Rollenbild der »Hausfrau« Unsichtbar, unbezahlt, ungeliebt

Gute Mütter basteln, backen und putzen. Ihre Arbeit wird zwar nicht gesehen, aber vorausgesetzt. Evke Rulffes' »Die Erfindung der Hausfrau« zeigt, wie dieses Stereotyp entstand – und warum es so wirkmächtig ist.
Hausarbeit wird selten gesehen, sondern als selbstverständlich betrachtet – das war nicht immer so

Hausarbeit wird selten gesehen, sondern als selbstverständlich betrachtet – das war nicht immer so

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Michael Nicholson / Corbis / Getty Images

Ein selbst gebackener Kuchen zum Kindergeburtstag, eine in Handarbeit gebastelte Schultüte zur Einschulung, gebügelte Kleidung und gewienerte Böden: Viele Frauen kennen den Druck, Haus- und Familienarbeiten  nicht bloß wie selbstverständlich zu erledigen. Sondern gern. Schließlich gilt diese unbezahlte Arbeit gemeinhin als Ausdruck von Liebe. Seit wann und warum Kinderbetreuung und Hausarbeiten mit Zuneigung verwechselt werden, lässt sich nun in dem sorgsam recherchierten Buch »Die Erfindung der Hausfrau« nachlesen. Darin zeigt die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes, wie die Topoi der »guten Mutter« und der liebenden Hausfrau entstanden. Denn, auch wenn man das vielleicht glaubte: Beide existierten nicht immer.

Durch Exkurse in die Alltagsgeschichte und Verweise auf historische Haushaltsratgeber zeichnet Rulffes detailliert nach, wie sich das Frauen- und Mutterbild Ende des 18. Jahrhunderts grundlegend veränderte. Waren Frauen zuvor in Handwerksbetrieben tätig und arbeiteten als Betriebs- und Personalmanagerinnen ihres Haushalts, machte das Ideal der Liebesheirat häusliche Arbeit ohne Erwartung einer Gegenleistung populär.

Hemisphäre des Herds

Der Kult von Kleinfamilie und Spießbürgerlichkeit verbannte Frauen in die Hemisphäre des Herds, während neue bürgerliche Erziehungsnormen das Ideal einer sich stetig kümmernden Mutter propagierten – »das perfekte Argument, um sie von bürgerlichen Rechten wie Bildung und Berufsausübung auszuschließen«. Die bevölkerungspolitischen Überlegungen griffen schließlich aktiv in alle Facetten des (weiblichen) Lebens ein. Frauen sollten in erster Linie gute Staatsbürger zur Welt bringen und erziehen. »Der Körper der Frau wird hier zum Politikum«, schreibt Rulffes, »Mutterschaft zur Schaltstelle der Modernisierung der bürgerlichen Gesellschaft.«

Aus gesellschaftlichem Druck entwickelte sich Stillen zum Inbild der neuen, guten Mutter – was gegenwärtige Mütter kennen. Wer dennoch eine Amme beschäftigte, wurde schnell als »Rabenmutter«  bezeichnet. Rulffes erläutert, dass dieser Topos aus einer Fehlinterpretation von Luthers Übersetzung des Buchs Hiob stammt: Man verstand, dass die Vögel ihre Kinder aus dem Nest treiben. Dass man dieses Bild auf Mütter übertrug, die ihre Kinder nicht oder nur für eine kurze Zeit stillten, ist besonders erschreckend. Dass es sich bis heute hält, erst recht.

Scham und gesellschaftliche Ächtung

Waren Frauen schon seit der Antike für die gute Stimmung im Haus verantwortlich, wurden sie durch die preußische Kampagne der neuen Mütterlichkeit noch einmal mehr zu »People-Pleasern«: Frauen fiel es zu, das mentale Wohl ihrer Familienangehörigen abzusichern, also Emotionsarbeit zu leisten. Um sie dazu zu bringen, arbeitete man mit Scham und gesellschaftlicher Ächtung: Verhielt sich ein Mann beispielsweise nicht ganz so häuslich und sittsam, galt dies als die Schuld seiner Ehefrau. Schließlich war es an ihr, das Liebesglück der Ehe zu bewahren. Also: ihn zufriedenzustellen.

Gleichzeitig wuchsen die Aufgaben in der Haushalts- und Familienarbeit, illustriert Rulffes. Doch um den Schein von Wohlstand zu wahren, musste die Hausarbeit von den Frauen stets »unsichtbar« erledigt werden. Die Arbeit wurde tabuisiert und entwertet. Eine Disposition, die sich leider bis heute hält.

Nüchtern und präzise argumentiert Rulffes, dass sich wirkmächtige Rollenbilder nicht einfach so entwickelten, sondern kalkuliert aus ideologischen Motiven entstanden, stets zum Nachteil von Frauen. Traurig, dass die Gegenwart zwar elektronische Küchengeräte, Vollzeitjobs und Regierungschefinnen brachte, aber wenig an den vor über 200 Jahren installierten Gender-Stereotypen änderte – und an dem Druck moderner Mütter, diesen entsprechen zu müssen. Rulffes Buch macht allerdings auch Mut: Haus- und Familienarbeit waren nicht immer unsichtbar, unbezahlt und ungeliebt. Und sie müssen es nicht bleiben.

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