Missbrauchsroman "Allein wie ein Kind, das sich selbst ausgesetzt hat"

Seit 2010 der systematische Missbrauch an der Odenwaldschule bekannt wurde, kommen immer wieder ähnliche Fälle ans Licht. Anselm Neft hat nun einen ebenso mutigen wie fesselnden Roman zu dem Thema geschrieben.

Odenwaldschule in Heppenheim (Hessen)
DPA

Odenwaldschule in Heppenheim (Hessen)


"Ich kümmere mich um jeden Neuen so, wie es am besten ist. Keiner wird auf lange Sicht bevorzugt, und keiner wird vernachlässigt. Jede und jeder von Euch ist etwas Besonderes." Es sind Sätze wie diese, die Tilman Weber, den 13 Jahre alten Protagonisten in Anselm Nefts neuem Roman "Die bessere Geschichte" spontan elektrisieren, als er in dem reformpädagogischen Internat "Freie Schule Schwanhagen" dem charismatischen Salvador Wieland gegenübersteht und ihn reden hört.

Denn diese Sätze lassen ihn daran glauben, das zurückgewinnen zu können, was er verlor, nachdem seine Mutter sich umgebracht, und sein Vater, ein mit seiner Erziehung überforderter stockkonservativer Gefühlskrüppel ihn in das Internat an der Ostsee abgeschoben hat: den Glauben an sich selbst. "Niemand kannte mich hier. Ich konnte ganz von vorne anfangen. Ich konnte jemand anders sein. Ich wusste nur noch nicht, wer."

Schnell ist Tilman, der in das "Wieland-Haus" einzieht, in dem insgesamt elf Zöglinge und zwei Pädagogen zusammenleben, begeistert von dem antiautoritären Führungsstil. Ein Hauch vom "Club der toten Dichter" mit Robin Williams weht durch das Wieland-Haus. Denn das dort praktizierte Lernkonzept, das die Kreativität des Einzelnen ins Zentrum stellt, erzeugt bei den Schülern das Gefühl, endlich in jenem geschützten Raum geborgen zu sein, nach dem sie sich immer sehnten.

Anselm Neft
Maren Kaschner/ Rowohlt

Anselm Neft

So auch bei Tilman: "In diesen Momenten des Aufwachens glaubte ich, die Welt um mich herum zum ersten Mal tatsächlich zu sehen. Ein Film, der sonst über meinen Augen lag, schien nun fortgewaschen zu sein." Und als er obendrein Zugang zu der zunächst verschlossenen Ella findet, in die er sich verliebt hat, ergeben die Dinge für den Jungen plötzlich wieder einen Sinn. Doch das Verlangen der Zöglinge nach Geborgenheit und Selbstverwirklichung haben ebenso wie in Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" aus dem Jahr 1906 auch bei Neft seinen Preis.

Immer öfter müssen die Schüler Rituale über sich ergehen lassen, in deren Verlauf sowohl Salvador als auch Valerie Wieland sie sexuell missbrauchen und ihnen ihr Tun hinterher als Teil ihres pädagogischen Konzepts verkaufen. Schließlich macht Valerie Tilman zu ihrem ganz persönlichen Liebhaber. Das erlebt der Junge als befremdend. Die Gründe dafür aber sucht er bei sich.

Hochkomplexe Abhängigkeitsstrukturen

Mit einem hauchfeinen Sensorium ausgestattet, vermag es Neft glänzend, uns die komplizierten Gefühlslagen seine Opferfiguren zu offenbaren, ohne dabei vorschnell in das gängige Täter-Opfer-Schema abzugleiten. Denn es handelt sich dabei häufig um hochkomplexe, wechselseitige Abhängigkeitsstrukturen, die er uns von innen heraus erklärt.

Ähnlich wie in Tilmans Fall - und das zeigt sein Roman - ist es nämlich oftmals eine für Außenstehende schwer verständliche Art des Geben und Nehmens, die das prekäre Ungleichgewicht zwischen Opfern und Tätern in der Schwebe hält: Tilman gibt sich ihnen körperlich hin - kann sich dafür aber im Gegenzug ihrer uneingeschränkten Solidarität sicher sein. Ein wahrhaft perfider Handel.

Doch es müssen 27 Jahre vergehen, ehe Tilman, inzwischen ein bekannter Schriftsteller und durch eine Mail von Ella dazu gebracht, beginnt, die weit zurückliegenden Ereignisse in den Kellern des Wieland-Hauses kritischer zu reflektieren. Ella ist fest entschlossen, die Wielands für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen und setzt dabei auf Tilmans Unterstützung. Der aber tut sich lange schwer damit. Denn er ist nicht bereit, die eigene Opferrolle anzuerkennen.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Anselm Neft
Die bessere Geschichte

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
480
Preis:
EUR 22,00

Mit großem Einfühlungsvermögen in seine Figuren versteht es Anselm Neft, uns mit Tilman einen Charakter vorzuführen und psychologisch zu entschlüsseln, der uns - gefangen in seinen "Prägungen" - stellvertretend für zahllose andere offenbart, wie diese auch Jahrzehnte später noch in ihm "wirken". Denn als er Ellas Teenagertochter Lucia kennenlernt, verliebt er sich spontan in die Pubertierende. In der Hoffnung, sie sexuell zu erobern, gesteht er ihr seine Liebe. Er, das ehemalige Opfer, ist im Begriff, selbst zum Täter zu werden.

Wird er aber nicht, stattdessen flieht er aus Deutschland. Ellas Öffentlich-Machung der Taten der Wielands und deren Verhaftung erlebt Tilman dann nur noch aus der Ferne, in der Abgeschiedenheit eines schwedischen Holzhauses, "allein wie ein Kind, das sich selbst ausgesetzt hat."

Anselm Neft, 1973 in Bonn geboren und im vergangenen Jahr für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert, gibt mit seinem mitreißend geschriebenen Buch all jenen eine Stimme, die in der Odenwaldschule, den kirchlichen Institutionen und sonst wie gearteten Ordensgemeinschaften dieses Landes ähnliches erlebt haben - und die doch bis heute schweigen müssen, weil ihre anhaltende Indifferenz den Erlebnissen gegenüber es ihnen weiterhin verbietet. Dafür ist ihm nicht genug zu danken.

insgesamt 2 Beiträge
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dasfred 19.03.2019
1. Das Thema klingt erschreckend interessant
Wie bringt man Jugendliche in eine sexuelle Abhängigkeit. In dieser eher offenen Struktur des Internates ist die einfache Gewalt, wie man es sich in geschlossenen Systemen vorstellt, nicht so einfach umzusetzen. Wie hier beschrieben, Anerkennung und Unterstützung gegen Sex scheint wesentlich effektiver zu wirken. Das Opfer wird, wie es scheint, zum Mittäter gemacht, weil es sich durch die Duldung des Missbrauchs einen Vorteil erkauft. Damit wird das Opfer subtil in eine Rolle gedrängt, in der es sich nicht mehr wehren kann und im schlimmsten Fall sogar den Missbrauch als normal akzeptiert.
House_of_Sobryansky 19.03.2019
2. Nimbus
Unentwegt müssen wir etwas als normal akzeptieren. Es ist das Leben selbst, was uns fortlaufend missbraucht. Abseits davon sind die Terrorregime der Liebe in Gestalt der individuellen Förderungen nicht weniger grauenerregend als jene der unverstellten Folter, die immerhin den Nimbus des Opfers bereithalten.
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