Wenn Eltern sterben Papas Pappkladde

Der Schriftsteller Andreas Schäfer erzählt die Geschichte jenes Menschen, der einem oft das größte Rätsel ist: des eigenen Vaters. Ihm gelingt ein berührendes Buch über den Tod – und das Abschiednehmen.
Buchautor Schäfer: Sensibel, behutsam, poetisch

Buchautor Schäfer: Sensibel, behutsam, poetisch

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Mirella Weingarten

»fdFdF« steht auf der weinroten Pappkladde, die der Sohn in der Wohnung des Vaters findet. Für den Fall der Fälle. Darin eine Liste der Personen, die beim Tod des Vaters zu benachrichtigen seien, einige Telefonnummern, die bei der Wohnungsauflösung hilfreich sein könnten, ein Testament. Aber was hilft wirklich im Fall der Fälle? Was hilft, wenn nur Maschinen und der Wille des Sohnes den eigenen Vater noch im Leben festhalten, wenn er gehen wird, unweigerlich, und der Sohn nur entscheiden darf, wann er so weit ist, ihn gehen zu lassen?

Nichts natürlich.

Der Berliner Journalist und Schriftsteller Andreas Schäfer lässt los im Laufe dieses Buches – und begibt sich dann auf eine Suche nach dem Mann, dem er sein Leben verdankt. Er schlägt sich Schneisen durch die Wohnung des Vaters, er durchstreift dessen Zettelwirtschaft, er wandert auf dem Großen Feldberg im Taunus, auf dem der Vater so gerne gewandert ist, er steigt über dieselben griechischen Bergpfade wie dieser, und klar, er bewegt sich dabei auf ausgedehnten Routen auch durch die eigenen Erinnerungen, stets geleitet vom Versuch, den Vater zu verstehen, den er zeitlebens nie so richtig verstanden hat.

Die verschlungenen Pfade der Trauer

Darf man das: die Trauer eines Menschen rezensieren, ihn bewerten für die Art, auf die er eine existenzielle Situation zu bewältigen versucht? Falls es erlaubt sein sollte, verneigt der Rezensent sich an dieser Stelle vor dem Autor. »Die Schuhe meines Vaters« ist ein ebenso persönliches wie allgemeingültiges Buch über die verschlungenen Pfade der Trauer. Und über die Geschichte, die oft die rätselhafteste ist im Leben: die Geschichte der eigenen Eltern.

Wer sind, wer waren sie? Und wie wurde ich aus ihnen heraus zu dem, der ich bin? Es sind die ewigen Fragen der Identität. Die Antworten liegen irgendwo zwischen dem Nähebedürfnis auf der einen und dem Abgrenzungsverlangen auf der anderen Seite.

Schäfer hat sich viele Jahre lang geschämt für seinen Vater, einen Fernweh- und Reisemenschen, den es hinausdrängte in die Welt, der sich sozial aber mehr und mehr einigelte, einen einsamen Weltentdecker, der viel und gern über sich sprach, zu viel vermutlich, einen hochempfindlichen Mann, leicht kränkbar, allzu leicht auch andere kränkend. Schreibend versucht Schäfer nun, seinen Frieden zu machen mit dem, der in Frieden ruhen soll. Ihm gelingt es dabei, die spröde Poesie einzufangen, die den Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen oft zu eigen ist.

Sind Narben vererbbar?

Geboren 1936 in eine Berliner Fleischerfamilie, war Schäfers Vater einst schon als Dreijähriger an den Bodensee verschickt und dort einer kinderlosen Tante überlassen worden. Das war die erste Verletzung. Einige Jahre später, zurück in Berlin, sah er als Siebenjähriger mit an, wie das elterliche Wohnhaus ausgebombt wurde und in Flammen aufging. Das war die zweite Verletzung. Noch viel später verstießen und enterbten ihn seine Eltern, weil er es wagte, eine Ausländerin zu heiraten, Andreas Schäfers griechische Mutter. Die dritte Verletzung.

Jede Verletzung hat eine Narbe hinterlassen, das wird Schäfer mehr und mehr klar. Aber sind Narben auch vererbbar?

Vor mehr als 30 Jahren haben sich Schäfers Eltern getrennt, sich aber nie scheiden lassen. Vielleicht, das merkt der Sohn nun, waren sie auch nie richtig auseinander gegangen. Ihre Verbundenheit reichte tief, fast scheint es, als reiche sie über den Tod hinaus.

Ein Vaterbild löst den Vater ab

Den Vater erzählen, das heißt für Schäfer auch: den realen Menschen, der soeben verstorben ist, durch eine Buchfigur ersetzen, die bleiben wird. Den realen Vater, den er nie ganz verstanden hat, durch ein Vaterbild ablösen, das klarere Konturen hat. Den Vater neu erfinden.

So funktioniert letztlich jede Erinnerung, sie stutzt sich die Vergangenheit zurecht. Nur selten jedoch ist sich die Erinnerung dessen bewusst. In Schäfers Buch ist das anders, in ihm kann man der Erinnerung bei der Arbeit zuschauen. »Die Schuhe meines Vaters« ist eine hoch reflektierte Fremd- und Selbsterkundung, ein Essay mit psychoanalytischer Kraft.

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Schäfer, Andreas

Die Schuhe meines Vaters

Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 192
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Am Ende des Buches steht das Bild eines Mannes, den man gerne selbst kennengelernt hätte. Und dazu eine Erkenntnis: Wer einen Sohn hat, der sich mit einem solchen Buch von einem verabschiedet, so sensibel, behutsam, poetisch, der kann nicht alles falsch gemacht haben im Leben.

Andreas Schäfer: »Die Schuhe meines Vaters«. DuMont; 208 Seiten; 22 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.