Bissige Gesellschaftssatire Ewig fit, ewig schön? Versuchen kann man es ja mal

Lionel Shriver erzählt in ihrem neuen Roman von einem Ehepaar, das sich verzweifelt an frühere Ideale und die eigene Jugend klammert – und von einem woken Zeitgeist überholt wird.
Von Jana Felgenhauer
Autorin Shriver: Von Herzenslust gegenseitig Bisswunden zufügen

Autorin Shriver: Von Herzenslust gegenseitig Bisswunden zufügen

Foto: David Levenson / Getty Images

Mit »We Need to Talk about Kevin«, einem Roman über einen Jungen, der an einer High School Amok läuft, landete Lionel Shriver vor fast zwanzig Jahren einen Bestseller, der später mit Tilda Swinton in der Hauptrolle verfilmt wurde. Seitdem hat sich die Autorin vor allem in den USA etabliert. Ihr neuer Roman erzählt als Satire vom Clash zwischen Generationen und Lebensstilen in der westlichen Wohlstandsgesellschaft: Serenata und Remington sind beide über sechzig und seit Jahrzehnten verheiratet. Während ihn Sport immer kaltließ, war sie einst nicht nur eine Trendsetterin, die hippe Bands vor allen anderen entdeckte, sondern auch eine Macherin, die täglich ihre Kilometer lief, Körper und Selbst definierte und sich stets über die Faulen erhaben fühlte.

Doch nun ist der Knorpel im Knie futsch, Knochen reibt auf Knochen. Die Arthrose wird zur Qual: »Schmerz machte einsam, denn wer ihn nicht spürte, glaubte nicht an ihn, und wer ihn spürte, glaubte eigentlich an nichts anderes mehr.« Gleichzeitig, auch das schmerzt, will Serenatas Ehemann plötzlich für einen Marathon trainieren. Die Fitnesstrainerin »Bambi«, eine Enddreißigerin mit Barbiefigur und Sinnbild der gut gelaunten Leistungsgesellschaft, hat ihn in ihren Fängen. Ewig jung, ewig fit, ewig schön? Versuchen, kann man es ja mal. Bambi kennt die Sehnsüchte älterer Männer wie Remington und macht Kasse mit ihnen. So holt sie Remington in einen Klub von Wahnsinnigen, die Extremsport zur Religion erhoben haben und deren Bestimmung es ist, an Triathlon-Events teilzunehmen.

Shriver stachelt alle gegeneinander auf

Das Ehepaar driftet auseinander – und wird außerdem noch von einem woken Zeitgeist überholt, der mit den beiden nichts mehr anzufangen weiß: Remington ist wegen einer Auseinandersetzung mit seiner neuen Vorgesetzten, die alles in Richtung »Antidiskriminierung« umkrempelt, in Frührente geschickt worden. Serenata fällt als weiße Synchronsprecherin in Ungnade, weil sie Dialekte von Schwarzen nachahmt. Früher setzte sie selbst Trends in links codierten Subkulturen, trug Tattoos, als die allermeisten Häute noch blank waren. »Kulturelle Aneignung« und »Genderneutrale Toiletten« waren noch kein Thema. Nun sind sie und ihr Mann es, die auf der falschen Seite stehen.

Alt gegen jung, hässlich gegen schön, gesund gegen krank und Ehemann gegen Ehefrau: Shriver stachelt alle gegeneinander auf und nimmt zudem jede Debatte mit, die in der Wohlstandswelt gerade so herumwabert. Das macht »Die Letzten werden die Ersten sein« so unterhaltsam wie bissig, vor allem, weil die Autorin den Roman stilistisch wohl gezielt nüchtern hält. So entsteht der Eindruck einer Riege aus Figuren, von denen keiner und keine als Sympathieträger taugt, die sich aber von Herzenslust gerne gegenseitig Bisswunden zufügen.

Einen ihrer vielen Höhepunkte erreicht die Geschichte, als Shriver noch den Sohn des entfremdeten Paars als nihilistischen Totalverweigerer ins Rennen schickt. Mit düsterer Schönheit gesegnet, verbraucht er Frauen »wie Kleenex«, pfeift auf Sport, futtert Fast Food, dealt – und lässt doch überraschende Weisheiten durchblitzen: »Du warst – was, fünfundvierzig Jahre lang? – eine heiße Braut«, sagt er zu seiner Mutter. »Lass los.«

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