Auf den Dächern von Mexiko-Stadt Hier gedeiht das Schlechteste im Menschen

Er schrieb mit den Drehbüchern zu Filmen wie "Amores Perros" Kinogeschichte. Nun legt der Mexikaner Guillermo Arriaga einen meisterlichen Roman vor: In "Der Wilde" ist der Mensch des Menschen Wolf.

Hoch über Mexiko-Stadt
REUTERS

Hoch über Mexiko-Stadt


Seine Geschichten handeln von Lebenshunger und unerfüllter Liebe, von Untergang und Tod und Teufel. Und sie spielen in einer Welt, in der das uralte Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden die gültigste aller Überlebensregeln ist. Denn die Millionenmetropole Mexiko-Stadt, in der Guillermo Arriagas Endspiele abrollen, ist bei ihm ein vergifteter Dschungel jenseits aller Ordnung, in dem eine Armee von Jägern und Gejagten über die hitzeflirrenden Dächer irrt in einem Krieg, der keine Sieger und kein Ende kennt.

In seinen mit Preisen überschütteten Drehbüchern zu den Schuld-und-Sühne-Epen seines Landmanns Alejandro González Iñárritu entwarf Guillermo Arriaga wiederholt Spielarten dieses von Einschlusslöchern durchsiebten Sets. Das Resultat waren Filme wie Iñárritus Debüt "Amores Perros" von 2000: ein grelles, großstädtisches Erzähl-Tryptichon, dessen Protagonisten sich in einer gewaltgesteuerten, von korrupten Polizisten, Irren und fanatischen Predigern bevölkerten Kloake mit Einbrüchen, illegal organisierten Hahnen- und Hundekämpfen oder dem Verkauf gepantschter Drogen über Wasser zu halten versuchen.

Zu insgesamt drei Filmen Iñárritus lieferte der 1958 in Mexiko-Stadt geborene Guillermo Arriaga die Buchvorlagen. Und sein Anteil am Erfolg von Iñárritus früher, sämtliche Widersprüche der mexikanischen Gesellschaft wie im Brennglas bündelnder Trilogie ist nicht gering. Hat man etwa seinen 2001 auf Deutsch erschienenen Romanbastard "Der süße Duft des Todes" gelesen, so versteht man, weshalb. Darin porträtiert Arriaga am Beispiel der Ermordung einer jungen Frau ebenso bildmächtig eine Horde moralloser Dörfler, die einander belügen und betrügen, um sich nicht gleich an die Gurgel zu gehen.

Autor Guillermo Arriaga
EPA

Autor Guillermo Arriaga

Nun kehrt Arriaga mit seinem 745-Seiten-Epos "Der Wilde" in die gottlose Welt von "Amores Perros" zurück. Dorthin, wo für ihn selbst, der als 13-jähriger Straßenkämpfer in einer Schlacht seinen Geruchssinn verlor, einst alles begann: in das Viertel Unidad Modelo, in dem im Buch eine Handvoll Jugendlicher unter einem giftigen Smoghimmel erfolglos nach Erlösung giert. Und wo aus Kindern erbarmungslose Rächer werden. So wie Juan, der früh die gesamte Familie verliert - und darüber bloß noch Wut empfindet und beschließt: "Ich werde wild sein. Ich lasse mich nicht aufhalten. Wenn ich mich rächen muss, werde ich mich rächen."

Finster entschlossen bis zum letzten Halali

Davon ausgehend entfaltet Arriaga eine mitleidlose Meditation über die Bestie Mensch. Denn jene, die im Zentrum der beiden raumgreifenden, zuletzt kunstvoll ineinandergefügten Erzählungen stehen, sind zwei vom selben Schlag. Auf der einen Seite der 17-jährige Juan Guillermo, der im Mexiko der Sechzigerjahre nach dem Mord an seinem großen Idol, seinem älteren Bruder Carlos, auf Rache aus ist - und in der Zähmung eines Wolfshunds letzte Erfüllung zu finden hofft.

Auf der anderen Seite der sich durch die schneebedeckten Weiten Kanadas kämpfende Inuit Amaruq, der von der Idee getrieben ist, einen Wolf namens Nujuaqtutuq - was soviel wie "Der Wilde" bedeutet - zu jagen und zu töten. Doch als er dem verletzten und von der Hatz ausgezehrten Wolf schließlich gegenübersteht, glaubt er, in dem Tier die zurückgekehrte Seele seines Großvaters zu erblicken, beschließt, ihn nicht zu töten - und stattdessen zu zähmen.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:43 Uhr
Ohne Gewähr

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Guillermo Arriaga
Der Wilde: Roman

Verlag:
Klett-Cotta
Seiten:
746
Preis:
EUR 26,00

"Wir sind wie primitive Stämme, die aus ihrer Kultur vertrieben sind und ihre Orientierung und ihre Lebensfähigkeit verloren haben", bekannte der amerikanische Apokalyptiker Cormac McCarthy einmal mit Blick auf den heutigen Menschen. Bei Guillermo Arriaga ist 30 Jahre später daraus geworden: "Je größer die Kontrolle, desto mehr Triebe schwelen in der Tiefe. Aber dort, wo die Ordnung aufbricht, blüht das Schlechteste im Menschen auf."

Vom prozesshaften, Untergang und Tod bringenden Aufbrechen dieser Ordnung handelt sein ausuferndes Anti-Helden-Epos. Hart und unverschleiert entrollt er darin seine eigene Sozialisation zwischen Drogen- und Chinchilla-Handel, schnellem Sex und dem kurzen Leben und Sterben auf den Dächern von Unidad Modelo.

Er zeigt Juan Guillermo als juvenilen Wiedergänger McCarthys Cornelius Suttree aus dessen Roman "Verlorene" auf den Dächern von Mexiko-Stadt - im Zentrum einer Geschichte über die archaische, unbezwingbare Wildheit im Menschen. Das ist stark! Und die Pointe eines gewaltigen Romans, dessen Schöpfer auf sämtliche formalen Regeln pfeift - und stattdessen finster-entschlossen zum letzten Halali bläst.

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hisch88 18.12.2018
1. Hier gedeiht das Schlechteste im Menschen
NEIN, das ist bereits vorhanden in den Personen der Politik und der extrem korrupten Verkehrspolizei. Was auf den Dächern gedeiht sind nur die Auswüchse, der oben genannten. Solange man als Tourist mit Mietwagen in Mexiko von Korrupten Verkehrspolizisten in Touristischen Ecken (z.B. Cancun) auf kriminellste Weise abgezockt wird. Die Reaktionen bzw. Antwort der Verantwortlichen lautet, durch die Korruption an Touristen wird der Gehalt der Polizei aufgebessert und die Regierung spart Gehaltszahlungen. Mexiko war bisher das einzige Land wo ich ausgeraubt wurde und es waren nicht die jugendlichen Gangs, es waren Polizisten. In den letzten 2 Jahren 2x 8 Wochen in Venezuela verbracht und nicht ausgeraubt worden.
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