Fiktion über die Kanzlerin Hier darf Merkel einfach mal einpennen

Alles mal fließen lassen: Was passiert, wenn Herr Sauer nicht zu Hause ist, erlebte die Republik im Flüchtlingssommer 2015. Schreibt zumindest Konstantin Richter in seiner herrlichen Novelle "Die Kanzlerin".
Die Kanzlerinnen-Raute

Die Kanzlerinnen-Raute

Foto: Michael Kappeler / dpa

Wer einmal zufällig abends am Kupfergraben auf der Berliner Museumsinsel vorbeigeradelt ist und gesehen hat, wie Angela Merkel nach Hause kommt und eigenhändig ihre Tasche aus dem Kofferraum hievt, mag sich gedacht haben: Sie könnte doch einfach schnell zu Spaghetti mit Tomatensoße mitkommen in die Küche ein paar Straßen weiter. So zum Quatschen. Etwa darüber, warum sie so lange brauchte, um im Sommer 2015 nach Heidenau zu fahren.

Oder darüber, wie sie auf die "Wir schaffen das"-Formel kam in der alles umwälzenden Pressekonferenz im deutschen Willkommenskultursommer. Wahrscheinlich hatte sie nur zu viel von dem Aarhuser Riesling, den der dänische Ministerpräsident gerade als Gastgeschenk mitgebracht hatte und den sie zum Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert trank . Und weil Joachim Sauer nicht zu Hause war an jenem Sommerabend, konnte sie in Ruhe ihren Laptop aufklappen, ein Textdokument öffnen - und alles mal fließen lassen.

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Konstantin Richter

Die Kanzlerin: Eine Fiktion

Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 176
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27.01.2023 19.19 Uhr

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So hat sich das zumindest Konstantin Richter ausgedacht, es ist das Setting für sein Buch "Die Kanzlerin". Nein, es ist keine Biografie. Es ist eine sehr charmante Novelle rund um den Sommer 2015 und die Monate danach, als so viele Menschen auf der Flucht unterwegs durch Europa waren, in Budapest am Bahnhof festsaßen, im "March of Hope" zur österreichischen Grenze aufbrachen, bis die Bundesregierung schließlich die Order ausgab, die Grenzen nach Deutschland zu öffnen.

Geschrieben fast als Kammerstück, in dem ein allwissender Erzähler rund um die Gedankenwelt seiner Hauptfigur auch ihre Büroleiterin, den Gatten Sauer, ihre Putzhilfe und den jungen Social-Media-Manager als eine Art vielstimmigen Chor auftauchen lässt.

Dass genau jener historische Umschwung - kondensiert in Merkels verbindlichem "Wir schaffen das" - als bemerkenswerte Begebenheit erscheint in ihrer politischen Biografie, das erkennt man unter anderem daran, dass gerade noch ein Buch dazu erschienen ist: In "Die Getriebenen" dröselt der Politikjournalist Robin Alexander als Tatsachenbericht minutiös auf, wer von den politischen Entscheidern, den Staatssekretären, den Ministerinnen in jenen 180 Tagen was genau gesagt und getan und mit bronchitischem Husten angeordnet hat. Wen also die journalistische Version dieser Phase interessiert, ist damit bestens bedient.

"Was aber denkt und fühlt Merkel ganz persönlich, wenn es um Flüchtlinge geht?", formuliert Alexander rhetorisch, um dann darauf in einer Art Drama-Dreisatz folgen zu lassen, dass die Kanzlerin verschlossener sei als all ihre Vorgänger, aber es eben "einen Moment in ihrer zehnjährigen Kanzlerschaft" gibt, "als Merkel in fast familiärer Umgebung über Flüchtlinge spricht". Und dann eben die Szene wiedergibt.

Ganz vergnüglich eine Kunstfigur geschaffen

Mit derartiger Nachweis-Huberei hält sich Richter gar nicht erst auf. Er geht literarisch in die Vollen. Auch wenn er an den Eckdaten natürlich nicht rüttelt: Seine Novelle sollte bloß nicht als Schlüsselroman missverstanden werden. Er hat ganz vergnüglich eine Kunstfigur geschaffen.

Die nur möglich werden konnte, weil es Angela Merkel gelang, in all den Jahren hinter der Bundeskanzlerin einigermaßen verborgen zu bleiben. Abgesehen davon, dass sie im Sommer die Wagner-Festspiele besucht, erklärtermaßen gute Kartoffelsuppe kocht oder prima Witze erzählen können soll. Ihre öffentliche Persona ist so kontrolliert vage, dass sie - etwa im Vergleich zum Ex-US-Präsidenten Barack Obama oder sogar Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder - eine fast neutrale Leerstelle bleibt.

Einfach, wie der Journalist Konstantin Richter, der für "Politico", aber auch für "Welt" und "Zeit" schreibt, nassforsch hinzugehen und diese Leerstelle zu füllen mit einem Leben, in dem Merkel Kohlrouladen kocht, während sie mal eben mit allen EU-Chefs die diplomatische Flüchtlingskrise bespricht, eigentlich Wagner zu überkandidelt findet und Sauer endlich mal sagen kann, dass sein Lieblingsgrieche in Charlottenburg nun wirklich seine besten Tage gesehen hat: Diese Idee macht schlicht sehr großen Spaß. Gerade weil er die Grenzen zwischen Realität und Fiktion weit hinter sich lässt. Und sie mit seiner Fantasie in die Luft jagt. Da muss nichts verklausuliert werden, weil die Novellenfigur mit der uns regierenden Kanzlerin gar nicht verwechselt werden kann.

"Die Kanzlerin hatte schlichtweg zu viel gelesen"

Man kennt diesen Effekt, den fiktionale Biografien haben können, etwa von Eric-Emmanuel Schmitts "Adolf H. Zwei Leben" und letztlich auch von Daniel Kehlmanns"Die Vermessung der Welt" über Humboldt und Gauß .

Konstantin Richter geht sogar noch einen Schritt weiter und führt das Verhältnis von Original und Abbild genüsslich ad absurdum, indem seine Kanzlerin es als Teil ihres Jobs begreift, alle Biografien über sich zu lesen - bis ihre Identität mit der ihrer Porträts verschwimmt: "Die Kanzlerin hatte schlichtweg zu viel gelesen", heißt es, "und wusste nicht mehr, woran sie sich selbst erinnerte und was sie bloß bei Langguth, Boysen und Roll über sich erfahren hatte." Vor allem, da alle irgendwie voneinander abzuschreiben schienen.

Richter lässt Merkel grübeln, zart, stinkwütend und peinlich berührt sein. Er lässt sie in der Oper in Ohnmacht fallen, im Auto einpennen, sich in ihrer Datsche erholen. Er lässt sie verdammt amtsmüde sein und dann, im Sommer 2015, auf einmal einen moralisch aufgeladenen Ruck in ihrem Dasein spüren, der alles verändert. Zusammen mit Riesling und Mozart. Selbstverständlich macht er sie dadurch nahbar und sympathisch, und sicher könnte man skeptisch rügen, dass das ja nun wirklich fast Wahlwerbung für Merkel ist.

Aber es ist eben kein Heldinnenepos. Im Gegenteil: Richters "Die Kanzlerin" ist eine geniale Persiflage auf die Obsession unserer transparenten Ära, in der Hochglanzstorys bei Bundespolitikern zu Hause Usus sind. Und in der ein Instagram-Account mit Fotos von Angela Merkel binnen weniger Wochen 12.0000 Abonnenten sammelte. 

Wer braucht schon Fakten, wenn er sich der rührenden Fiktion hingeben kann, die Richter schuf: "'Daa-da-da-da-da', sang die Kanzlerin und schrieb: 'Trotzdem ist Deutschland kein schlechtes Land'."

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