Neuer Olive-Kitteridge-Roman Diese Frau haut einen um

Was ein Glück: Olive Kitteridge ist zurück. Elizabeth Strout, die für den ersten Roman über die schlecht gelaunte Mathelehrerin den Pulitzer Preis gewann, erzählt nun in "Die langen Abende" von Olive als Mittsiebzigerin.
Frances McDormand als Olive Kitteridge in der gleichnamigen HBO-Serie

Frances McDormand als Olive Kitteridge in der gleichnamigen HBO-Serie

Foto: HBO

Dass wir Olive Kitteridge geschenkt bekommen haben, als Figur, gehört zum großen Glück der Literaturgeschichte.

Allein der Name, hören Sie genau hin: Olive Kitteridge. Bisschen altertümlich, aber weich der Vorname, dann reinster spreißel-reicher Pressspan: hart, unerbittlich. Zusammengerutscht zu einem Zischen, dass einem ganz eng wird in der Kehle. In diesen drei Silben steckt alles, was man wissen muss, um zu ahnen: Diese Frau wird einen umhauen.

Schon allein, weil sie als Frauenfigur in einem Roman nicht sympathisch sein muss, wie sonst meist. Olive Kitteridge, eine alte Witwe, schlecht gelaunt, rumpelt blaffend sie alle um sich herum an. Und ist dabei so unverblümt, dass andere ihr Mitgefühl x-mal direkter spüren als bei sorgsam gewundenen Rhetorikkränzen. Jemandes Mutter ist gestorben? "Grauenhaft." So kondoliert eine Olive Kitteridge.

Bedanken Sie sich bei Elizabeth Strout. Vor allem dafür, dass die US-Schriftstellerin die Geschichte von Olive Kitteridge, die sie 2008 in "Mit Blick aufs Meer" erfunden hat und dafür gleich den Pulitzerpreis erhielt, nun tatsächlich weitererzählt.

Und zwar wieder so, dass es nicht anders geht, als dauernd laut rauszulachen. Bitterer Ernst ist einfach eine grandiose Grundlage für Situationskomik. Strout hat mit dieser Frauenfigur ein Vorbild geschaffen, die ihresgleichen sucht: in der Literatur wie anderswo.

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Die langen Abende: Roman

Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 352
Autor: [Strout, Elizabeth]
Übersetzt von: Sabine Roth
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Olive, also. Mitte 70, pensionierte Mathelehrerin, der erste Mann tot, der Sohn weit weg, er kann sie nicht leiden und sie ihn nicht und seine Frau schon drei Mal nicht. Olive Kitteridge gehört zu jenen Menschen, die abends die Klamotten ordentlich zusammengefaltet auf einen Stuhl legen.

Sie trinkt keinen Alkohol, weil warum auch, Kontrollverlust, um Himmels Willen. Sie hasst undankbare Menschen, versucht höflich zu sein, so weit es geht, flucht aber innerlich dabei. Oft auch äußerlich. "Oh Godfrey", sagt sie dann, es ist unübersetzbar: ein Fluchen also, aber gerade noch an der Gotteslästerung vorbei. Sie wohnt in Maine, jenem Bundesstaat, der sich ganz oben rechts in der Ecke der US-Karte an der zerklüfteten Atlantikküste festkrallt, aber wirkt, als würde er sich eher zu den kanadischen Provinzen hinstrecken, die ihn umgeben.

Immer eine Präsenz. Unübersehbar. Nervig. Hilfsbereit.  

Der Roman nimmt den Faden etwa da auf, wo der erste aufhörte (Man kann aber auch einfach direkt bei diesem einsteigen!): Olive Kitteridge fängt zögerlich eine neue Beziehung an mit Jack Kennison, auch verwitwet, sanfter Ex-Harvard-Prof.

Strout erzählt mehreres zugleich. Es ist zum einen ein hellsichtiges Buch über das Lieben, wenn wir älter werden, also anders aufs Leben schauen, andere Prioritäten setzen, denn, wie Jack sagt: "Wir haben nicht viel Zeit". Und so schauen wir zu, wie sich das Wir der beiden wandelt über die folgenden Jahre - und beide verändert.

Zugleich porträtiert Strout jene Kleinstadt in Maine. Wieder dröselt Strout alles auf in Kurzgeschichten, die sich wie Ebbe und Flut ablösen, Steine, Treibgut, Schätze anschwemmen: Über Kayley, Achtklässlerin, die putzen geht, um Geld dazu zu verdienen und anfängt, zu verstehen, was Begehren ist. Über Cindy, die an Krebs erkrankt. Suzanne, deren alter Vater gerade bei einem Hausbrand umkam. Sie alle versuchen, sich zu verorten. In Familienkonstellationen, in Ehen, als Kinder, als Nachbarn. Als Teenager, Trauernde, Grübelnde.

Über diese Storys – von der wirklich jede funkelnder ist als die nächste, so tief wie erheiternd – porträtiert Strout Olive Kitteridge. Denn die schaukelt wie ein Stück Kork auf dem Wasser in diese Geschichten rein und wieder raus, mal ist sie anwesend, mal wird nur über sie gesprochen. Sie ist Nachbarin, die alte Lehrerin, man kennt sich vom Sehen. Aber immer eine Präsenz. Unübersehbar. Nervig. Hilfsbereit.  

Stellen Sie sich bei all dem ruhig vor, dass Olive aussieht wie Frances McDormand (die hochschwangere "Fargo"-Polizistin, Sie wissen schon) Auch wenn sonst eigene Fantasien allen von Filmfassungen diktierten Bildern vorzuziehen sind: In dieser Miniserie von 2014 war McDormand Olive. Denn besser kann man sich diese grumpelige, fluchende Frau kaum vorstellen: die gutherzig und unwirsch und störrisch zugleich ist, sich über sich selbst ärgert. Überlegt, ob sie einsam ist und wie sehr. Ob sie versagt hat, mit ihrem Leben. Und ob sie sich selbst überhaupt mag.

Auch deswegen macht der Originaltitel so viel mehr Sinn als der deutsche. "Die langen Abende", das ist Altersheim, depressive Einsamkeit, Hoffentlich-ist-es-bald-vorbei. "Olive, again" dagegen, das klingt einerseits wie ein genervtes "Och, Olive schon wieder, ey". Und andererseits beruhigend: "Ah, da ist sie ja, immer noch, mit gewohntem Zunder".

Olive Kitteridge lebt vor, dass man nicht sympathisch sein muss, um liebenswert zu sein. Und das ist für Frauenfiguren wirklich eine großartige Voraussetzung. Für ältere erst Recht. Auch nach viel Grübeln: So Recht will einem nichts Vergleichbares einfallen.

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