"Panischer Frühling" Im Ausnahmezustand in London

Wenn das Gespräch mit einem Fremden wie ein Angriff wirkt: Gertrud Leuteneggers "Panischer Frühling" ist ein kühner, assoziationsreicher Streifzug durch London.

Big Ben in London: Der Luftraum über London ist gesperrt
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Big Ben in London: Der Luftraum über London ist gesperrt

Von Thomas Andre


Ein Londoner Zeitungsverkäufer erzählt von seinem Leben - und löst bei der Hauptfigur von Gertrud Leuteneggers "Panischer Frühling" eine kühne Assoziation aus: "Dass uns ein Fremder in sein Inneres einlässt, ist erregend, von solcher Wärme und ebenso unbegreiflich, wie von ihm umgebracht zu werden."

Einer der Sätze, die Leuteneggers für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman seine spezielle Note geben. "Panischer Frühling" ist Leuteneggers erster Roman seit sechs Jahren. Die Schweizerin wurde 1948 in Schwyz geboren und lebt heute nach Aufenthalten in Deutschland, Italien und Japan in Zürich.

Das Unterwegssein ist das dominierende Thema des Buchs, sei es eine Mobilität des Geistes oder des Körpers. Zunächst steht alles still. Auf Island bricht der Vulkan Eyjafjallajökull aus, die Aschewolken stoppen den Flugverkehr. Auch der Luftraum über London ist gesperrt. England sei "wieder ein Inselreich", konstatiert die Erzählerin.

Sie selbst, von deren derzeitigen Lebensumständen man nicht viel erfährt, ist für unbestimmte Zeit zu Gast. Es zieht sie immer wieder zur Themse, auf ihre Brücken und an ihre Ufer, von wo sie auf das Wasser schauen kann. Die 41 Kapitel referieren jeweils den Wasserstand, als offenbare sich damit der Puls der Stadt, die sich im Ausnahmezustand befindet.

Diffuses Licht der Bedrohung

Absichtsvoll aufgesuchte Orte wie die Gärten von Kew mit ihrer pflanzlichen Pracht werden flankiert von den episodenhaften und flüchtigen Wahrnehmungen, die Leutenegger unterwegs aufliest: die junge Frau in der Underground Station, die mit weißen Kegeln jongliert und dabei im rauen Slang monologisiert. Den gesellschaftlich deklassierten Mann auf dem Nachbarbalkon, der manisch und fluchend einem Mädchen in Ringelsocken hinterhertobt, gegen die Hauswand prallt - und das Kind trotzdem in die Flucht schlägt, ehe es von zwei "kreischenden Müttern" wieder eingefangen wird. Nur kurze Zeit später herrscht wieder Frieden in den Hütten der Unterschicht: Das Mädchen ruft dem arbeitslosen Vater "heftige Liebesbekundungen" hinterher.

Die Touren der Erzählerin haben nichts mit Sightseeing zu tun. Sie fügen sich zum kunstvoll arrangierten Bericht, der das Interimsmäßige eines Aufenthalts in der Fremde auch in einem diffusen Licht der Bedrohung zeigt. Immer wieder sucht sie den Zeitungsverkäufer auf. Sie berichtet dem Fremden von ihrer Herkunftswelt, vom Onkel, dem Pastor, dem Sommerhaus der Familie mit seiner geheimnisvoll-heimeligen Aura.

Sie ist sich selbst nah, wenn sie geografisch fern der Heimat ist - jedoch nur, wenn sie davon erzählend Zeugnis ablegt. Auch der Zeitungsverkäufer Jonathan, den sie im Gewimmel der Straßen suchen muss, erzählt von sich selbst. Von seiner Kindheit bei der Großmutter in Penzance, einem Küstenort in Cornwall. Die Großmutter beschützt den entstellten Enkel vor den Anfeindungen der anderen, und sie geht auf Friedhöfe, um die Grabmäler zu inspizieren: So viele Fischer, die wie ihr Sohn auf See ertranken.

Als Jonathan verschwindet, entgleitet auch die Erinnerung. Das Selbstgespräch ist keine Alternative, wenn in durchaus erotisch aufgeladenen Gedanken der Zeitungsverkäufer zum "jungen Renaissancefürsten" wird, "enterbt, gebrandmarkt, vertrieben", eine Projektionsfläche unbewusster Verschmelzungswünsche, die sich in Vorstellungen äußern, "das Haus seiner Großmutter in Penzance und mein verlorenes Sommerhaus zu einem Doppelhaus zusammenzufügen".

Es ist das Erzählen, das dem Leben Glanz verleiht, und davon handelt dieses auf wundersame Weise unterhaltende Buch.

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