"Die letzten Tage des Condor" Ist das noch Paranoia oder schon der Überwachungsstaat?

Robert Redford spielte den Agenten im Siebzigerjahre-Kinohit "Die drei Tage des Condor". Nun konfrontiert sein Erfinder, der Autor James Grady, die Figur mit der Allmacht der Algorithmen. Kann Condor entkommen?
Filmszene aus "Die drei Tage des Condor"

Filmszene aus "Die drei Tage des Condor"

Foto: ddp images

Robert Redford, Faye Dunaway, Max von Sydow - auch dank dieses Wunder-Casts gehört Sydney Pollacks Thriller "Die drei Tage des Condor" zu den Siebzigerjahrefilmen, die man auch noch in vielen Jahrzehnten nachwachsenden Generationen vorführen sollte, um ihnen zu zeigen, wie das Leben so war damals, in den Seventies, in den USA.

Die Menschen hatten - zumindest im Kino - mehr Stil als heute, und man las in ihren Gesichtern die Enttäuschung darüber, dass die Versprechen der frühen Sechziger, als JFK das gelobte Volk in ein ewigwährendes Glück zu führen versprach, sich als Lügen entpuppt hatten. Spätestens mit Vietnam und Watergate war das Vertrauen der Amerikaner in die Staatsmacht und ihre Organe pulverisiert worden.

Davon erzählt Sydney Pollacks Film auf wunderbare Weise. So wunderbar, dass in Vergessenheit geraten ist, dass nicht er sich die Geschichte ausgedacht hatte. Nein, die Idee von dem naiven CIA-Mann mit dem Decknamen Condor, der durch Zufall einen Anschlag auf sein Büro überlebt, eine Verschwörung innerhalb des Geheimdiensts aufdeckt und zum Whistleblower wird, stammte vom Literaturdebütanten James Grady.

Der war 1974, bei Erscheinen seines Romans "Die sechs Tage des Condor" (Pollock hatte den Stoff auf drei Tage gestrafft), gerade mal 24 und würde kurz darauf schon alles erreicht haben, wovon junge Autoren gemeinhin träumen: Buch, Bestseller, Blockbuster.

Einmal ließ Grady den Condor noch fliegen, vier Jahre später, dann wandte er sich anderen Helden zu, schrieb alle paar Jahre einen neuen Thriller und driftete so langsam in die Vergessenheit ab, nur mehr eine Randnotiz in der Geschichte des Genres.

Das könnte sich jetzt ändern. Weil es Pläne gibt, aus "Die sechs Tage des Condor" eine TV-Serie zu machen, und das auch dem dritten Band der Reihe die verdiente Aufmerksamkeit verschaffen sollte. In den USA bereits vor zwei Jahren veröffentlicht, liegt die Fortsetzung jetzt unter dem Titel "Die letzten Tage des Condor" in einer ausgezeichneten deutschen Fassung der Krimiautorin Zoë Beck vor.

Das Wahnhafte ist zum Normalzustand geworden

Wobei Fortsetzung eigentlich nicht zutrifft: James Grady hat ein Update angefertigt, die Geschichte von der Jagd auf Condor für eine neue Zeit adaptiert. Während das Original Skepsis und Zweifel und aufkommende Paranoia konsequent weiterdachte, zeigt Condor 3.0, dass wir längst ins Zeitalter der Hyper-Paranoia eingetreten sind.

Geradezu altbacken klingt inzwischen William S. Burroughs' berühmtes Zitat "Der Paranoide ist derjenige, der die Wahrheit kennt", das Wahnhafte ist zum Normalzustand geworden in einer Welt, die so gläsern ist, dass Orwells "Big Brother" seine Freude dran hätte. Und Thomas Pynchon, dessen Roman "V." bis heute das Referenzwerk der Paranoia-Literatur ist.

Auch Grady verneigt sich vor dem Vorbild, gibt der Verschwörung, in deren Sphäre Condor gerät, die Chiffre V. V für Verdampfer, erklärt Condor einmal, der inzwischen den Tarnnamen Vin trägt, nach Steve McQueens Rolle in "Die glorreichen Sieben": "Alles löst sich wie Dampf auf. Kein Name, kein Hauptsitz, keine Ausrüstung, keine Ausweise, keine Website oder E-Mail-Adressen, keine Datenketten, kein Ablaufdiagramm, weil es keine Organisation gibt. (…...) Vielleicht läuft V mittlerweile vollkommen automatisiert." Eine allumfassende Verschwörung, in der nicht nur niemand den anderen kennt, sondern die meisten nicht einmal wissen, dass sie Teil davon sind. Die perfekte Spionage-Maschinerie also - bis Vin in ihr Visier gerät.

Der hat eigentlich mit Verschwörungen, Spionage und dem ganzen Rest abgeschlossen: Einen längeren Aufenthalt in einer CIA-Psychiatrie hat er hinter sich gebracht; gerade erst als halbwegs geheilt entlassen, lebt er allein irgendwo in Washington, arbeitet irgendetwas Sinnloses in der Library of Congress und ist irgendwie aussichtslos in eine Kollegin vernarrt. Ein abgeriegeltes Leben, eintönig, aber wenigstens überschaubar, das zu einem abrupten Ende kommt: In seinem Apartment wird ein gekreuzigter CIA-Agent gefunden - und der durchgeknallte Vin ist der logische Verdächtige.

Gemengelage aus Paranoia und Irrsinn

Vierzig Jahre später hetzt Grady seinen Helden ein weiteres Mal durch Washington, lässt Vin wieder zu Condor werden, zu einer bedrohten Art. Und wieder findet er Unterschlupf bei einer Frau, die ihn erst widerwillig aufnimmt und dann seinem immer noch vorhandenen Charme verfällt.

Doch auch wenn die Geschichte sich wiederholen mag: Die Welt, in der sie spielt, hat sich radikal gewandelt. Niemand kann sich vor der Allmacht der Algorithmen verstecken, jedenfalls nicht für lange. Auch nicht Condor, der erfahrene Profi, der trotz all seiner Tricks immer wieder aufgespürt wird. Am Ende kommt er dennoch so etwas wie einer Wahrheit nahe: Weil in einer Welt, die wahnsinnig geworden ist, nur ein Wahnsinniger noch den Durchblick hat.

Angesichts dieser Gemengelage aus Paranoia und Irrsinn ist es nur konsequent, dass Gradys Roman Konsistenz weitgehend abgeht. Stattdessen: permanente Tempo- und Perspektivwechsel, durcheinanderwirbelnde Zeitformen, schräge, aber einprägsame Bilder ("Das Capitol leuchtete wie ein Elfenbeinschädel"). Mal schreibt Grady Sätze, die sich um den Don-Winslow-Award für radikale Verknappung zu bewerben scheinen, ins Leere laufen oder einfach abbrechen. Dann folgt ein Bandwurmsatz von Thomas Mannscher Komplexität.

Grady komponiert Sätze, die ihr Geheimnis nicht einfach preisgeben, sich in ihrer Sperrigkeit dem Verständnis zu entziehen und immer noch auf weitere, tiefer liegende Bedeutungsebenen zu verweisen scheinen - Sprache als paranoides System sozusagen. So funktioniert der Roman zugleich als turbobeschleunigter Thriller (Der Mann kann Actionszenen schreiben wie kaum ein anderer!), als sardonische Kritik an den Methoden der (US-)Geheimdienste nach 9/11 und als sein eigener Metakommentar: Die Konstruktion von Sinn, zeigt Grady, weist immer auch paranoide Züge auf.

Am Ende gibt es keine letzten Wahrheiten, kein Gut und kein Böse, nur totalen, leidenschaftslosen Pragmatismus. Und das ist die wahrhaft erschreckende Botschaft dieses Romans, der es schafft, gleichermaßen old school und absolut auf der Höhe der Zeit zu sein.

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James Grady:
Die letzten Tage des Condor

Aus dem amerikanischen Englisch von Zoë Beck

Suhrkamp Verlag;
368 Seiten; 14,99 Euro.

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