Essayband von Toni Morrison Eine Frage der Hautfarbe

Woher kommt Rassismus? Dies fragt sich Nobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem neuen Buch. Dort ergründet sie, warum Menschen Abgrenzung wollen - und wieso oft die Hautfarbe über Zugehörigkeit und Ausgrenzung entscheidet.
Toni Morrison

Toni Morrison

Foto: AFP

Anfang der Dreißigerjahre, irgendwo in Ohio, zwei Mädchen spielen gemeinsam auf dem Fußboden, warten auf das Eintreffen der Urgroßmutter. Diese "teerschwarze" Frau gilt als Familienoberhaupt und Legende. Als sie endlich da ist und ihre hellhäutigeren Urenkel sieht, sagt sie: "Diese Kinder sind verpfuscht worden."

Diese Erzählung ist eine Erinnerung von Toni Morrison. Die Schriftstellerin und ihre ältere Schwester waren in den Augen der Urgroßmutter zu hell. Die Frau sah in den Kindern etwas Unreines. Die abwertende Bemerkung der Urgroßmutter sei dennoch ohne Wirkung auf Morrison geblieben, schreibt sie in ihrem Buch "Die Herkunft der anderen". Allerdings habe sie auf diese Weise erfahren, "was einen wertloser, weil anders macht".

Genau dieses Anderssein thematisiert die 89-Jährige in ihrem Essayband. In sechs kurzen Texten geht Morrison der Frage nach, warum Menschen die Abgrenzung zu anderen zu brauchen scheinen und wieso oft die Hautfarbe über Zugehörigkeit und Ausgrenzung entscheidet. Morrison kann auf viele persönliche Erfahrungen zurückgreifen.

"Unter Weißen"

Die Arbeit der afroamerikanischen Schriftstellerin wird stets in Zusammenhang mit ihrer Hautfarbe gebracht. Das wurde zu Morrisons Label: die einzige schwarze Schülerin in ihrer Grundschulklasse, die erste schwarze Cheflektorin bei Random House, die erste schwarze Nobelpreisträgerin. Morrison gilt als Stimme des Schwarzen Amerikas und ist "von klein auf daran gewöhnt, unter Weißen zu sein", so sagte sie dem SPIEGEL einmal im Interview.

Als Einstieg für ihren Essayband hat die Nobelpreisträgerin allerdings keine Anekdote aus ihrem Leben "unter Weißen" gewählt, sondern die Begegnung mit der Urgroßmutter. Daraus leitet sie eine Erkenntnis ab: Die Abgrenzung zu anderen über "kulturelle, körperliche oder rassische Merkmale" gehe oft einher mit hierarchisierenden oder wertenden Kategorien.

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Morrison, Toni

Die Herkunft der anderen: Essays

Verlag: Rowohlt Buchverlag
Seitenzahl: 112
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Morrison geht in "Die Herkunft der anderen" über persönliche Erfahrungen hinaus und nähert sich dem Konstrukt des Fremden und Andersseins historisch. Dabei landet die Autorin bei ihrem Kernthema: der Sklaverei und ihren Folgen. Klug analysiert und unaufgeregt aufgeschrieben gibt Morrison Erklärungen für das jahrhundertealte Problem des Rassismus.

Rassistische Entmenschlichung

"Die Notwendigkeit, die Sklaven zu einer fremden Art zu erklären, scheint ein verzweifelter Versuch zu sein, sich seiner eigenen Normalität zu versichern", schreibt sie. Man mache das Gegenüber zu etwas anderem, etwas Minderwertigem, um Gewalt zu rechtfertigen. Diese rassistische Entmenschlichung verdeutlicht Morrison anhand historischer Dokumente.

So zitiert sie aus den Aufzeichnungen des Sklavenbesitzers Thomas Thistlewood. Dieser hat neben Bemerkungen über Wetter, Verhandlungen und Gewinne auch die von ihm begangenen Vergewaltigungen von Sklavinnen in seinem Tagebuch notiert. Dabei hat Thistlewood festgehalten, wo und wann es zu den Begegnungen kam und wie hoch der Grad der Befriedigung war. Von Vergewaltigung war damals keine Rede, Thistlewood machte lediglich von seinem "Recht als Herr" Gebrauch. Die Objektmachung des anderen dient nicht nur als Rechtfertigung für Gewalt, sondern als Mittel der Machtlegitimierung.

Darin, so schlussfolgert Morrison, liege einer der Nutzen des Rassismus. Obwohl die Essays eine historische Perspektive bieten, braucht die Nobelpreisträgerin nur einen Satz, um den Bogen zur Gegenwart zu schlagen: "Das Schauspiel der Massenmigration lenkt den Blick unweigerlich auf die Grenzen, jene porösen und verletzlichen Membranen, an denen das Konzept der Heimat als von Fremden bedroht erlebt wird." Damit wird die ohnehin im Buch mitschwingende Parallele zur politischen Situation endgültig hergestellt.

Keine Antwort auf Trumps Präsidentschaft

"Die Herkunft der anderen" klingt deshalb wie eine Antwort auf die Präsidentschaft von Donald Trump. Eines Präsidenten, der Mauern bauen will und Einreisesperren verhängt, der vom Ku-Klux-Klan unterstützt wird und Kinder an der mexikanischen Grenze von Eltern trennt. In Trumps Amerika wächst die Macht der White-Supremacy-Bewegung, Neonazi marschieren zu Tausenden auf, und Rassismus wird zunehmend offen zur Schau gestellt. In all dem lässt sich das Muster des "wir" und "die anderen" erkennen, das Morrison so herausarbeitet.

Tatsächlich ist die "Die Herkunft der anderen" entstanden aus einer Reihe von Vorträgen über die "Literatur der Zugehörigkeit", die Morrison im Frühjahr 2016 in Harvard gehalten hat. Damals ging Barack Obama in das letzte Jahr seiner zweiten Amtszeit, und US-Präsident Trump hatte sich noch nicht in Stellung gebracht. In den Zeitungen las man über die "Black Lives Matter"-Bewegung und Untersuchungskommissionen, die sich mit dem systemimmanenten Rassismus in Polizeistationen beschäftigten.

"Die Herkunft der anderen" ist ein öffentliches Nachdenken, in dem die Nobelpreisträgerin ihren Lesern eine Erweiterung der Perspektive ermöglicht. Dass Morrisons Essays sich nun so aktuell lesen lassen, ist die Leistung des Buches.

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