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22. August 2019, 11:52 Uhr

Über die Demenz des Vaters

Wenn das Leben verblasst

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Erst kann der Vater noch allein leben, dann muss er ins Heim. Wie es ist, wenn einem ein naher Mensch entgleitet, beschreibt David Wagner in seinem autobiografisch geprägten Buch "Der vergessliche Riese".

Sie treffen sich am Hamburger Hauptbahnhof, Vater und Sohn. Wohin fahren sie, haben sie überhaupt ein Bahnticket, wo kommt der Sohn gerade her? Der Vater hat alles vergessen. Und er wird wieder und wieder fragen. Der Sohn wundert sich, dass der Vater überhaupt noch da ist. Ein Mann mit weißen, fast langen Haaren, das Gesicht rosig, 71 Jahre alt, 1943 geboren. Ein Mann, der sich früher nicht sonderlich für seinen Sohn David interessiert hat.

Wie es ist, wenn einem ein Mensch entgleitet und doch nahe bleibt, das beschreibt David Wagner in seinem neuen, autobiografisch geprägten Buch "Der vergessliche Riese". Früher, als David klein war, war der Vater tatsächlich ein Riese. Ein Mann, der alles wusste, auf den der Sohn klettern konnte, als sei der Vater eine Festung. Zwar klingt seine Stimme heute immer noch so, als sage er nur kluge Sachen - dabei ist er sich selbst abhandengekommen. Was er mit Bedauern und gelassener Akzeptanz registriert.

Eine Zeit lang kann der Vater noch allein leben in seinem Haus in Meckenheim bei Bonn, mit wechselnden Betreuerinnen. Dann kommt er in ein Heim, eine großzügige "Pflegeheimvilla" direkt am Rhein. Der Umzug ist für David und seine zwei Schwestern eine heikle Angelegenheit. Vater und Sohn machen einen Ausflug, der nicht im Haus des Vaters, sondern in seinem neuen Pflegeheim endet. Der Sohn kommt sich wie ein Verräter vor. Weil er es nicht geschafft hat, Klartext zu reden.

Auch nach dem Umzug besucht er den Vater regelmäßig. Sie gehen spazieren, schwimmen, fahren zum Essen, zu Beerdigungen von Verwandten, feiern gemeinsam Weihnachten. Mal ist auch Martha, die Tochter des Erzählers, dabei. Einfühlsam hört der Sohn, den der Vater beständig "Freund" nennt, dem alten Mann zu, auch wenn der in der x-ten Wiederholungsschleife stecken bleibt. Vielleicht ist die Wiederholung eine Möglichkeit, den Tag und überhaupt das Leben herumzubringen? Mit solchen Gedanken tröstet sich der Sohn.

"Ich muss ja schwer auszuhalten sein"

"Die Dublanys sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd." So lautet das Verdikt einer Tante über die Familie, es ist einer der Refrains des Buches, ein Satz, den der Vater ständig wiederholt. Ein anderer Refrain hat damit zu tun, dass der Vater zweimal verheiratet war, mit Davids Mutter, die früh gestorben ist, und mit einer weiteren Frau, die zwei Kinder mit in die Beziehung gebracht hat. Auch sie ist vor ihrem Mann gestorben. "Ich muss ja schwer auszuhalten sein", sagt der alte Mann. Die Selbstironie ist ihm, der die Frauen mochte und deswegen von seinen Brüdern "Valentino" genannt wird, nicht abhandengekommen.

David Wagners Buch ist im Ton äußerst zurückgenommen, fast karg. Die Worte, die Wiederholungen sprechen für sich. Auch die aneinandergereihten Szenen der Vater-Sohn-Besuche ähneln sich und der Monotonie der immer gleichen Fragen und Antworten. Diese Spannungsarmut, zweifellos beabsichtigt, wirkt beim Lesen jedoch gelegentlich etwas eintönig.

Man hätte auch gern mehr gewusst von den Untiefen in der Beziehung, die der Erzähler nur andeutet: Lange hat der Vater sich um seinen Sohn und dessen Familie nicht gekümmert, war mit sich beschäftigt, fand Rückhalt in seiner zweiten Ehe. Was passierte, als er Großvater wurde und sein eigener Sohn, David, Vater wurde? Wenig Interesse. Den Sohn hat das tief verletzt.

Bei Geiger ist der kranke Vater ein König, bei Wagner ein Riese

Schon in Wagners Bericht "Leben" ging es um Krankheit: In dem Buch, für das er 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, schreibt er über seine Lebertransplantation. Jetzt, wo die Erkrankung des Vaters im Zentrum steht, denkt man natürlich gleich an Arno Geigers vielgerühmtes Buch "Der alte König in seinem Exil". Bei Geiger ist der demenzkranke Vater ein König, bei Wagner ein Riese. Selbst wenn Geigers Buch vielschichtiger ist - auch Wagner hat eine anrührende, starke Vaterfigur geschaffen.

Dass er mit Milde und Geduld auf seinen Vater blicken kann, ist ein Zeichen von Großherzigkeit. Der Autor beschönigt nichts und dramatisiert nichts. Und er gibt sich auch Momenten von Rührung hin, stets ohne Sentimentalität. Zum Beispiel, wenn er nach einem gemeinsamen Ausflug, den der Vater genossen hat, dessen Hand nimmt: eine Hand, "die sich nun wieder wie eine Kinderhand anfühlt, dabei war es mal die größte Hand der Welt". Der Riese ist geschrumpft, aber immer noch lebendig.

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