Liebe im Prekariat Die Kassiererin als Männerfantasie

3000 Euro in einem Pornodreh! Die Lidl-Kassierin Denise möchte nach New York. Dann lernt sie Anton kennen, einen gescheiterten Studenten. Mit gehobenem Unterschichtskitsch bedient Thomas Melle den Voyeurismus der Anständigen.
Bezaubernd und auch ein bisschen klischeehaft wirkt sie, die Kassiererin auf diesem Bild. Ähnliches gilt für die Hauptfigur in Thomas Melles neuem Roman.

Bezaubernd und auch ein bisschen klischeehaft wirkt sie, die Kassiererin auf diesem Bild. Ähnliches gilt für die Hauptfigur in Thomas Melles neuem Roman.

Foto: Corbis

Kassiererin ist nicht nur ein schlechtbezahlter Job, sondern auch eine Männerfantasie. Das zeigt sich in Thomas Melles neuem Roman "3000 Euro". In dessen Mittelpunkt steht Denise. Sie sitzt nicht nur an der Kasse, sie hat auch Pornos gedreht. Sex ist eine Ware, für die bezahlt wird - aber sind Waren, für die bezahlt wird, deshalb auch Sex?

Nadine Laval, wie sich Denise als Amateur-Pornodarstellerin nennt, hätte darauf wahrscheinlich keine Antwort. Melle zeigt sie als bauernschlaue, aber nicht allzu reflektierte Vertreterin der Unterschicht - jenes exotischen Milieus, dem sich die saturierte deutschsprachige Literatur erst seit Neuestem wieder nähert. Das allerdings mit dem Blick des überlegenen Forschers auf vermeintlich Wilde.

Denise arbeitet beim Discounter. Sieht man von Ausnahmen wie David Wagners "Vier Äpfel" ab, sind Discounter in deutschsprachigen Romanen etwa so häufig zu finden wie deutschsprachige Romane in Discountern. Wenn sich ein Schriftsteller wie Thomas Melle eine Discounter-Kassiererin vorstellt, dann ist die ausgestattet mit allen Merkmalen der Prekariatsfratze, wie man sie aus dem RTL2-Fernsehen kennt: gefärbte Haare, Undercut wie Rihanna. Sie nimmt Tabletten und chattet abends im Netz mit ihren häufig wechselnden Lovern. Der Vater ihrer Tochter ist ein drogenabhängiger Rave-Proll, ihr eigener Vater ein Säufer mit kaputtem Körper.

"3000 Euro" wäre ein ziemlich eindimensionales Buch, ein Gaffen in den Sozialzoo, würde Melle nicht wie in einer perfiden Versuchsanordnung ein anderes Wesen aus der Unterschicht auf Denise loslassen: den seelisch labilen Anton, einst Jurastudent, nun abgesunken ins Prekariat und so gut wie obdachlos. Katalysator in dieser Versuchsanordnung ist, wie könnte es anders sein, die Liebe.

Lidl essen Literatur auf

Die Sozialfigur des gefallenen Studienabrechers hat Melle in vergleichbarer Form schon einmal verwendet: In seinem vorigen Roman "Sickster". Dort ließ Melle eine ähnliche Gestalt wie Anton gegen den soziologisch jüngeren Phänotyp des hedonistischen Jungmanagers antreten. Ein Survivalcontest, den nur einer gewinnen konnte. "Sickster" war ein grandioser Roman. "3000 Euro" ist es nicht, weil Melle diesmal biederen Sozialkitsch abliefert.

Wenn um die beiden herum auch die Unterschicht tobt: Die Liebesbeziehung von Anton und Denise erscheint in diesem Buch in einem derart bemüht anständigen Licht, als ginge es darum, ein Update von Rainer Werner Fassbinders berühmtem Sozialdrama "Angst essen Seele auf" abzuliefern. Das allerdings ist vierzig Jahre alt. Fassbinders holzschnittartige Darstellung war schon damals platt. Ihr Remake bei Melle wirkt heute so zugespitzt formelhaft wie die Scripted-Reality-Formate des Privatfernsehens.

Vielschichtige, widersprüchliche Charaktere, gemeinhin Menschen genannt, sind in "3000 Euro" nicht vorgesehen. Der Pornoregisseur ist - natürlich - ein geldgieriger Abzocker, Antons Mutter ein vollsediertes Psychowrack, Denises Tochter gestört. Und so geht der arme Anton im Berlin der Gegenwart seinem Untergang entgegen: Er hat ein paar Tage Zeit, um die titelgebenden 3000 Euro aufzutreiben - andernfalls droht die Privatinsolvenz. Dass die Lidl-Kassierin Denise, mit der sich eine zarte Romanze entwickelt, dieses Geld in einem einzigen Pornodreh verdient hat, kann er nicht ahnen.

Aber wie würde es in der Fernsehzeitschrift heißen, wenn es um die Ankündigung der abendlichen Daily Soap geht? Nadine hat einen besonderen Traum: Sie möchte einmal nach New York... - wird ihr das gelingen?

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte Hans Fallada in "Jeder stirbt für sich allein" mit welcher Wucht und mit welchen Volten man aus der Unterschicht erzählen kann. Auch fast 70 Jahre nach seinem Erscheinen ist dieser Roman viel lebendiger und mitreißender als Melles simpel erzähltes Gegenwartsstück.

Ohne sonderliche Virtuosität und atmosphärisch nicht allzu beeindruckend, hängt Melle abwechselnd Passagen über Anton und Nadine aneinander. Dass der schmale Roman trotzdem einer der sechs Kandidaten auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist, könnte auch damit zusammenhängen, dass die Unterschicht für den Literaturbetrieb mindestens genauso weit weg ist wie Manhattan von Neukölln.

Auch mancher Schriftsteller hat einen besonderen Traum: Er möchte einmal die Unterschicht beschreiben. Mit diesem Buch ist Thomas Melle das nicht sonderlich gelungen.

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