Familienroman "Die Marschallin" Tito zu Gast bei den Salonkommunisten

In ein sehr italienisches Milieu - großbürgerlich und zugleich kommunistisch - führt der Roman von Zora del Buono. Ihre Heldin bewältigt den Weg durch das 20. Jahrhundert mit Schwärmerei und Realismus.
Wird von der Hauptfigur des Romans zu Hause empfangen: Marschall Tito

Wird von der Hauptfigur des Romans zu Hause empfangen: Marschall Tito 

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"Sie sprachen oft über den Tod, am liebsten nach dem Abendessen im Salon." So geht es zu in diesem Roman, der über 380 Seiten die Geschichte einer Familie erzählt: Man darf sich Zeit lassen, sonst verpasst man die schönsten Pointen.

Es sind buchstäblich Salonkommunisten, die hier über das Sterben und seine Folgen räsonieren - über Grabmäler aus Marmor, über berühmte Leichen der Literatur wie Shakespeares Ophelia, über die "Toteninsel" von Böcklin; "vor allem aber sprachen sie über Leberbeschwerden und deren Folgen". Denn einen guten Drink oder einen kostbaren Wein verachtet niemand in diesem Salon im süditalienischen Bari, der von einer slowenischen Arztgattin und ihrem Mann betrieben wird.

Es geht in jeder Hinsicht großzügig zu, auch ideologisch. Nicht zugelassen sind lediglich die Faschisten, deren Aufstieg die Familie so fürchtet wie bespöttelt. Es ist ja auch zu komisch, wohin das nationalistische Tümeln führt: Aus Benny Goodman soll Beniamino Buonuomo werden, und statt in die Bar soll man nun zum quisibeve (hier trinkt man) gehen. Da sich das allerdings nicht durchsetzen lässt, deklariert das Ministerium "die amerikanische Bar einfach in die Abkürzung von bevande alcooliche rivendita um", und so wird über den Umweg des Akronyms die bar wieder bar.

Die Schweizer Autorin Zora del Buono liebt das historische Detail, aber nicht das epische, das leinwandbreite Erzählen. Sie hat einen Roman in Anekdoten geschrieben, so kunstvoll wie methodisch genau verknüpft. Hauptfigur ist ihre Großmutter – bis auf das große D namensgleich mit der Autorin. Zora Del Buono, familienintern auch "die Marschallin" genannt, sieht, als sie 1980 hochbetagt (aber nicht leberkrank) stirbt, auf ein dramatisches Leben zurück.

An ihrem Geburtsort im Isonzotal fanden berüchtigte Schlachten des Ersten Weltkriegs statt; aus einer dörflich-patriarchalen Vielvölkernische wurde ein Ort der Zerstörung, der Verlassenheit und des Nationalismus. Durch ihren Ehemann gerät die einzige Tochter einer Gastwirtsfamilie in ein großbürgerliches, zugleich kommunistisches Milieu – ein sehr italienisches Phänomen –, in dem sie ihre Intelligenz und ihre Tatkraft zumindest als Heimspiel entfalten kann.

Ein kurzer Ausflug in Richtung jugoslawische Front, wo ihre Genossen gegen die Faschisten kämpfen, scheitert zwar aus nie geklärten Gründen, denn die Beinahe-Partisanin schweigt sich aus über Details. Doch immerhin darf sie den großen Marschall Tito in ihrem stilvollen Haus empfangen. Schwärmerei und Realismus zeichnen sie gleichermaßen aus, Sentimentalität aber ist ihr fremd: Vergeblich wartet sie, Mutter von drei Söhnen, auf den Sinn des Lebens aus der Muttermilch.

Del Buono schuf eine so harte wie interessante Heldin. Aus deren Biografie eine Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht, die das Ungewöhnliche favorisiert, aber nie ins Kuriose entgleitet. Dass der Roman stilistisch zudem ein unerhörtes Vergnügen ist, ohne jede Phrase oder Prätention, macht ihn zu einem doppelten glücklichen Sonderfall.