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18. Oktober 2005, 11:43 Uhr

Deutscher Buchpreis für Arno Geiger

Es bleibt in der Familie

Frankreich hat den Prix Goncourt, England den Booker Prize - und Deutschland jetzt den Deutschen Buchpreis. Der erste Gewinner ist der Österreicher Arno Geiger, dessen Roman "Es geht uns gut" virtuos zwischen Tradition und Innovation vermittelt.

150 Belletristik Neuerscheinungen von 76 deutschsprachigen Verlagen hatten die Juroren zu sichten; man einigte sich auf eine Vorauswahl von zwanzig Titeln, die dann auf sechs Kandidaten eingegrenzt wurde.

Buchpreisträger Geiger: Familien- als Zeitgeschichte
DDP

Buchpreisträger Geiger: Familien- als Zeitgeschichte

In das literarische Sextett gehörten höchst unterschiedliche Autoren: der Jungautor Daniel Kehlmann mit seiner amüsanten Doppelbiographie über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß ("Die Vermessung der Welt"), die Lyrikerin Friederike Mayröcker mit einer Reminiszenz an ihren ehemaligen Lebensgefährten Ernst Jandl ("Und ich schüttelte einen Liebling"), Gert Loschütz, der in geheimnisvollen Geschichten die Odyssee eines Fluss-Schiffers erzählt ("Dunkle Gesellschaft"), Thomas Lehr und sein philosophischer Thriller "42" sowie Arno Geiger und Gila Lustiger ("So sind wir").

Kehlmann galt mit seiner "Vermessung" als Favorit; die Verbindung der Lebensgeschichten zweier schrulliger Wissenschaftler zu einem höchst amüsanten Doppelporträt des genialen Menschen begeisterte Kritiker und Publikum. Durchgesetzt hat sich jedoch der Österreicher Arno Geiger mit seinem komplexen Erzählwerk "Es geht uns gut".

Geiger, Jahrgang 1968, debütierte 1997 mit dem Roman "Kleine Schule des Karusselfahrens" und gilt seitdem als "Spezialist für literarische Abwehrreaktionen" ("Die Welt"). In dem jetzt ausgezeichneten Roman "Es geht uns gut" ist ebenfalls von einer Aversion die Rede: der eines 35-Jährigen gegen die eigene Familie. Doch weil Philipp Erlach, so der Name des Helden, die Villa seiner Großmutter erbt, kommt trotz heftiger Widerstände ein Erinnerungs- und Erzählprozess in Gang, der die Zeit von 1938 bis 2001 umspannt. So wird im Fortgang des Romans das Leben von drei Generationen in Österreich aufgefächert.

Die Ehrung Geigers reflektiert einen aktuellen Trend der deutschen Gegenwartsliteratur: die Rückkehr des Familien- und Generationenromans nach dem Vorbild US-amerikanischer Erzähler. Ähnlich wie die hierzulande viel gelesenen Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder Richard Powers entdecken deutschsprachige Autoren das Genre als Medium, um "Zeit- als Familiengeschichte" (SPIEGEL) zu erzählen.

"Arno Geiger gelingt es, Vergänglichkeit und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Erinnern und Vergessen in eine überzeugende Balance zu bringen", begründet der Schriftsteller Bodo Kirchoff die Entscheidung der Jury, zu der außerdem die Kritikerin Verena Auffermann, der Buchhändler Klaus Bittner, Volker Hage (SPIEGEL), Wolfgang Herles ("Aspekte", ZDF), Armin Thrunher ("Der Falter", Wien) und die Schriftstellerin Juli Zeh gehört.

Die mit insgesamt 37.500 Euro dotierte Auszeichnung setzt mit Geigers Ehrung ein Zeichen - zugunsten einer anspruchsvollen Erzählliteratur, die Innovation und Tradition zu verbinden versteht. Und Leser, Kritiker und Verleger können einstimmig sagen: "Es geht uns gut."

Daniel Haas

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