"Desperado" Mein Leben als Dandy

Esoteriker, Masochist, Banause: Der moderne Glücksucher kämpft sich tapfer durch die Lebensmodelle. Als Star erlebte er die Eitelkeit des Ruhms. Jetzt zieht er sich aufs Wesentliche zurück: auf Stil und perfekte Manieren. Willkommen in der Welt des Dandys.
Von Daniel Haas

Was bisher geschah: Berühmt sein, umschwirrt werden von Groupies und Fans: Das Leben als Star war berauschend. Dann tauchte Brad Pitt auf - und stahl Martin, dem modernen Glücksucher, die Show. Aber ist Ruhm nicht sowieso eine billige Währung? Anstatt die Masse zu begeistern, sollte man eine herausragende Persönlichkeit umgarnen: sich selbst.

Mein Leben als Dandy

Vertraut und doch entrückt wie ein fremder Planet: Das ist das Wesen des Stars. Aber wie flüchtig ist dieses Spiel von Nähe und Distanz, wie gefährdet durch die Masse, die letztlich das Urteil über dich spricht. Am Ende bist du nur ein Phantom, dem das Publikum Leben einhaucht, ein Schemen, der über Bildschirme und Zeitungsseiten geistert.

Was habe ich in dieser Form des Selbstverlusts gesehen? Eine Art Trost, über Friederikes Betrug hinwegzukommen? Wenn ich die eine nicht haben kann, so will ich mich eben zerstreuen, für die vielen da sein. Die Rechnung war nicht aufgegangen: Ruhm ist eine billige Währung, inflationär und unablässig vom Kult der Instant-Promis entwertet. Jeder Idiot hat heute das Zeug zur kurzfristigen Berühmtheit.

Außerdem ist selbst das größte Startum nur eine weitere Form der Anbiederung an bürgerliche Konventionen. Man will beliebt und anerkannt sein, finanziell abgesichert und im Alter möglichst nicht allein. Angelina adoptiert rudelweise Kinder, Brad sucht die passenden Eigenheime dazu. Die Trivialität der Durchschnittsexistenz, aufgebläht zum Gazettenroman. "Nein, Andrew", sage ich und picke eine weitere Auster vom Tablett. "Es gilt, der geldraffenden Demütigung des Alltags etwas entgegenzusetzen."

"Und das wäre?", fragt mein Butler und schenkt Champagner nach.

"Eleganz, überlegenen Geschmack, perfekte Manieren. Außerdem Kaltblütigkeit und Unerschütterlichkeit in allen Lebenslagen."

"Ganz recht", sagt der Diener und entfernt sich leisen, aber zügigen Schritts.

Ich wohne seit einer Woche im Adlon, dem ersten Hotel am Platz. Am Pariser Platz, um genau zu sein, gegenüber vom Brandenburger Tor, das ich von meinen Zimmern aus sehen kann. Solange meine Wohnung renoviert wird, soll es mir an nichts mangeln: Auch Zwischenunterkünfte müssen gewissen Ansprüchen an Stil und Kultur genügen. Dazu gehört auch der Butler-Service, den man für exklusive Gäste eingerichtet hat. Andrew ist ein Absolvent der renommierten Diener-Schule von Ivor Spencer. Das Adlon ist, nach dem Ritz in Paris und dem Dorchester in London, seine dritte Auslandsstation. Er sei froh, seine Zeit im Dienst eines derart gebildeten Mannes zu verbringen, erklärte er mir gleich zu Beginn meines Aufenthaltes. "A most cultivated man."

Es stimmt: Ich habe Stil, aber noch längst nicht genug. Deshalb lasse ich ja meine Wohnung umgestalten, es ist ein umfangreicheres Projekt. Das Verlegen eines Intarsienparketts und die Auskleidung von Wohn- und Arbeitszimmer mit Ledertapeten (Importware aus Italien) brauchen einfach ihre Zeit.

Warum dieses Maß an Verfeinerung? Weil mir klarwurde: All meine Wünsche nach Anerkennung und Gemeinschaft, Zweisamkeit und Romantik sind nur Zeichen der Schwäche, Anbiederungsversuche an den gesellschaftlichen Mainstream. Ein Haus, eine Frau, eine Familie - beschämende Verkleinerungen meiner Unabhängigkeit. Friederike? Soll sie doch mit Zieper ein kleines Durchschnittsglück genießen. Jo? Wird er eben die Kunstschranze der Berliner Society, die ihren Wohlstand zum Erwerb von Aktien und Immobilien nutzt. Ich will mit diesen Trivialitäten nichts zu tun haben, den Peinlichkeiten der Partnergewinnung, den Gemeinheiten des Gelderwerbs. Das Programm meiner Revolte ist klar: Der Arbeitswelt setze ich die Muße, der Pflichterfüllung das Vergnügen entgegen. Natürlich erfordert die Verneinung des Niederen und Vulgären höchste Selbstdisziplin. Man müsse sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterbrechung erhaben zu sein, schrieb Baudelaire. Man muss "leben und schlafen vor einem Spiegel".

2

"Da wurden gerade zwei Spiegel für dich angeliefert", sagt Praktikant, als ich Montag gegen 12 Uhr ins Büro schlendere. "Sollen die hier aufgehängt werden?" Nein, erkläre ich ihm, sie werden in einem rechten Winkel um meinen Schreibtisch herum aufgebaut, so kann ich mich auch von der Seite betrachten. Es gilt, in jeder Hinsicht elegant zu sein.

"Und das bedeutet, dass man drei Stunden zu spät kommt und die Montagsrunde schwänzt?", fragt Friederike und knallt mir zwei Projekte auf den Tisch: Anzeigen für Altersrentenversicherungen und eine Unfallschutzbroschüre. Ihr könnt froh sein, dass ich überhaupt gekommen bin, denke ich. Eigentlich sollte nichts Alltägliches wie die Suche nach finanzieller Vergütung mein Streben nach Verfeinerung stören. Aber die Verneinung einer Gesellschaft, die nur an Sex, Geld und Karriere denkt, lässt sich eben am besten in genau jener Gesellschaft inszenieren. Ich brauche ein Publikum, auch wenn ich es verachte. Deshalb ignoriere ich Friederikes Unterlagen, konzentriere mich dafür umso stärker auf ihr Outfit: eine ausgewaschene Jeans, kombiniert mit einem Baumwollblazer, der bereits in den Neunzigern spießig war. Ihr Haar ist wie immer nach hinten geknotet, seit neuestem trägt sie eine Brille. Horn. Viel zu groß für ihr Gesicht.

"Schon mal über Kontaktlinsen nachgedacht?", frage ich, mein Spiegelbild musternd. Dieser flaschengrüne Flanellanzug mit bordeauxfarbenen Streifen sitzt aber auch wirklich gut. Nur das Einstecktuch passt nicht ganz, der Rot-Ton war einfach nicht zu finden.

Friederike staunt mich an, vielleicht weil ich das Tuch in den Papierkorb segeln lasse - es geht schließlich um Vollkommenheit in den scheinbar unwichtigen Dingen. Gerade weil das menschliche Dasein insgesamt vergeblich und eitel ist, muss man auf den nebensächlichsten Gebieten nach Vortrefflichkeit streben.

"Und das Haar würde ich offen tragen, diese Frisur macht dich alt."

Fritzi stürmt aus dem Büro. Praktikant schaut verlegen. Er muss noch viel lernen. Man braucht einen gewissen Hochmut, eine gewisse Kälte, um sich von der Gewöhnlichkeit abzugrenzen. Gerade in der Welt der Arbeitszwänge, wo das bürgerliche Gewinnstreben alle verroht, äußerlich und innerlich, muss man Akzente setzen. Deshalb schnappe ich meinen Mantel, einen Überzieher aus safrangelbem Wildleder, stelle das Telefon auf Rufumleitung und verlasse gemeinsam mit meinem Schützling die Agentur.

"Ist das denn okay? Ich sollte doch noch diese Bildunterschriften texten."

"Nichts ist okay", sage ich, "solange du mir in Jeans und Sweatshirt gegenübersitzt."

Helle Freude im Schlosspark

3

Wir fahren zu Hellmann, einem exklusiven Herrenausstatter in Charlottenburg. Leider müssen wir ein Taxi nehmen, den Chauffeur habe ich erst ab 19 Uhr. Er wird Daniela und mich zum Schlossgarten fahren, wo ein Picknick geplant ist. Eigentlich ist es mehr ein Diner unter freiem Himmel, was im April eine Herausforderung darstellt. Aber länger wollte ich nicht warten, weil es sonst zu spät dunkel wird. Dieser Abend kann nur bei Fackelschein angemessen zelebriert werden.

Vorher aber müssen wir Praktikant zu einem einigermaßen erträglichen Individuum umarbeiten, er braucht auch unbedingt ein Parfum. Das wird mir klar, als er im Auto neben mir sitzt. Berlin im ersten Frühlingshauch. Ein laues Lüftchen durchweht die Stadt, die Straßen beleben sich. Wir erreichen Unter den Linden, einstmals der Korso der Dandys und Flaneure. Hier fuhr Fürst Pückler-Muskau in einem von vier Hirschen gezogenen Wagen vor, hielt an und begann in einem Buch zu lesen. Kann man die Gesellschaft stilvoller verneinen als mit dieser Kunst der Verblüffung? Wenn das Gewohnte und Gewöhnliche dominiert, muss man überraschen. Ein violett-schokoladenbraun karierter Twillstoff ist ein Anfang. Daraus werden wir einen Anzug für Praktikant schneidern lassen. Er ist noch ein wenig skeptisch, auch was das Parfum angeht. Dabei ist es Coup de Fouet, ein Duft aus den 1950er Jahren, den man eigentlich nur noch in Paris bekommt. Es hat mich viel Mühe gekostet, die Verantwortlichen bei Hellmann zum Import zu bewegen.

Während ich mit dem Schneider über die Weite der Hosenbeine diskutiere, klingelt mein Telefon. Es ist immer dasselbe: Wenn es um die Klärung essentieller Fragen geht, wird man gestört.

"Martin, wo waren Sie heute Morgen?"

"Bei der Maniküre. Und wer spricht da bitte?" Natürlich weiß ich, wer mich anruft. Decker, der Therapeut mit Faible für Cordstoffe. Vielleicht sollten wir darüber reden.

"Ah, Kosmetik, sehr gut! Ein erster Schritt zu mehr Eigenliebe. Das gefällt mir", sagt er. Wieder dieses Rascheln im Hörer, als würde sich ein kleines Tier irgendwo eingraben.

"Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze", zitiere ich meinen Lieblingsdichter, den größten Helden im Kampf gegen demokratische Gleichmacherei und schlechten Geschmack.

"Oscar Wilde, toller Autor, aber ein trauriges Leben, finden Sie nicht? Prozesse, öffentliche Bloßstellung, am Ende Zuchthaus."

"Der ästhetische Mensch kultiviert die Verneinung. Die Verneinung wird zum Vergnügen, die verneinende Geste zur Provokation. Was soll daran schlecht sein?"

"Klingt wütend, Martin. Und macht auf Dauer einsam."

"Natürlich muss einen der Hass aufs Triviale vereinzeln", sage ich, einen Seidenstoff prüfend. Geld hin oder her - ich werde drei Hemden davon machen lassen, schließlich greift das Dessin in idealer Weise Praktikants grüngraue Augen auf.

"Dieser Zorn, Martin, wem gilt der wirklich?" Raschelraschel. Der kleine Nager wühlt weiter im Telefon.

"Den Leuten von Kiton, weil sie diesen wunderbaren Nadelstreifen aus dem Programm genommen haben."

"Ich glaube, wir sollten über Ihre Mutter sprechen", sagt Decker. Und da durchzuckt mich der Blitz der Erkenntnis. Er hat recht! Meine Mutter! Sie hat das cremeweiße Service von Augarten, nach dem ich schon so lange suche. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, das Picknick mit einer Notlösung bestreiten zu müssen (mein Porzellan hat eine gräuliche Maserung, was dem Motto "Nuit de Neige" zuwiderläuft), aber das ist die Lösung!

"Danke, Herr Decker", sage ich ein wenig zu enthusiastisch, korrigiere diesen Mangel an Zurückhaltung jedoch sofort, indem ich tonlos auflege. Die Verkäufer packen Hosen, Krawatten und Hemden ein.

4

Das Charlottenburger Schloss ist ein Prachtbau des Barock, ein Mini-Versailles, und mit seinen streng geometrisch angelegten Gärten der ideale Ort für mein kleines Tête-à-Tête.

Ich hole Daniela direkt von der Arbeit ab (wie schnöde: von der Arbeit, aber so schreibt die materielle Abhängigkeit es nun mal vor), leider mit erheblicher Verspätung. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, ob ich mit oder ohne Zylinder auftrete. Außerdem war die Wahl der Krawatte einigermaßen kompliziert. Es ging ja darum, die verschiedenen Weißtöne so aufeinander abzustimmen, dass sich ein paradoxer Tiefeneffekt durch Helligkeiten ergibt, eine Staffelung von Weißnuancen, hergestellt aus der Kombination von Jackett (Creme), Weste (Eierschale), Hemd (Vanille) und Binder (Kalk).

"Du wolltest vor einer Stunde da sein", schmollt Daniela, das Schnütchen steht ihr gut, dieses künstliche Beleidigtsein. Ich mag es, wenn Gefühle ausgestellt werden hinter dem Glas der Pose. Und was ist schon eine Stunde, meine Liebe! Beau Brummel, Englands berüchtigter Dandy, soll für die Zusammenstellung seiner Garderobe einmal so lange gebraucht haben, dass der Prince of Wales, der ihn abholen wollte, seine Kutsche fortschickte und bat, zum Dinner bleiben zu dürfen.

Als die perlmuttfarbene Limousine vor dem Schloss anhält, ist Andrew bereits da. Während ich Daniela in den Park geleite, lädt er mit dem Fahrer den Wagen aus. "Ich dachte, die schließen um 18 Uhr", sagt meine Begleiterin, was ich mit einem vielsagenden Lächeln quittiere.

Für unser Rendezvous habe ich eine von Hecken und Bäumen umstandene Wiese im hinteren Teil des Gartens gewählt. Links schimmert das Mausoleum von Luise durchs Geäst, rechts ruht majestätisch die Fassade des Schlosses. Meine Lakaien haben uns eingeholt und entzünden, eine nach der anderen, die Fackeln. Lodernd stehen sie Spalier und erleuchten die Szenerie.

Es ist genau so, wie ich es mir ausgemalt hatte: Die Schneekanone (übrig geblieben von einem Fotoshooting für einen Skimodenkatalog) hat alles in weißen Flaum gehüllt, die Fußgängerwege sind weiß glitzernde Bahnen, die sich im Dunkel verlieren. In der Mitte dieses Tableaus der weiß gedeckte Tisch, die grazilen Louis-quinze-Stühle, extra in mattem Weiß gebeizt, passend zur Anrichte, die schon am Vortag hierhergebracht wurde und im Geräteschuppen des Hausmeisters zwischengelagert werden musste. Daneben der kleine Springbrunnen, aus dem Milch sprudelt, nur das Brummen des Generators stört ein wenig. Ich rücke Danielas Stuhl zurecht, und noch bevor sie sich über die empfindlichen Temperaturen beschweren kann - es sind nur knapp drei Grad über null -, lege ich ihr ein Plaid aus Polarfuchs und Kaschmir um die Schultern.

"Ich bin sprachlos!", sagt meine Begleiterin, und genau das ist es, was wir Aristokraten des Geschmacks uns auferlegt haben: im Einerlei des Alltags jene Überraschung produzieren, an der wir selber niemals teilhaben können. Wie auch: Nach all dem, was uns die Gesellschaft an Durchschnittlichkeit zugemutet hat, im Angesicht von Vereinsamung und Isolation, ist kein Raum mehr für Ergriffenheit. Dafür aber umso mehr für die Hingabe an den besonderen Moment, seine Effekte und Wirkungen.

Andrew serviert die Speisen, eine chromatische Folge von Weißtönen: Spargel, Schellfisch, Ratatouille aus weißen Bohnen und Sellerie. Zum Nachtisch eine Kombination von Edelpilzkäse, außerdem Vanilleparfait. Es ist etwas festgefroren. Des Esseintes, der Held aus Huysmans Roman "Gegen den Strich", hatte es leichter. Sein schwarzes Mahl fand in einem gut geheizten Speisezimmer statt. Dorthin lässt sich auch eher ein Orchester zitieren, das Trauermärsche spielt. Bei mir muss ein Ghettoblaster ausreichen, als Musik habe ich eine Pavane von Händel gewählt.

"Darf ich bitten?" Strahlend reicht mir Daniela die Hand, und kurz darauf drehen wir uns im Takt, vorbei an Andrew und Herrn Zepp, dem Fahrer. Seine weiße Aushilfslivree spannt über dem Bierbauch, den er diszipliniert einzuziehen versucht. Es ist eine Welt der Unzulänglichkeiten, und nur mein Stoizismus bewahrt mich vor der kompletten Verzweiflung.

Stilkunde und Porzellanhunde

5

Als ich am nächsten Tag gegen 14 Uhr ins Büro komme - die Festlegung der Speisenfolge für eine Einladung hatte länger gedauert als geplant -, wartet Zieper in meinem Büro. Er schäumt vor Wut, ich kann es am nervösen Kneten seiner Hände erkennen.

"Drehst du jetzt vollkommen durch, oder was?", schnauzt er mich an.

"Ich kann dir nicht ganz folgen", sage ich gelangweilt und ordne die Lilien auf meinem Schreibtisch neu. Sie kommen jeden Tag frisch, ebenso wie die Granatäpfel und Feigen, die Daniela hereinbringt.

"Die Schneekanone hätte bereits vorgestern zurückgeschickt werden müssen! Weißt du, was das Ding am Tag kostet?" Zieper fuchtelt herum, als wolle er lästige Insekten vertreiben.

Ach, das Geld, immer wieder das Geld. Manche Tätigkeitsfelder sind einfach nicht mit dem Lebenswandel des Connaisseurs vereinbar. Design, Oper, die Betreuung großer Kunstkollektionen - das wäre eine Aufgabe für mich! Stattdessen muss ich mich mit Rentenkonzepten herumschlagen.

Andererseits brauche ich Leute wie Zieper: Verstöße gegen die niederen Gesellschaftsregeln sind nur sinnvoll, wenn es Leute gibt, die sie auch respektieren.

Zieper baut sich vor mir auf, ein Soldat der Pflichterfüllung. "Das ist einfach gegen die guten Sitten, Martin!"

"Sittliche Fragen sind vor allem solche des Stils. Und der meine ist über jeden Zweifel erhaben", sage ich und ziehe eine Lilie aus dem Bouquet. "Eine hübsche Krawatte übrigens. Gefällt sicher auch Fritzi."

"Äh, was? Friederike? Wieso?"

"Weil sie", fahre ich fort und stecke Zieper die Blüte ins Knopfloch, "einen ausgeprägten Sinn fürs Ästhetische hat. Aber das muss ich dir ja nicht sagen."

"Was soll denn das jetzt heißen? Willst du irgendwas andeuten?"

"Andeutung ist das Wesen der Kunst", erkläre ich, während ich Ziepers Krawattenknoten strammziehe. "Deshalb gefällt mir dieser Binder auch so gut. Man glaubt, es seien Punkte, und dann entdeckt man, dass es Sternchen sind. Wirklich raffiniert."

"Also, Martin, mit Fritzi, es ist anders, als du denkst."

"Nimm doch Platz, Jan", sage ich und rücke einen Stuhl heran. Es ist Zeit für ein Verhör, ganz im Geiste von Lady Bracknell, dieser wunderbaren Gorgone aus Wildes "Bunbury".

"Danke, ich stehe lieber."

"Nun, ich fühle mich verpflichtet, dir mitzuteilen, dass du nicht auf meiner Liste beziehungsfähiger junger Kollegen stehst. Ich bin aber bereit, deinen Namen einzutragen, sollten deine Antworten so ausfallen, wie es ein wirklich fürsorglicher Freund verlangt." Zieper schaut verwirrt, schluckt zweimal trocken und schweigt.

"Treibst du Sport, Jan?"

"Nun ja, ich muss zugeben, in letzter Zeit nicht."

"Sehr gut. Sport ist Verausgabung, und verausgaben soll man sich nur finanziell oder ästhetisch. Wie alt bist du?"

"34."

"Ein perfektes Alter für eine feste Beziehung. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass ein Mann, der sich zu binden wünscht, entweder alles oder nichts wissen sollte. Was weißt du?"

"Vom Leben? Ich versteh die Frage nicht."

"Richtig. Es gibt auch nichts zu verstehen: Wir werden geboren, konsumieren ein paar Jahre, am Ende zerfallen wir zu Staub. Was bleibt, ist ein Foto im Familienalbum. Nur die Selbststilisierung kann uns über diese Posse erheben."

Praktikant kommt herein und überreicht mir ein Paket. Das Backgammonspiel, das ich mit Chanel-Stoff habe beziehen lassen. Dann stört das Geräusch der Würfel nicht so.

"Aber dafür braucht man Muße und Zeit. Deshalb müssen wir dieses Gespräch beenden."

"Weil du die Rentenbroschüren texten musst?", fragt Jan.

"Nein, weil ich jetzt mit Japan telefonieren kann. Dieses Kranichmuster" - ich zeige auf eine Seite im Katalog - "haben sie nur in einem bestimmten Geschäft in Tokio. Und jetzt entschuldige mich bitte."

"Was hattet ihr denn so ausgiebig zu besprechen, Ziepi und du?" Friederike betritt mein Büro mit verschränkten Armen, eine Karikatur der Entschlossenheit.

"Nichts Besonderes. Was machst du eigentlich heute Abend?"

"Äh, also heute, heute? Tja, da … da … da räum ich meine Wohnung auf!" Wie niedlich sie ist. Die Verlegenheit haucht ihr ein feines Rosa auf die Wangen. Jetzt weiß ich, in welcher Farbe ich die Esszimmerstühle beziehen lasse.

"Aber du wirst dabei nicht das tragen." Ich zeige ganz bewusst mit dem Zeigefinger auf sie. "Es könnte ja jemand vorbeikommen. Rein zufällig natürlich."

"Und das sähe blöd aus?" Sie blickt an sich hinunter, zieht ihre Bluse glatt. Ich drehe einen der Spiegel zu ihr, so dass sie sich anschauen kann, und stelle mich hinter sie.

"Weiß ist zu hart für deinen hellen Teint. Außerdem ist das hier" - ich zupfe an ihrem Oberteil - "zu weit. Du hast eine phantastische Figur und ertränkst sie in schlechtsitzenden Hemden."

"Also hör mal!", sagt Fritzi und will aufstehen. Sanft drücke ich sie in den Stuhl zurück und fahre fort. "Was hat dein Friseur eigentlich gegen dich? Deine Haare sind toll, diese Kindchenfrisur aber ist grotesk." Ich ziehe das Gummiband von ihrem Pferdeschwanz, lockere mit beiden Händen ihre herrliche Mähne. "So, schon besser. Jetzt erinnerst du mich an die Deneuve der Fünfziger." Ich nehme eine Strähne von ihrer Stirn, lege sie hinter ein perfekt geformtes Ohr. "Wunderbar."

"Glaubst du?", fragt sie, ihre Stimme klingt tief und sanft. Wir betrachten uns im Spiegel, und in diesem Moment weiß ich: Näher werden wir uns niemals kommen.

"Ganz sicher. Und letztlich ist es auch egal."

"Egal?" Ängstlichkeit huscht durch ihre Augen, aber ich lächle sie an und sage: "Was auch immer du trägst: Er wird es gut finden."

6

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich meiner Mutter in die Arme laufe. Sie ist schließlich Stammgast im Adlon, fast jeden Sonntag hält sie hier ihre luxuriösen Kaffeekränzchen ab. Heute ist Donnerstag, ich habe mich krankgemeldet und schlurfe um elf in Morgenmantel und Pantoffeln durchs Vestibül, um die Zeitung zu holen. Plötzlich steht sie vor mir.

"Martin, was machst du denn hier?" Schade, dass ich nicht den Porzellanwindhund dabeihabe. Ich wollte ihn auf ein Wägelchen montieren lassen und sie damit am Wochenende zu einem Plauderstündchen vorm Kamin begrüßen.

"Ich wohne hier. Und du?"

"Ich habe einen Termin im Spa. Du wohnst hier? Ist etwas passiert? Ist etwa die Wohnung abgebrannt?"

Ich führe meine Mutter zu einer Sitzgruppe im ersten Stock, es ist doch ein bisschen zugig im Entree, und Seidenpyjamas sind keine Outdoorkleidung.

"Renovierungsarbeiten. Solange bleibe ich hier."

"Und wer bezahlt das alles?", fragt meine Mutter, die trotz ihrer verschwenderischen Launen eine exzellente Rechnerin ist. Noch bevor ich die Frage beantworten kann, hat sich ein beleibter Mann in einem schlechtsitzenden Anzug zu uns gesellt. Schwer atmend lässt er sich in einen Sessel fallen, dann grinst er uns beide leutselig an. Meine Mutter ist sprachlos, was selten passiert. Ich nutze die Gelegenheit. "Darf ich vorstellen. Toni Baravelli, Geschäftsmann. Brigitte Frielings, meine Mutter."

"Wir hatten einen Termin", sagt Baravelli, den Blick auf mich geheftet. Dabei küsst er meiner Mutter die Hand.

"Sie arbeiten auch in der Werbung?", fragt sie indigniert, lässt ihre Hand aber ein klein wenig zu lange in Baravellis Pranke liegen.

"Finanzierung und Sicherheit", sagt Baravelli mit wölfischem Grinsen. "Imagefragen sind zweitrangig."

Ich nehme all meinen Mut zusammen. "Das ist ein Fehler."

"Ach? Das müssen Sie mir erklären", sagt der Mann, der keinen Funken Savoir-vivre hat. Sein Geld habe ich trotzdem gern genommen.

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