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18. September 2014, 12:12 Uhr

Preußische Ausschweifungen

Die Sexzwergin des Königs

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Wandelnde Kuriosität und sexuelle Delikatesse: In "Pfaueninsel" erzählt Thomas Hettche von einem kleinwüchsigen Schlossfräulein - und macht sie zum Freak im Gehege der Literatur.

Als Oskar Matzerath drei Jahre alt wurde, bekam er eine Blechtrommel geschenkt. Und die deutschsprachige Literatur hatte mit den Erscheinen von Günter Grass' gleichnamigem Roman im Jahr 1959 eine ihrer bekanntesten Figuren.

Der kleinwüchsige Matzerath kommentierte die deutsche Katastrophe zwischen Weimar und Bundesrepublik mit entschiedenem Getrommel - eine Vorlage, an der sich jeder Schriftsteller messen lassen muss, wenn er, wie nun Thomas Hettche mit "Pfaueninsel", eine Jahrhundertgeschichte am Beispiel einer zwergenwüchsigen Hauptfigur erzählt: Maria Dorothea Strakon, 1,25 Meter groß, Schlossjungfer des preußischen Hofes.

Strakon hat wirklich gelebt, allerdings ist von ihr kaum etwas überliefert. Anders als Matzerath bei Grass blickt sie in Hettches Roman nicht als handelnde Außenseiterin auf die Geschichte. Sie ist weniger Subjekt als Objekt eines Buchs, das im notdürftig übergeworfenen Gewand eines historischen Romans daherkommt, eigentlich aber die exemplarische Darstellung einer Zeitenwende ist.

Strakons Lebensdaten verwendet Hettche als Rahmen für eine verdichtete Geschichte des technischen und mentalitätsgeschichtlichen Fortschritts im 19. Jahrhundert. Das kleinwüchsige Schlossfräulein, im Buch größtenteils Marie genannt, wird geboren, als in Preußen noch der Geist des präindustriellen, vormodernen Zeitalters herrscht. So, wie die bei Berlin in der Havel gelegene Pfaueninsel eine auf Wunsch des Königs angelegte, märchenhafte Parallelwelt mit Schlossattrappe war, diente auch die kleinwüchsige Marie der Belustigung des Hofes: als wandelnde Kuriosität - und als sexuelle Delikatesse.

Den König befriedigen

Als Marie 1880 stirbt, hat längst der Rationalismus Einzug gehalten, und der Mensch ist dabei, sich die Natur vollends untertan zu machen. In Berlin herrscht der preußische König als Kaiser des Deutschen Reichs. Peter Joseph Lenné, der berühmte preußische Gartenbaumeister, hat die verwunschene Pfaueninsel umgestaltet und modernisiert, die Gärten mit Sichtachsen geordnet - und die dort einst angesiedelten exotischen Tiere in die Gehege des Berliner Zoos verbannt. Die preußische Nüchternheit hat sich durchgesetzt. Sie ist auch Konstruktionsprinzip von Hettches Roman.

"Pfaueninsel" erzählt von Maries Aufwachsen beim alten Obergärtner, einer unglücklichen Liebe, einem verlorenen Kind, der Flucht in die Welt der Literatur. Dass der Roman dabei trotz vieler drastischer, besonders sexueller Details - so hat Marie den König zu befriedigen - und trotz einiger starker Passagen wenig sinnliche Qualität und nur gebremsten Erzählfluss entwickelt, liegt daran, dass Hettche bei seinem an literarischen Anspielungen reichen Gewaltmarsch durch das 19. Jahrhundert viel zu sehr rafft.

Er springt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, presst die Geschehnisse in das Raster der in kurze Abschnitte unterteilten Kapitel, als gelte es in diesem Jahrhundert der Beschleunigung vor allem, das Ziel zu erreichen: Maries spektakulären Tod in einer gebrochenen, ästhetisch ahistorischen Cinemascopeszene - das Kino und mit ihm die Breitwandoptik haben sich erst später durchgesetzt.

Anders als Lutz Seiler in seinem Roman "Kruso", der wie die "Pfaueninsel" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, verzichtet Hettche auf sprudelnde Imagination und atmosphärische Verdichtung seiner Geschichte. Sie bleibt preußisch steif.

Sprachregelungen des politisch Schicklichen

Dies könnte ein Kunstgriff sein, wäre die Konstruktion mit einem allwissenden Erzähler nicht zumindest fragwürdig: Der überblickt die deutsche Geschichte bis Mauerbau und World Wide Web, verwendet aber dennoch aus der Zeit gefallene Begriffe wie "adoriert" - womöglich bewusst gesetzte altbackene Schnörkel. Für Marie als Hauptfigur allerdings hat diese Erzählhaltung Konsequenzen.

Auch wenn erzählerische Freiheit die Freiheit von den Sprachregelungen des politisch Schicklichen ist: So, wie sich Hettches Erzähler durch die bewusste Verwendung des Wortes "Neger" gezielt über die Political-Correctness-Debatten im Literaturbetrieb der Gegenwart hinwegsetzt, fällt er auch, indem er Marie als "Zwergin" in Gegensatz zu "normalgewachsenen" Menschen setzt, zurück in den Duktus des 19. Jahrhunderts. Und damit auch in dessen Denkweise.

Das ist für ein Buch, dessen Erzähler sich bewusst in der Gegenwart verortet - und damit über ein halbes Jahrhundert nach Grass' "Blechtrommel" -, zumindest unentschlossen. Wenn nicht irritierend.

Am preußischen Hof war Marie ein Kuriosum, die Sexzwergin des Königs. Ihre erzählerische Wiedergeburt, zwei Jahrhunderte später, mag ihr zu neuem Leben verholfen haben, nicht aber zu Emanzipation: Jetzt ist sie Freak im Gehege der Literatur.

Der kleine Matzerath war eine große Figur. Hettches Marie bleibt klein - und wird so abermals vorgeführt.

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