Deutscher Buchpreis 2014 Die Literatur entdeckt Lidl

Sexuelle Ausschweifungen im Hochadel, zarte Liebe im Prekariat: Die Shortlist für den deutschen Buchpreis steht fest. Der Großteil der nominierten Romane behandelt gesellschaftspolitisch Relevantes - aus ungewöhnlicher Perspektive.

DPA

Hamburg/Frankfurt am Main - Mit der Veröffentlichung der sechs Titel umfassenden Shortlist tritt der Wettbewerb um den Deutschen Buchpreis in seine entscheidende Phase. Vergeben wird die populärste deutsche Literaturauszeichnung am 6. Oktober in Frankfurt am Main.

Unter den Kandidaten für den Roman des Jahres befinden sich drei erwartbare Favoriten, aber auch drei Überraschungen.

Zu den Favoriten gehören Lutz Seilers Roman "Kruso", der vor der Kulisse der Insel Hiddensee den Niedergang der DDR zum Thema macht - Romane zur deutschen Geschichte haben beim Buchpreis traditionell gute Chancen. Erst recht, wenn sie im Osten spielen: Frühere Preisträger waren Uwe Tellkamp mit "Der Turm" und Eugen Ruge mit "In Zeiten des abnehmenden Lichts".

Ebenso erwartetbar ist dementsprechend eine Nominierung von Thomas Hettches "Pfaueninsel": Die geraffte Lebensgeschichte eines zwergenwüchsigen Schlossfräuleins im Preußen des 19. Jahrhunderts tritt auf im Gewand des historischen Romans, behandelt eigentlich aber ein Thema, das die Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts ebenso beschäftigt: die Auseinandersetzung des rationalen Menschen mit Natur und Sexualität.

Gesellschaftspolitisch geradezu tagesaktuell wirkt Thomas Melles "3000 Euro": Der Roman spielt im Prekariat, erzählt von der zarten Liebe eines gescheiterten Studenten zu einer Lidl-Kassiererin. Ein in der bürgerlichen deutschsprachigen Literatur geradezu revolutionäres Thema - doch bleibt Melles Blick der des wohlmeinenden Künstlers auf die Exoten der Unterschicht: allzu sehr erinnert das schmale Buch an ein Rührstück im Stile Rainer Werner Fassbinders.

Bereits im Frühjahr erschienen sind die drei anderen, eher überraschenden Titel der Shortlist: Angelika Klüssendorfs "April", eine Fortsetzung ihres Romans "Das Mädchen", mit dem Klüssendorf 2011 auf der Shortlist stand. Zudem Gertrud Leutenegger mit "Panischer Frühling" und Heinrich Steinfest mit "Der Allesforscher". Womöglich die Entdeckung der Shortlist 2014 - zeigte sich Steinfest doch schon in seinen unkonventionellen Kriminalromanen, so "Wo die Löwen weinen", als ebenso kluger wie mitreißender Erzähler.

Im Jahr 2013 war Terézia Mora für ihren Roman "Das Ungeheuer" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.

sha

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Werner Holt 10.09.2014
1. DDR geht immer
Und wer die Lebensrealität in der Bunz-Replik ( Helmut Kohl ) kritisch reflektiert, schreibt nur ein Rührstück wie seinerzeit der Fassbinder rührselige Filme gemacht hat. Fazit: Die deutsche Literatur ist am Boden und das ist auch nicht anders gewollt. Denn die herrschenden Gedanken, sind nun einmal nicht anderes als die Gedanken der Herrschenden.
christherz 10.09.2014
2.
Ein gutes Beispiel dafür, wie viele Medienpreise es gibt, bei denen nur Dinge als auszeichnungswürdig betrachtet werden, die für das Publikum praktisch irrelevant sind und für die sich nur eine kleine Kritikerkaste interessiert. Aber nett für die Autoren.
bansky 10.09.2014
3. Alternativ...
anders herum wird aber auch ein Schuh draus. Wenn immer nur das zur Wahl steht, was die meisten Leser hat, gibt es eine Liste voller mediokrer Literatur. Ein Haufen Mittelmaß.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.