Science-Fiction-Erfolg "Die drei Sonnen" Der China-Bestseller

Barack Obama ist Fan, Mark Zuckerberg auch: Der Science-Fiction-Roman "Die drei Sonnen" gehört zu den aufregendsten Büchern, die in jüngster Zeit aus dem Chinesischen übersetzt worden sind.
Rotgardisten mit Mao-Plakaten in Peking 1966

Rotgardisten mit Mao-Plakaten in Peking 1966

Foto: ASSOCIATED PRESS

Da ist ein Countdown auf den Fotos, eindeutig: "1200:00:00", "1199:49:33", "1198:53:09". Wang Miao, Professor für Nanowissenschaften und Hobbyfotograf, ist irritiert. Er entdeckt die Zahlenreihe beim Entwickeln eines Films in der Dunkelkammer seiner Wohnung. Wie sie auf die Bilder gelangt ist, kann sich der Chinese nicht erklären.

Als der Countdown auch auf seiner Netzhaut auftaucht, wird die Irritation zu Panik. Mehrere Physiker haben jüngst Selbstmord begangen, eine Kollegin hat sich das Leben genommen mit den Worten: "Die Physik hat niemals existiert und wird auch in Zukunft nicht existieren." Wang verliert das Vertrauen in das, was er sieht. Seine wissenschaftlichen Gewissheiten zerrinnen wie Schnee in der Sonne.

Es ist dieses Gefühl der Verunsicherung, das im Zentrum des Romans "Die drei Sonnen" des Autors Liu Cixin steht. "Die drei Sonnen" ist der erste Teil einer Science-Fiction-Trilogie, es ist eines der aufregendsten Bücher, die es in jüngster Zeit aus China zu uns geschafft haben. In seiner Heimat landete Liu mit der Trilogie einen Publikumserfolg. Mit der englischen Übersetzung des ersten Teils gelang ihm schließlich im vergangenen Jahr auch in den USA der Durchbruch.

Der Chinese erhielt - als erster asiatischer Autor überhaupt - den Hugo Award, einen der wichtigsten Preise für Science-Fiction-Literatur. Die Auszeichnung bescherte ihm prominente Leser. Barack Obama las das Buch im Winterurlaub , Mark Zuckerberg empfahl es auf Facebook. In China soll im kommenden Jahr die Verfilmung des ersten Teils in die Kinos kommen.

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"Das Leben der Anderen" meets "Contact"

"Die drei Sonnen" verfolgt mehrere Handlungsstränge und beginnt in der Kulturrevolution der Sechzigerjahre. Die Astrophysikerin Ye Wenjie muss mit ansehen, wie ihr Vater, ein angesehener Akademiker, von vier Rotgardistinnen mit einem Ledergürtel zu Tode geprügelt wird.

Ein paar Jahre später wird Ye als Konterrevolutionärin zur Arbeit in eine Militärbasis namens "Rotes Ufer" beordert. Es handelt sich um ein militärisches Forschungsprojekt mit höchster Geheimhaltungsstufe, nur ein kleiner Kreis von Experten weiß, was hier erforscht wird. Schnell ahnt Ye, dass sie wegen ihrer astrophysischen Kenntnisse in die Basis befehligt wurde. Sie erarbeitet sich das Vertrauen des Direktors, bis dieser sie eines Tages einweiht: Ziel von "Rotes Ufer" ist die Suche nach außerirdischem Leben. Schon bald sitzt Ye des Nachts mutterseelenallein in der Basis und lauscht in die stille Unendlichkeit des Kosmos. "Das Leben der Anderen" meets "Contact".

Autor Liu Cixin

Autor Liu Cixin

Foto: Wang wei/ Wang wei - Imaginechina

Science-Fiction und kulturrevolutionärer Wahnsinn - es mag danach aussehen, als bediene sich der Autor des fantastischen Genres, um indirekt über vermeintlich tabuisierte Themen zu schreiben. Muss aber nicht zwingend so sein.

"Ich schreibe Science-Fiction, um Science-Fiction zu schreiben, nicht um über Bande die Realität zu kritisieren", sagt Liu am Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse im Oktober. Er sitzt in einem unterkühlten Raum in einer der Messehallen, ein Mann von 53 Jahren mit sehr kurzem Haar und einer schwarzen Hornbrille. Bis vor kurzem arbeitete er als Software-Ingenieur in einem Kraftwerk in der Provinz Shanxi. Erst seit Neuestem ist er hauptberuflich Schriftsteller.

Liu sagt, er schreibe realistische Passagen, damit sich die chinesischen Leser zurechtfänden. Anders als im Westen gibt es in China keine Science-Fiction-Tradition, ein fantastischer Roman müsse deswegen in der Realität beginnen und sich dann langsam von ihr lösen. Liu zählt keinen chinesischen Autor zu seinen Vorbildern, er ist groß geworden mit Jules Verne, George Orwell und Arthur C. Clarke.

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Liu, Cixin

Die drei Sonnen: Roman (Die Trisolaris-Trilogie, Band 1)

Verlag: Heyne Verlag
Seitenzahl: 592
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Wie Liu Volksbefreiungsarmee und Aliens verbindet

Aber auch in der Literatur gilt: China holt im Zeitraffer nach, was der Westen in mehreren Jahrzehnten durchlaufen hat. Derzeit scheint es einen regelrechten Boom an chinesischer Science-Fiction-Literatur zu geben. Gerade erst hat auch die Autorin Hao Jingfang den Hugo Award (für die beste Erzählung) gewonnen.

Für Liu ist das die logische Folge von Chinas Modernisierung: "China entwickelt sich schnell, seine internationale Bedeutung wächst, die meisten Chinesen interessieren sich für Technik und blicken optimistisch in die Zukunft. Die chinesische Science-Fiction-Literatur ist wahrscheinlich gerade in dem Zustand, in dem sich die amerikanische während des Golden Age in den Dreißigerjahren befand."

In "Die drei Sonnen" löst Liu die Handlung schließlich so von der Realität: Die Astrophysikerin Ye ist der erste Mensch, der eine an die Erde gerichtete Nachricht aus dem Weltall empfängt. Doch Ye, deren Gefühle in der Kulturrevolution verkümmert sind, hat Ungeheuerliches vor: Sie will die Menschheit mithilfe der Außerirdischen erneuern. Heimlich tippt sie eine Nachricht ins Universum: "Kommt her! Ich helfe euch dabei, unsere Welt zu erobern. Unsere Zivilisation ist nicht mehr in der Lage, ihre Probleme selbst zu lösen. Sie braucht euer Eingreifen und eure Stärke."

Die Kulturrevolution wird zur Zivilisationsrevolution, der Showdown zwischen Menschen und Aliens naht. Als Volksbefreiungsarmee, CIA und Nato sich an den Nanowissenschaftler Wang Miao wenden und ihn um Rat bitten, treffen die zwei Handlungsstränge des Romans aufeinander.

"Die drei Sonnen" ist hard science fiction mit einem klassischen Alien-Plot, auf den ersten Blick also vielleicht etwas althergebracht. Aber wie Liu das alles verbindet, die Kulturrevolution, die Geschichte der menschlichen Zivilisation und die Frage nach den Grenzen der Wissenschaft: Das ist meisterlich.