Neuer Politthriller »Der Tallinn-Twist« Die Suche nach dem Maulwurf

Den deutsch-niederländischen Erfolgsautoren Hoeps & Toes ist etwas extrem Unwahrscheinliches gelungen: Sie haben den wohl ersten relevanten EU-Thriller geschrieben.
Brüssel bei Nacht: Mord an dem Mitarbeiter einer Taskforce

Brüssel bei Nacht: Mord an dem Mitarbeiter einer Taskforce

Foto:

B.Romain Photograhy / Getty Images

Vier Romane hat das deutsch-niederländische Autorenduo Thomas Hoeps und Jac Toes in den vergangenen 15 Jahren geschrieben, zuletzt beleuchteten sie 2019 in »Die Cannabis-Connection« die möglichen Auswirkungen einer Legalisierung von Cannabis in Deutschland. Auch ihr neuer Thriller nimmt ein gesellschaftlich relevantes Thema ins Visier: die Privatisierung von Wasserrechten und die Konflikte, die daraus entstehen können. Hoeps & Toes verbinden den Kampf ums Wasser mit einem – von ihnen erdachten, aber nicht unrealistischen – russischen Plan, Estland von der EU zu entfremden und zu destabilisieren, möglicherweise als Vorbereitung für einen Einmarsch.

Ein erschreckendes Szenario, gerade vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs. Die Autoren kamen eher zufällig auf die Idee, die Themen Wasser mit der Bedrohungslage im Baltikum zu verknüpfen. Bei einer Recherchereise nach Tallinn im Februar 2020 ging es in mehreren Gesprächen um die Angst vor Russland; eine deutsche Diplomatin brachte die Befürchtung vieler Esten auf den Punkt: »Die Russen können in 20 Minuten vor unserer Tür stehen, wenn sie nur wollen.«

Eine beunruhigende Neuerscheinung

Der paneuropäische Thriller »Der Tallinn-Twist« beginnt in Brüssel, mit dem Mord an dem Mitarbeiter einer Taskforce, die Estlands Hauptstadt dabei unterstützen soll, die Hoheit über das Wasser zurückzugewinnen. Der Tote, der Informationen an unbekannte Dritte weitergegeben hatte, war nur ein kleines Licht, also vermutet die den Fall untersuchende EU-Behörde, dass er nicht allein gehandelt hat, und schickt die Holländerin Marie de Vos undercover mit der Taskforce nach Tallinn.

Sie soll herausfinden, welches Mitglied der vierköpfigen Delegation der Verräter ist und für wen er oder sie arbeitet. Verdächtig sind sie alle: Der Österreicher Fritz Aumayr, der sich als misanthropischer Apokalyptiker entpuppt, die Portugiesin Beatriz Torres, die ein Koksproblem verbirgt, die Italienerin Francesca Giuliani, die ein bisschen zu sauber daherkommt, und der Deutsche Christian Nachtwey, hinter dessen oberflächlichem Charme – für den Marie durchaus empfänglich ist – sich möglicherweise ein kalter Narzisst und Soziopath verbirgt.

Thomas Hoeps (l.), Jac Toes

Thomas Hoeps (l.), Jac Toes

Foto: Jörg Wüstkamp / Unionsverlag

Die Suche nach dem Maulwurf sorgt für die Grundspannung in diesem Roman. Der eigentliche Thrill aber ergibt sich aus der ausführlich recherchierten und geschickt mit fiktionalen Elementen aufgepeppten politischen Lage in Estland. Hoeps & Toes zeigen es als polarisiertes, gespaltenes Land, ein Pulverfass, in dem rechtsnationale und teilweise EU-feindliche Nationalisten ebenso für Probleme sorgen wie die weitgehend isolierte russische Minderheit im Land.

Langsam, aber unausweichlich lassen Hoeps & Toes die Situation eskalieren. Nachdem die Taskforce die für das Thema Wasser zuständige Wirtschaftsdezernentin Jaana Kivistik von der rechtsnationalen Partei Freies Estland (die wie ihr reales Vorbild, die EKRE, an der estischen Regierung beteiligt ist) unter Druck setzt, wird ein Anschlag auf Marie verübt, und vor ihrem Hotel versammelt sich ein gewaltbereiter Mob Europahasser.

Und dann ist da noch die Russland-Connection, die immer konkreter und beängstigender wird – in welchem Umfang nutzt etwa die russische Mafia das Baltikum dazu, um ihr dreckiges Geld zu waschen, und was hat die russische Regierung damit zu? »Der Präsident will sein Reich zurück und tut alles dafür, die baltischen Staaten zu destabilisieren«, sagt Marie. Ihre Kollegin Francesca sieht es ähnlich und vertraut im Ernstfall nicht auf die Hilfe der Amerikaner, die wegen Estland keinen Krieg mit den Russen beginnen würden: »Die USA isolieren sich, Kivistik und ihre Leute isolieren Estland, und wenn alle Verbindungen gekappt sind, wird Estland zur zweiten Krim.«

Es sind Sätze, die klingen wie der aktuellen Diskussion abgehört, und sie machen den »Tallin-Twist« zu einer der wichtigsten, weil beunruhigenden Neuerscheinungen, und das nicht nur im Krimiregal. Doch Hoeps & Toes ist noch weit mehr gelungen: Sie haben den wohl ersten relevanten EU-Thriller geschrieben. Ohne das hochkomplexe Gebilde Europäische Union zu übersimplifizieren, aber auch ohne sich in langatmigen Erklärungen zu verheddern, nutzen sie die bürokratischen Hindernisse, die Interessenkonflikte zwischen den Mitgliedstaaten, die Hoffnungen, Missverständnisse und Rückschläge als Hintergrundrauschen, vor dem sich ihre Spionagegeschichte entspinnt. So unterhaltsam war politische Bildung selten.

Die Autoren – beide schreiben, auch solo, seit mehr als 25 Jahren Spannungsromane – sind mit dem Genre vertraut und orientieren sich an den Meistern des politischen Thrillers. Von ihren Vorbildern wie John le Carré und Ross Thomas haben sie sich abgeschaut, dass man Spannung nicht in erster Linie durch pausenlose Action und immer abenteuerlichere Plottwists erzeugt, sondern durch Dialoge wie Duelle und das langsame, methodische Schälen der Zwiebel, also die für den Leser und die Leserin jederzeit nachvollziehbare Enthüllung des Geheimnisses.

Und auch wenn Hoeps & Toes nicht die abgebrühte Schnoddrigkeit und Lässigkeit eines Thomas oder den bewegenden Humanismus und die Doppelbödigkeit eines le Carré haben: einen aktuellen europäischen Politthriller von solcher Modernität und Klasse wird man außerhalb Großbritanniens lange suchen müssen.

Mit Marie de Vos haben Hoeps & Toes eine Heldin erfunden, wie sie im Genre noch immer allzu selten ist: eine Ermittlerin von enormer Resilienz und Selbstständigkeit, ohne dabei eine weibliche Version männlicher Stereotypen der Marke James Bond zu verkörpern. Figuren wie Marie, die erst denken und dann noch lange nicht schießen, die auf Verstand, Vernunft und Teamwork setzen statt auf Kraft, Kampf und Alleingänge, sind literarisches Balsam in einer Zeit, in der Aufrüstung und Abschreckung wieder konsensfähig und Krieger die neuen Helden sind.