Literatur über die Aids-Epidemie Herzen, in immer kleinere Fetzen gerissen

In ihrem großen Roman "Die Optimisten" erzählt Rebecca Makkai, wie die HIV-Infektion in den Achtzigerjahren die USA erreichte. Anklänge an die Gegenwart sind unvermeidlich.
Pride-Parade in Chicago 1987: Das rasante Näherkommen des unbezwingbaren Gegners

Pride-Parade in Chicago 1987: Das rasante Näherkommen des unbezwingbaren Gegners

Foto: Mark Reinstein/ Corbis/ Getty Images

Einer sagt: "Da draußen lauert ein Ungeheuer, das sich Männer schnappt, die nichts anbrennen lassen." Und eine andere beklagt: "Was mich mitnimmt ist, dass ich einunddreißig bin und meine Freunde einer nach dem anderen krepieren."

Man schreibt das Jahr 1985 zu Beginn von Rebecca Makkais Roman "Die Optimisten", als diese Sätze fallen. Denn das "Ungeheuer", von dem ihr Protagonist spricht, trägt die wissenschaftliche Bezeichnung "Human Immunodeficiency Virus", kurz HIV - Typ 1. Zwei Jahre zuvor hatten die französischen Wissenschaftler Francoise Barré-Sinoussi und ihr Kollege Luc Montagnier in Paris jenes Aidsvirus entdeckt, das bis Ende 2018 nach UN-Angaben  weltweit rund 74,9 Millionen Menschen infizierte - und etwa 32 Millionen Menschen das Leben kostete.

Was das Virus von Mitte der Achtzigerjahre an in der Schwulenszene von Chicago anrichtete, speziell in dem Viertel des Stadtteils Lakeview, das "Boystown" genannt wird: Das zeigt die Autorin Rebecca Makkai am Beispiel einer Handvoll Figuren, die sie vom Ausbruch ihrer Krankheit bis zu deren Ende begleitet. "Denn da war bereits die Liste derer aus Yales Bekanntenkreis, die schon krank geworden waren: die die Läsionen an ihren Armen noch verbergen konnten, aber nicht die im Gesicht; die schauderhaft husteten, immer dünner wurden, auf eine Verschlechterung warteten."

Es beginnt mit der Trauerfeier des an seiner Krankheit bereits gestorbenen Comiczeichners Nico. Die Hauptfiguren des Romans kommen in dessen Elternhaus zusammen, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Aber auch, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen für den Kampf, der jedem Einzelnen von ihnen im Folgenden bevorsteht.

Denn bis zur Einführung der hochaktiven antiretroviralen HAART-Therapie im Jahr 1996, die ihre Leben retten könnte, werden elf lange Jahre vergehen. Den im amerikanischen Aids-Epizentrum des Jahres 1985 Gefangenen hilft das nicht. So kämpfen Makkais Infizierte von Anfang an einen aussichtslosen Kampf - unter ihnen der junge Kunstkenner Yale und sein Partner Charlie, die zunächst unverdrossen weitermachen mit ihren ins Visier der Krankheit geratenen Leben.

"Du musst da bleiben, wo Menschen sind, die dich lieben"

Charlie leitet als Herausgeber ein Trendmagazin, das sich Außenseiterthemen widmet, während Yale für eine Kunstgalerie Spender an Land zu ziehen sucht. Doch mit jedem Tag, der vergeht, fühlen sie, wie der unbezwingbare Gegner näherkommt, sodass Yale einmal stellvertretend für seine Freunde ausspricht, was sie alle im Inneren bewegt, nämlich, "das Bewusstsein dafür, die Reste seines Herzens zu schützen, die bei jeder Trennung, jedem Scheitern, jeder weiteren Beerdigung, jedem Tag auf der Erde in immer kleinere Fetzen gerissen wurden".

Anschaulich versteht es die 1978 geborene Makkai, die einzelnen Geschichten ihrer Figuren zu einem Stimmungsbild im Zeichen der Aids-Epidemie in Chicago zu verdichten. Denn so tapfer ihre Protagonisten ihrem Schicksal auch zu trotzen versuchen, sie bleiben Existenzen auf Abruf, dem Tod geweiht.

Yale gelingt es, eine betagte Kunstsammlerin zur Schenkung einer Reihe bislang unbekannter, wertvoller Gemälde zu bewegen. Doch als Charlie sich bei einem Seitensprung das Virus holt und dann Yale damit infiziert, sind auch dessen Tage gezählt. Das Paar geht getrennte Wege; jeder nutzt die wenige, ihm verbleibende Zeit auf seine Weise. "Du musst da bleiben, wo Menschen sind, die dich lieben", sagt Yale - um nicht wieder in die Falle zu tappen, weil man denkt, "es gäbe da draußen noch irgendeinen besseren Ort".

Nach einem Zeitsprung in das Jahr 2015 erzählt Makkai die Geschichte von Fiona, der Schwester von Nico, dem ersten Aids-Opfer des Romans. Sie fliegt nach Paris, um dort mithilfe eines Detektivs ihre in die Fänge einer Sekte geratene Tochter zu suchen.

Dort trifft sie auf einen inzwischen betagten schwulen Freund aus alten Chicagoer Tagen: den berühmten Fotografen Richard Campo. Und während die Terroranschläge vom 13. November Paris erschüttern, holen sie die alten Geschichten auf schmerzhafte Weise noch einmal ein. Was plötzlich greifbar wird, ist eine überzeitliche Angst, die Makkais Roman beschwört: "Wartet man nicht eigentlich permanent darauf, dass die Welt aus den Fugen gerät? Wenn die Verhältnisse stabil sind, dann immer nur vorübergehend."

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Die Optimisten: Ein brillanter und bewegender Roman über die Liebe in schwierigen Zeiten

Autor: Rebecca Makkai
Verlag: Eisele Verlag
Aus dem Amerikanischen von: Bettina Abarbanell
Seitenzahl: 624
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So lässt sich Makkais großer, unter die Haut gehender Roman heute ebenfalls als passender Kommentar zu den aktuellen globalen Vorgängen lesen - auch wenn die darin geschilderte Pandemie eine andere war. Das stellt ihn in eine Reihe mit Albert Camus' plötzlich wieder hochaktuellem Roman "Die Pest" oder Philip Roths Buch "Nemesis", in welchem der US-Schriftsteller eine fiktive Polio-Epidemie im amerikanischen Sommer 1944 beschwor.

Am Ende schließt sich für Makkais Roman und ihre Figur Fiona der Kreis. Denn das ist es, was Fiona beim Anschauen einer von Richards Videoinstallationen sieht, in die er alte Fotos der Freunde von einst eingearbeitet hat: "Junge Männer mit den Händen in den Hosentaschen, die darauf warteten, dass alles begann."