Killer-Abgesang "Die Plotter" Nach dem Mord ist vor dem Bier

Skandinavische Thriller kennt jeder. Aber koreanische? Kim Un Su porträtiert in seinem genialen Roman eine Welt, in der das Morden nur nach den Gesetzen des Markts funktioniert.

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Nicht dass Raeseng, der Killer, nach erledigtem Auftrag feiern gehen würde. Im Gegenteil: Er fühlt sich seltsam träge. Und redet sich ein, keine Schuldgefühle zu haben und keinen Selbsthass zu empfinden. Cool, ganz cool gibt er sich, wie die Vorbilder aus dem Kino: Nach dem Mord ist vor dem Bier. Aber warum liegt er dann tagelang im Bett, der Kopf bierschwer, bleierne Müdigkeit in den Knochen? Und warum wird es ihm zunehmend unmöglich, die Aufträge der Plotter exakt so zu erfüllen, wie vorgesehen?

Die Plotter, das sind die Menschen, die den Job vorbereiten, das präzise Drehbuch entwerfen, in dem alle großen W-Fragen geklärt sind: Wann soll der Mord geschehen und mit welcher Waffe, und wie soll die Leiche entsorgt werden? Plotter, Spotter und Killer sind Teil eines ausgeklügelten Systems, das der südkoreanische Autor Kim Un Su Kim für seinen Thriller "Die Plotter" entworfen hat.

Autor Kim Un Su
Dahuim Paik

Autor Kim Un Su

Es funktioniert nach den Gesetzen des Markts, nach Angebot und Nachfrage, und es kennt keine anderen Regeln. Wer einen Killer sucht, Drogen oder Waffen, der besucht den Fleischmarkt, "den kapitalistischsten aller Märkte. Nichts war verboten, nicht durch Recht, Gesetz oder Moral". Hier kann die Hausfrau ihren ungeliebten, aber vermögenden Ehemann entsorgen lassen, lässt der Wirtschaftsboss seine Konkurrenz ausschalten, verscherbelt der glücklose Glücksspieler erst seine Organe und irgendwann die seiner Kinder.

Gefühle stehen dem Tausch von Dienstleistungen und Waren gegen Geld nur im Weg, und Raeseng ist ein Produkt dieses entfesselten Kapitalismus, ein einsamer Auftragnehmer, der ein trostloses Dasein führt. Töten, Bier, töten, Bier, und immer so weiter, bis zu dem längst einkalkulierten frühen Tod: "Ich habe gelebt wie ein Wurm, und ich werde sterben wie ein Wurm."

Kim gönnt seinem Helden zu keiner Zeit die Grandezza, die Auftragskillern im klassischen Thriller gern zugeschrieben werden. Raeseng ist weder einer der großen Einsamen, kein verkappter Philosoph des Sterbens, noch ist er ein hedonistischer Globetrotter, der sich mit Champagner und schönen Frauen vergnügt. Er ist wenig mehr als der Finger, der den Abzug betätigt, die Faust, die Knochen brechen lässt. Auch wenn er genau weiß, was er tut und für wen, lässt er sich benutzen, wieder und wieder: "Die Vorstellung, man könnte jemanden umbringen für etwas, woran man glaubte, jagte ihm Angst ein."

Sechsstellige Vorschuss-Summe

Eine Angst, die er schon in seiner Jugend entwickelte, als er in der Bibliothek, in der der Waisenjunge als Ziehkind eines Meister-Plotters aufgewachsen ist (und die gleichzeitig als Treffpunkt von Killern dient), das Lesen für sich entdeckte. Während er all die großen Helden - allen voran sein Liebling Achilles - am Ende fallen sah, überkam ihn "ein überwältigendes Misstrauen gegenüber dem Leben".

Dass der Junge, der sich in der Literatur verliert, später zum Killer wird, der dafür sorgt, dass die von den Plottern erdachten Geschichten ein Happy End in ihrem Sinne haben, gehört zu den vielen feinen Volten dieses Romans, der zwar Thriller-Konventionen durchaus bedient, sie aber weit hinter sich lässt.

Raeseng, der eiskalte Engel, der mit Anfang 30 mit dem Leben längst abgeschlossen hat, wird im Verlauf des Romans doch noch lernen müssen, Stellung zu beziehen. Eine Frau, Mito, tritt in sein Leben, und das - fast - mit einem Knall: Sie installiert eine Mini-Bombe in Raesengs Wohnung, und weil er wieder einmal im Bierrausch ist, hätte er sie beinah übersehen.

Dabei wollte Mito nur seine Aufmerksamkeit erregen - der Killer soll ihr dabei helfen, den Fleischmarkt zu vernichten. Dafür ist sie zu allem bereit. Zu töten und getötet zu werden. Und Raeseng wird an etwas denken müssen, das eines seiner früheren Opfer zu ihm sagte: "Nur wer wirklich seinen eigenen Weg geht, kann seinen eigenen Tod wählen."

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Un-Su Kim:
Die Plotter

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

Europa Verlag, 360 Seiten, 24 Euro

Ob er diesen Weg am Ende findet, das ist das eigentliche Spannende an diesem Roman, der sich anschickt, neun Jahre, nachdem er in Südkorea ein großer Erfolg wurde, auch international durchzustarten. Im kommenden Jahr erscheint "Die Plotter" in England und den USA, angeblich wurde eine sechsstellige Summe für die amerikanischen Rechte fällig.

Ob, wie der "Guardian" spekulierte, südkoreanische Thriller weltweit die Kassen klingeln lassen werden wie zuletzt skandinavische Krimis, muss bezweifelt werden: Die Romane von Kim Un Su oder Yu Jeong Jeong ("Der gute Sohn" erscheint im Januar im Unionsverlag) bieten keine generischen Gewaltorgien, sondern verstörende Einblicke in zerstörte Seelen. In "Die Plotter" zeigt Kim das Verbrechen nicht als abweichendes Verhalten, sondern als den Normalzustand in einer Welt ohne Werte. Nicht unbedingt der Stoff, aus dem Bestseller gemacht sind. Aber große Literatur.

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insgesamt 4 Beiträge
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kumbao 14.12.2018
1. Koreanische Thriller
Ich kenne koreanische Thriller bisher nur in filmischer Form. Dort sind sie allerdings hervorragend und stehen den (ebenfalls erstklassigen) skandinavischen Pendants in nichts nach. Mal schauen, mein Interesse ist geweckt und die freien Tage stehen vor der Tür.
derneugrabener 14.12.2018
2. Aus dem Englischen?
Warum wurde das Buch denn aus dem Englischen übersetzt? (Steht da in der Buchbeschreibung) Bei einer doppelten Übersetzung kommt man leider schon mal relativ weit weg vom Original - das mich sehr interessiert. Englische Thriller gibt's ja viele.
Newspeak 15.12.2018
3. ....
Ja, aber was macht diesen Roman denn jetzt grossartig? Ist es die Sprache? Die Charaktere? Oder nur der Hype nach den ausgelutschten Skandinavienthrillern etwas Neues zu finden?
franxinatra 15.12.2018
4. Dank Netflix gibt es manche Blicke über den Tellerrand
bei dem unsere ÖR, so sehr ich deren Berechtigung verteidige, patzen: polnische wie spanische Serien von bestem Unterhaltungswert; leider nicht alle synchronisiert (gesteht das bitte einem zu, der Englisch nicht zur zweiten Muttersprache gemacht hat, liebe Hardcorezuschauer). Die türkischen Serien beim Streamer scheinen sehr interessant, zumindest nicht so schablonenhaft und hölzern wie die Mordbuben Istanbuls. Bin auf den koreanischen Streifen sehr gespannt...
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