Zeitgenossen. Zumal im Vergleich zu Uschi, der Übersetzerin, und ihrem Mann, dem Dozenten an der Uni, samt ihrer knapp 13-jährigen, frühreifen Tochter Rosa.

Opposition von Kultur und Technik

Tobias, aus dessen Perspektive die Geschehnisse erzählt werden, bemerkt den Unterschied schon daran, dass Uschi Leinhard Jeans trägt. Rosa setzt deutlichere Akzente, erklärt sie Tobias doch, ihre Eltern seien Kommunisten, und: "Ich heiße Rosa wegen Rosa Luxemburg." Der weltraumbegeisterte Junge nimmt es irritiert zur Kenntnis, auch dass sie das von ihm gebastelte Modell einer Saturn-V-Rakete zum Anlass nimmt, den Krieg der USA in und gegen Vietnam anzuprangern, übersteigt seinen Horizont.

"Der Sommer meiner Mutter" ist konkret datiert, denn Tobi und sein Vater verfolgen immer wieder die Abfolge der Apollo-Monderkundungen im Jahr 1969. Damit kennt Woelk sich aus, er hat vor seiner schriftstellerischen Karriere auch Astrophysik studiert. Das hat sich etwa in seinen Büchern "Die Einsamkeit des Astronauten" (2005) oder "Sternenklar" niedergeschlagen.

Autor Woelk
Bettina Keller/ C.H. Beck

Autor Woelk

Ambitioniert nutzt Woelk seinen neuen Roman, um Befindlichkeiten und Mentalitäten der Sechzigerjahre zu skizzieren: Den konservativen und leicht verklemmten Habitus technischer Intelligenz spiegelt er in der illusionären, auf Gesellschaftsveränderung drängenden Ideologie der kulturellen Sphäre, wie sie von der Übersetzerin Uschi und ihrem Links-Philosophen-Mann dargestellt wird. "Philosophie. Bloch, Adorno. Frankfurter Schule..." erklärt Wolf der Nachbarin seinen Beruf. Er schaut durch "eine randlose Brille, raucht filterlose Gitanes, trägt Rollkragenpullover" und fährt mit "einem weinroten Volvo" vor.

Doch solche Stereotype und Klischees ersetzen eben nicht die notwendige psychologische Personencharakterisierung, die Woelk durchweg vermissen lässt. Wie er es sich auch mit der allzu platten Opposition von Kultur und Technik allzu leicht macht.

Darüber hinaus wirkt die Entscheidung, einen elfjährigen Knaben zum Zeugen und Erzähler zu wählen, mehr als einmal befremdlich. Dass das Szenario auch noch durch den reaktionären Onkel Hartmut, den Stuka-Piloten im Zweiten Weltkrieg, erweitert wird, Eva von ihrem Mann mit einem Citroën 2 CV beschenkt wird, Rosa die Doors und Janis Joplin auflegt, wenn sie mit Tobi zusammenhockt - also kaum ein Requisit jener Jahre ausgelassen wird: All dies lässt den Roman allzu sehr mechanisch klappern.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:56 Uhr
Ohne Gewähr

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Ulrich Woelk
Der Sommer meiner Mutter

Verlag:
C.H.Beck
Seiten:
189
Preis:
EUR 19,95

Tobi und seine Mutter jedenfalls verpassen die Mondlandung der Apollo 11. Beide erleben stattdessen eine sexuelle Initiation. Die Folgen sind schwerwiegend, es kommt zu einer dramatischen Auflösung der Nachbarschaft.

Das nachwortartige allerletzte Kapitel lässt den erwachsenen Astrophysiker Tobias, der inzwischen bei der Europäischen Raumfahrtagentur arbeitet, die Lesung einer erfolgreichen Autorin erotischer Romane namens Rosa Leinhard aufsuchen. Sie erkennt ihn nicht. Ein Indiz mehr, dass da die Erinnerung an eine eigene Jugendliebe den Autor Ulrich Woelk die Distanz hat vernachlässigen lassen, die dem Roman gutgetan hätte.

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