Über die Demenz des Vaters Wenn das Leben verblasst

Erst kann der Vater noch allein leben, dann muss er ins Heim. Wie es ist, wenn einem ein naher Mensch entgleitet, beschreibt David Wagner in seinem autobiografisch geprägten Buch "Der vergessliche Riese".

Nichts beschönigt, nichts dramatisiert: Der Vater kommt sich immer mehr abhanden
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Nichts beschönigt, nichts dramatisiert: Der Vater kommt sich immer mehr abhanden


Sie treffen sich am Hamburger Hauptbahnhof, Vater und Sohn. Wohin fahren sie, haben sie überhaupt ein Bahnticket, wo kommt der Sohn gerade her? Der Vater hat alles vergessen. Und er wird wieder und wieder fragen. Der Sohn wundert sich, dass der Vater überhaupt noch da ist. Ein Mann mit weißen, fast langen Haaren, das Gesicht rosig, 71 Jahre alt, 1943 geboren. Ein Mann, der sich früher nicht sonderlich für seinen Sohn David interessiert hat.

Wie es ist, wenn einem ein Mensch entgleitet und doch nahe bleibt, das beschreibt David Wagner in seinem neuen, autobiografisch geprägten Buch "Der vergessliche Riese". Früher, als David klein war, war der Vater tatsächlich ein Riese. Ein Mann, der alles wusste, auf den der Sohn klettern konnte, als sei der Vater eine Festung. Zwar klingt seine Stimme heute immer noch so, als sage er nur kluge Sachen - dabei ist er sich selbst abhandengekommen. Was er mit Bedauern und gelassener Akzeptanz registriert.

Autor David Wagner: Mit Milde und Geduld
Linda Rosa Saal

Autor David Wagner: Mit Milde und Geduld

Eine Zeit lang kann der Vater noch allein leben in seinem Haus in Meckenheim bei Bonn, mit wechselnden Betreuerinnen. Dann kommt er in ein Heim, eine großzügige "Pflegeheimvilla" direkt am Rhein. Der Umzug ist für David und seine zwei Schwestern eine heikle Angelegenheit. Vater und Sohn machen einen Ausflug, der nicht im Haus des Vaters, sondern in seinem neuen Pflegeheim endet. Der Sohn kommt sich wie ein Verräter vor. Weil er es nicht geschafft hat, Klartext zu reden.

Auch nach dem Umzug besucht er den Vater regelmäßig. Sie gehen spazieren, schwimmen, fahren zum Essen, zu Beerdigungen von Verwandten, feiern gemeinsam Weihnachten. Mal ist auch Martha, die Tochter des Erzählers, dabei. Einfühlsam hört der Sohn, den der Vater beständig "Freund" nennt, dem alten Mann zu, auch wenn der in der x-ten Wiederholungsschleife stecken bleibt. Vielleicht ist die Wiederholung eine Möglichkeit, den Tag und überhaupt das Leben herumzubringen? Mit solchen Gedanken tröstet sich der Sohn.

"Ich muss ja schwer auszuhalten sein"

"Die Dublanys sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd." So lautet das Verdikt einer Tante über die Familie, es ist einer der Refrains des Buches, ein Satz, den der Vater ständig wiederholt. Ein anderer Refrain hat damit zu tun, dass der Vater zweimal verheiratet war, mit Davids Mutter, die früh gestorben ist, und mit einer weiteren Frau, die zwei Kinder mit in die Beziehung gebracht hat. Auch sie ist vor ihrem Mann gestorben. "Ich muss ja schwer auszuhalten sein", sagt der alte Mann. Die Selbstironie ist ihm, der die Frauen mochte und deswegen von seinen Brüdern "Valentino" genannt wird, nicht abhandengekommen.

Preisabfragezeitpunkt:
19.08.2019, 17:41 Uhr
Ohne Gewähr

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David Wagner
Der vergessliche Riese

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
272
Preis:
EUR 22,00

David Wagners Buch ist im Ton äußerst zurückgenommen, fast karg. Die Worte, die Wiederholungen sprechen für sich. Auch die aneinandergereihten Szenen der Vater-Sohn-Besuche ähneln sich und der Monotonie der immer gleichen Fragen und Antworten. Diese Spannungsarmut, zweifellos beabsichtigt, wirkt beim Lesen jedoch gelegentlich etwas eintönig.

Man hätte auch gern mehr gewusst von den Untiefen in der Beziehung, die der Erzähler nur andeutet: Lange hat der Vater sich um seinen Sohn und dessen Familie nicht gekümmert, war mit sich beschäftigt, fand Rückhalt in seiner zweiten Ehe. Was passierte, als er Großvater wurde und sein eigener Sohn, David, Vater wurde? Wenig Interesse. Den Sohn hat das tief verletzt.

Bei Geiger ist der kranke Vater ein König, bei Wagner ein Riese

Schon in Wagners Bericht "Leben" ging es um Krankheit: In dem Buch, für das er 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, schreibt er über seine Lebertransplantation. Jetzt, wo die Erkrankung des Vaters im Zentrum steht, denkt man natürlich gleich an Arno Geigers vielgerühmtes Buch "Der alte König in seinem Exil". Bei Geiger ist der demenzkranke Vater ein König, bei Wagner ein Riese. Selbst wenn Geigers Buch vielschichtiger ist - auch Wagner hat eine anrührende, starke Vaterfigur geschaffen.

Dass er mit Milde und Geduld auf seinen Vater blicken kann, ist ein Zeichen von Großherzigkeit. Der Autor beschönigt nichts und dramatisiert nichts. Und er gibt sich auch Momenten von Rührung hin, stets ohne Sentimentalität. Zum Beispiel, wenn er nach einem gemeinsamen Ausflug, den der Vater genossen hat, dessen Hand nimmt: eine Hand, "die sich nun wieder wie eine Kinderhand anfühlt, dabei war es mal die größte Hand der Welt". Der Riese ist geschrumpft, aber immer noch lebendig.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 22.08.2019
1. Auch der Roman "Omi"
von Helmut Kuhn handelt von einer Demenzkranken, bis zu ihrem Tod. Gut geschrieben, aber eine große Leserschaft fehlt. Junge Leute interessiert dieses Thema nicht, es ist einfach noch zu weit weg.
fatherted98 22.08.2019
2. Im Heim...
...stirbt der Demenz-Kranke sehr viel schneller als Zuhause. Man sollte hier gut abwägen und überlegen...evtl. mit ambulanten Pflegekräften arbeiten die einen entlasten bei der Pflege. Heim ist für alle und jeden der Sargnagel....
Dazed with grief 22.08.2019
3. Für junge Leute wie geschaffen
Das ist sehr nah an den jungen Leuten, die keine Möglichkeit auslassen, sich zu entgrenzen. Die Dementen haben keine Grenzen mehr. Entweltlichung ist ein Thema für viele, denen Verweltlichung zu proll ist. Demenz ist doch immer auch Eskapismus. Man muss es eben für junge Leute offenbaren, dann ist da auch ein Markt.
urbanism 22.08.2019
4. was sollen diese Bücher
muss man so etwas zu Papier bringen? Menschen die sich selbst um Demente Menschen kümmern kennen die Geschichten und viele andere mehr und alle anderen interessiert es nicht. Der Umgang mit Dementen Menschen ist wie das Großziehen des ersten Kindes. Jeder Tag ist eine Herausforderung und man lernt täglich dazu. Einen Masterplan gibt es nicht weil jeder Mensch und jeder Verlauf anders ist. Also was sollen diese Bücher..???
UweGroßberndt 22.08.2019
5. Wie schlimm muss der Anfang der Krankheit sein...
… wenn einem Menschen bewusst wird, dass er am Ende des Weges genauso intelligent wie ein Brötchen ist. Wenn sich nach und nach die Vergangenheit verabschiedet, mag es am Anfang die Brille sein, dann das Frühstück und am Ende lebt man in einer Welt ohne Vergangenheit, ohne Freunde, Kinder und Enkel. Wie schrecklich muss das für einen Menschen sein? Um so schlimmer, wenn es ein intelligenter und aktiver Mensch ist, dem klar wird dass er alles das verliert was er geliebt hat, der Museumsbesuch, das Konzert, die Nachmittage im Kaffee oder die Familienfeiern. Gruselig
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