Alina Bronskys "Der Zopf der Großmutter" Slapstick in der Flüchtlingsunterkunft

Im typischen "Bronsky-Beat" porträtiert Alina Bronsky in ihrem neuen Roman eine Helikopter-Großmutter, die ein Wohnheim zu kontrollieren sucht. Könnte sehr lustig sein - wären die Figuren nicht solche Pappnasen.

Flüchtlingsunterkunft in ehemaligem Hotel in Köln
Marius Becker/ picture alliance / DPA

Flüchtlingsunterkunft in ehemaligem Hotel in Köln


Das Übel ist überall. Da sind die gefährlichen Keime, die einen nach kurzer Zeit ins Jenseits befördern können. Da sind die schädlichen deutschen Süßigkeiten und das verkorkste deutsche Schulsystem, die jedes Kind zwangsläufig zur Strecke bringen. Da sind die Juden, die viel zu viele und sowieso fehl am Platz sind. Großmutter Margarita Iwanowna ist eine ausgemachte Misanthropin, zumindest gibt sie sich so. Immer das Schlechteste annehmen, so wird man nicht böse überrascht.

Bei dieser Gemengelage, die Alina Bronsky in ihrem neuen Buch "Der Zopf meiner Großmutter" entwirft, möchte man als Leser erst mal das Beste annehmen: einen kurzweiligen Roman voller origineller Pointen. Leider wird man nach kurzer Zeit enttäuscht: Figuren, die zu Karikaturen gerinnen, eine überaus konstruierte Handlung, ständige Wiederholungen von Gags, so als würde man einen Film anschauen, in dem ständig jemand auf einer Bananenschale ausrutscht - Slapstick pur.

Der Anfang ist durchaus vielversprechend. Da kommentiert Enkel Max, aus dessen Perspektive der Roman geschrieben ist: "Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte... Ich ahnte, dass die Großmutter nichts davon mitkriegen sollte. Sie hatte schon bei geringeren Anlässen gedroht, den Großvater umzubringen, zum Beispiel wenn er beim Abendessen das Brot zerkrümelte." Leider hält Bronsky den lapidaren Humor, mit dem sie so schön startet und der später gelegentlich aufblitzt, nicht durch.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Alina Bronsky
Der Zopf meiner Großmutter: Roman

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
224
Preis:
EUR 20,00

Rabiate Helikopter-Großmutter

Das deutsche Wohnheim, in das uns die Autorin in ihrem neuen Roman katapultiert, ist ein ehemaliges Hotel mit abblätterndem Putz, das damals "Zur Sonne" hieß. Jetzt leben hier Kontingentflüchtlinge aus Russland. Die Großmutter hatte eine weit entfernte jüdische Verwandte konstruiert, um mit ihrem Clan nach Deutschland auswandern zu dürfen. Was sie aber nicht davon abhält, immer wieder auf die Juden im Heim zu schimpfen, die sie aus Prinzip, das heißt wegen ihres dezidierten Antisemitismus, nicht mag.

Ihren Enkel, dessen Mutter gestorben ist, überwacht die rabiate Helikopter-Großmutter auf Schritt und Tritt. Max darf nichts Süßes konsumieren, sondern muss von ihr püriertes Gemüse und Haferbrei herunterwürgen. Da überall todbringende Keime lauern, darf er auch nicht auf die Schultoilette gehen. Ansonsten ist der Enkel hässlich, kränklich, wenn nicht sogar todkrank, und taugt sowieso nicht viel - ein permanenter Sermon, den sie ihm immer wieder unter die Nase reibt.

Auch Tschingis, ihrem Mann, traut sie nicht viel zu. Schon gar nicht, dass er sich in eine viel jüngere Frau aus dem Heim verliebt, wovon sie, trotz ihres ausgeprägten Kontrollwahns, lange nichts mitbekommt. Erst als Tschingis Vater geworden ist und mit seinem Sohn zumindest optisch eine Miniaturkopie seiner selbst gezeugt hat, ist die Sache klar. Doch statt ihren Mann rauszuschmeißen, kümmert sie sich um den Mini-Tschingis und sogar um die Mutter, die in einen depressiven Zustand versinkt. Glaubwürdig? Nun ja.

Enkel Max macht gute Miene zum chaotischen Spiel und spielt brav seine Rolle im russischen Patchwork. Zwar klaut er seiner Großmutter Geld aus dem Portemonnaie, bleibt aber ansonsten der brave Junge, der seiner Oma sogar mit Engelsgeduld die Haare mit Henna färbt. Erst später, da hat er schon Kontakt zu seinem Vater, der in Deutschland lebt, gelingt es ihm, sich von der rabiaten Matriarchin zu emanzipieren. Die ihn, den "Verräter", ziehen lässt.

Mehr Klamauk als Humor

Alina Bronsky (2015 bei der Frankfurter Buchmesse)
Thomas Lohnes/ Getty Images

Alina Bronsky (2015 bei der Frankfurter Buchmesse)

Alina Bronsky, 1978 geboren und 1991 mit der Familie von Russland nach Deutschland ausgewandert, landete mit ihrem fulminanten Debüt "Scherbenpark" 2008 einen Bestseller. Später schaffte sie es mit zwei Romanen auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Vom "Bronsky-Beat" wurde schon geschwärmt, es gab aber auch immer wieder kritische Stimmen.

Mehr Klamauk als Humor, eher Episoden als ein stimmiger Plot: Der neue Roman von Alina Bronsky kommt ziemlich angestrengt daher. Viele Figuren wirken wie Pappnasen, die sich nicht wirklich aus ihren Rollen befreien können. Allen voran die Großmutter mit Keimphobie, die im Übrigen stark an die Großmutter Schlomit in Amos Oz' Bestseller "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" erinnert. Auch Schlomit ist von der Furcht vor Mikroben besessen und führt in ihrer Wohnung einen rabiaten Kampf gegen die brandgefährlichen Erreger.

Während die Keime unsichtbar sind, ist der hennarot gefärbte Zopf der Großmutter, der auch das Cover ziert, nicht zu übersehen. Zöpfe scheinen übrigens gerade in der Literatur in Mode zu sein. Im letzten Jahr landete Laetitia Colombani mit ihrem Debüt "Der Zopf" einen Bestseller. Vielleicht kann Alina Bronsky, trotz aller Kritik, auf der haarigen Erfolgswelle weiterreiten.



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