"Desperado" Mein Leben als Zocker

Wenn dein bester Freund Karriere macht, die angehimmelte Kollegin einen anderen will und selbst deine Mutter mehr Spaß hat als du, muss was passieren. Martin, der Held des Romans "Desperado", stürzt sich ins Dasein. In Folge zwei wird er zum Zocker - und setzt alles auf eine Karte.

Von Daniel Haas


Was bisher geschah:

Es lief alles bestens für Martin, den Werbetexter und Dauersingle mit Wohnort Berlin. Und dann die schockartige Erkenntnis: Du wirst älter und hast immer noch keinen Plan! Wie kriegst du jetzt auf die Schnelle ein bisschen Geradlinigkeit in den nicht vorhandenen Lebensentwurf? Bei der Geburtstagsparty des schwer reichen Cousins trifft Martin eine Entscheidung - und spielt auf volles Risiko ...

Mein Leben als Zocker

Den letzten Rosinenbagel wird sich Zieper geschnappt haben. Und den einzigen Bananen-Smoothie auch. Darauf schließe ich mit mir selber eine Wette ab. Wenn ich gewinne, lade ich Friederike zum Italiener ein. Wenn ich verliere, ebenfalls. Das Leben ist ein Spiel, und manchmal kann man die Regeln sogar selbst bestimmen.

Die Montagsrunde verläuft nach einem strengen Ritual: Wer nach 9 Uhr kommt, wartet vor der Tür, während drinnen, im großen Konferenzraum von Brenner & Friends, die Projekte der Woche besprochen werden. Vor der Tür zu warten ist ähnlich beschämend, wie beim Sprung in die abfahrende U-Bahn von der Tür eingeklemmt zu werden.

Bei der Montagsrunde gibt es den sogenannten Power-Brunch: bergeweise Muffins, Obst, Brownies und Säfte, aber immer nur einen einzigen Bananen-Smoothie. Ich habe versucht herauszubekommen, ob der Smoothie für Zieper reserviert ist, aber sowohl die Geschäftsleitung von Fit4Food, dem zuständigen Lieferdienst, als auch unsere Chefassistentin, Daniela, haben mir versichert: Der Bananen-Smoothie ist für alle da.

Es ist 8.55 Uhr, der Rosinenbagel baumelt an Ziepers Finger, eine Trophäe der Durchsetzungskraft und Schnelligkeit. Der Smoothie ist schon halb leer, das Getränk hat Zieper die Lippen dunkelgelb geschminkt. Ich schlucke reflexhaft. Während ich im Geiste noch die Liste der Italiener durchgehe, stapft Brenner, 55, herein. Sein graumeliertes Haar bewegt sich sacht, als spiele ein leichter Wind darin. Wo Brenner ist, sind immer auch Hochseeyacht und Strandbar, milde Brise und scharfe Girls.

Der Chef steuert auf einen gigantischen Bildschirm zu, auf dem das Logo einer Versicherungsgesellschaft erscheint. Zieper kaut am Bagel, spült den letzten Bissen mit köstlichem Smoothie-Nass hinunter. Dennoch wirkt er angespannt in seinem mausgrauen Anzug, der, so fällt mir zum ersten Mal auf, erstaunlich gut geschnitten ist. Er verdient zu viel, denke ich, genau wie Brenner, der die meiste Zeit im Süden verbringt. Sein Teint ist nougatfarben, was das aggressive Blau seiner Augen noch unterstreicht. Diese Augen, die nicht ermüdet werden von Monitoren und Flipcharts, Tabellen und Grafiken, sondern das Meer ausspähen vor den Seychellen oder Dekolletés an der Côte d'Azur.

"So, Leute, jetzt wird's ernst: Wir haben den Coburg-Rammsteiner-Etat. Das ganze Paket: Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit, Unfall, Rechtsschutz."

"Und Vermögensbildung", ergänzt Zieper.

Brenner wirft ihm einen schnellen harten Blick zu. "Genau. Und Vermögensbildung. Damit fangen wir an: Anzeigenkonzept, drei Verbraucherbroschüren und ein internes Business-Manual."

"Es sind sechs Broschüren." Zieper hat die Krawatte zurechtgerückt. "Und das Manual gehört zu einem größeren Folder für die Vertreterschulung."

"Meinetwegen. Jede Menge Arbeit jedenfalls. Denn die Deadline ist bereits Freitag. Bislang läuft alles auf Projektbasis, aber wir wollen die Pauschale."

Natürlich wollen wir die Pauschale. Eine Pauschale ist wie eine feste Beziehung mit regelmäßigem Sex und Ausheulgarantie, während man vorher nur unregelmäßige Dates hatte. Um uns daran zu erinnern, klettert Brenner sogar vom Sonnendeck und kommt ins brütend stickige Berlin.

"Zehn Euro, dass er gleich sagen wird: Ich weiß, dass ihr das schafft!"

"Sorry, aber ich bin Praktikant", sagt der Praktikant, ein Text-Azubi aus Hamburg, der dritte dieses Jahr. Die Namen merke ich mir schon lange nicht mehr, ich nenn sie einfach Praktikant. Klingt herzlos, aber ich habe eine Technik entwickelt, das Wort Praktikant mit einer Intimität anzuwenden, die den Angesprochenen nicht abwertet, sondern im Gegenteil in seiner Individualität fördert, bei gleichzeitiger Eingliederung in einen größeren Funktionszusammenhang. So habe ich es jedenfalls letzte Woche Jo erklärt (er nannte mich Betriebsfascho, was ich selbst nach mehreren Bier noch einigermaßen kränkend fand).

"Okay, 'nen Fünfer. Und du holst meine Sachen aus der Reinigung."

Praktikant lächelt verlegen, was ich als Ja verstehe.

"Also, Team 1 und 2 streichen erst mal Urlaubspläne und krempeln die Ärmel hoch", sagt Brenner mit Blick auf seine faustgroße Rolexuhr.

Und?

"Morgen Kick-off-Meeting um dieselbe Zeit."

Und?

"Ist alles ziemlich eng, ich weiß."

Brenner durchquert den Raum. Kurz vor der Tür bleibt er stehen, dreht sich um und grinst. "Ich weiß, dass ihr das schafft!"

2

Finden Sie es unmenschlich, einem Praktikanten mit 350Euro netto einen Fünfer abzuknöpfen? Ich darf an dieser Stelle Schiller bemühen: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist. Und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." So gesehen hat unser junger Freund eine zutiefst humane Erfahrung gemacht. Kurz habe ich ihn aus den ökonomischen Zwängen herausgelöst und ihm geholfen, spielerisch die materiellen Gegebenheiten zu überschreiten. Genau besehen, schuldet er mir mehr als fünf Euro (an die muss ich ihn noch mal erinnern, wenn er aus der Reinigung zurück ist). Aber in welcher Währung außer Anerkennung und Treue kann man diese Art der Bereicherung zurückerstatten?

Überhaupt stehen schon einige Kollegen in meiner Schuld, ganz einfach, weil ich spielend ihren Berufsalltag bereichere. Die kleinen Wetten zum Beispiel auf Ziepers Memokünste (Wird er diese Woche unter fünf Besprechungsberichten bleiben oder wie letzte Woche täglich zwei oder mehr verfassen?) entlasten die Belegschaft: Ihr engumgrenztes Blickfeld weitet sich ins Phantastische, Kunsthafte, Spekulative.

Spekulieren ist übrigens ebenfalls ein Thema. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Schwung in die Bude kommt, selbst nach 19Uhr, wenn wir Feierabend-Börsianer das Parkett unsicher machen. Unser Club, bestehend aus mir und Gerrit Hömel (Junior-Kundenberater, Team 3; Food/Beauty), setzt im Internet auf Termingeschäfte und Optionsscheine. Hömel hat einen Bausparvertrag aufgelöst, um Geld lockerzumachen. Ich werte dies als Zeichen des Vertrauens in meine wirtschaftlich-diagnostischen Fähigkeiten und nenne ihn deshalb nur noch "Terrortrader", wenn ich ihm auf dem Gang begegne. Dazu mache ich das Daumen-hoch-Zeichen, eine Geste, die ich mir bei Brenner abgeschaut habe. Trotz meiner motivierenden Präsenz ist Hömel in den letzten Tagen etwas blass, vielleicht weil seine Verlobte Wind von der Sache bekommen hat.

Frauen sind eben keine Spielernaturen, sie denken in simplen Zusammenhängen, die Arithmetik ihrer Gefühle kennt nur Gleichungen mit festen Größen. Liebe+Partner = Glück oder Geld + Partner = Sicherheit, so kalkulieren sie nun mal ihre Zukunftschancen. Deshalb versteht Friederike auch meine Konzepte nicht. "Zocken. Rocken. Aufstocken?", fragt sie entgeistert. "Das soll das Motto für einen Aktienfonds sein, der - und ich darf jetzt mal das Kundenbriefing zitieren - ›Anleger behutsam motiviert, an der Entwicklung der Aktienmärkte asiatischer Schwellenländer teilzunehmen‹?"

"Die Richtung stimmt aber." Brenner hat den Besprechungsraum betreten, gefolgt von Zieper und Daniela, die Mineralwasser und Kaffee serviert. "Den ganzen konventionellen Finanzmist kann jeder. Wir brauchen was Frisches."

"Wer wagt, gewinnt", sage ich mit dem Ausdruck eines Pokerspielers, der alles auf eine Karte setzt.

"Genau, Frielings!" Brenner legt die Füße auf den Tisch. Seine handgenähten Schuhe ragen bedenklich nahe vor Zieper auf, der aber keine Miene verzieht.

"Wagen Sie, ein Gewinner zu sein?", frage ich, ziehe dabei eine Augenbraue hoch bis kurz unter den Haaransatz.

"So muss das laufen!" Brenner rülpst leise, aber doch hörbar nach einem großen Schluck Evian. "Schreibt hier eigentlich jemand mit?"

Friederike ist baff, ich kann das daran sehen, dass sie an ihrer Unterlippe nagt, während sie in ihren Unterlagen wühlt. Sie wird in den nächsten Monaten viel Zeit mit diesem Kunden verbringen, und weil Zieper als ihr direkter Vorgesetzter die Regie führt bei dem Projekt, wendet sie sich an ihn.

"Jan, vielleicht verstehe ich das Briefing nicht ganz richtig …"

"Riskieren, profitieren!", rufe ich dazwischen. Zieper schaut auf Brenner, der einen imaginären Fleck von der Kappe seines Budapesters reibt. Friederike verzieht das Gesicht. So sieht man aus, wenn man in eine Zitrone beißt, denke ich, den Blick auf Brenner gerichtet. Ich aber bleibe gelassen, denn ich weiß: Das Leben ist ein …

"Spiel ich eigentlich morgen Golf mit Seeberg? Check das mal bitte, Daniela." Brenner ist aufgestanden. "Und die Richtung ist ja jetzt klar. Riskieren, profitieren."

Wenn ich welches bei mir hätte, würde ich jetzt Trinkgeld verteilen. Für diese Komparsen in meinem Erfolgsgame. Für diese mickrigen Knauser, die sich hinter Briefings und Berechnungen verschanzen, anstatt dem Schicksal die Karten aus der Hand zu nehmen und selber aufzutrumpfen. Der kleine Mann im schwarzen Anzug hatte recht: Wenn die Verhältnisse unübersichtlich geworden sind, wenn der Markt sich selbst entfesselt und die gesellschaftlichen Bindungen zerfallen, wenn noch die intimsten Regungen von Kalkül und Profitdenken durchdrungen sind, dann schlägt die Stunde des Spielers. An der Börse der Lebensmodelle steht seine Erfahrung hoch im Kurs: Wir haben alle schon verloren, deshalb lasst uns den Einsatz erhöhen, das Risiko steigern, finanziell und ideell.

"Mit dem Konzept kommen wir nie durch", sagt Friederike.

"50 Euro dagegen", sage ich.



insgesamt 4 Beiträge
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GM64 06.07.2009
1. Und man hat so viele Arbeitsplätze abgeschafft
dieser Mensch braucht nur eine sinnvolle Aufgabe. Wenn er mal für 3 € die Stunde putzen oder Spargel ernten müsste, wäre er bestimmt wieder normal. Schade, dass man das nur anderen zumutet, in diesem Fall wäre es sogar von therapeutischem Wert.
ABN 06.07.2009
2. ...
Wieso wird dieses Buch eigentlich so massiv ueber den Spiegel beworben? Jedesmal, wenn man ein Video oeffnet, kommt dieser Werbeclip und nun auch dieser Artikel, der das Buch in den hoechsten Toenen lobt? Eigentlich ein Grund, es gerade nicht zu kaufen...
digitalturbulence, 06.07.2009
3. Meine Analyse zu Martins Problem
Zitat von sysopWenn dein bester Freund Karriere macht, die angehimmelte Kollegin einen andern will und selbst deine Mutter mehr Spaß hat als du, muss was passieren. Martin, der Held des Romans "Desperado", stürzt sich ins Dasein. In Folge zwei wird er zum Zocker - und setzt alles auf eine Karte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,631174,00.html
Ich habe mir die 3 Seiten im Spiegel Artikel durchgelesen und komme auf folgenden Entschluss: Dieser Mann (Martin Frielings) lebt inmitten einer Spassgesellschaft (gegründert von der Generation der 68er) die keine realen Werte kennt. Frauen wie z.B. seine Kollegin Friederike erscheinen für Ihn und seine Kollegen als Konsumgüter (dienen nur als sexuelle Befriedigung). Seine Kollegen sprechen lieber Denglisch anstatt Deutsch. Die Vernachlässigung der eigenen Sprache so wie auch das sich nur alles um Geld und Urlaub dreht zeigt die kulturelle Verarmung in seinem Umfeld eindeutig. Der Grund seines Handelns ist das er ja trotz seines vielen Geldes und Luxusleben im Alter von 40 einfach keine realen Werte besitzt: Keine Familie, kein Glaube, keine Werte. Selbst mit einer Million Euro wäre er nicht zufrieden. Die Lösung für sein Problem: Eine Reise für 6 Monate mit Rucksack nach China zu einer armen Familie die einen Bauernhof betreiben. Dort sollte er der Familie jeden Tag helfen und arbeiten. Danach würde er unsere Gesellschaft mit ganz anderen Augen sehen und sein Glück selber finden (wenn er es bis dahin nicht schon selber in China gefunden hat).
Monark, 06.07.2009
4. So auch nicht ...
Auch die Verschiebung von der Startseite in den Kulturteil ändert nichts daran, dass hier unlauterer Wettbewerb stattfindet. Es gibt hunderte Bücher von ernsthaften Autoren, die es eher verdient hätten, dermaßen beworben zu werden. Wenn Spiegel-Redakteure demnächst CDs aufnehmen, müssen wir uns die dann auch bei SPON anhören?
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